«Glanz und Gloria sind nicht sein Ding»

Papst Franziskus kommt nach Genf. Der oberste Schweizer Jesuit Christian Rutishauser wertet den Besuch als Stärkung der liberalen Kräfte innerhalb der Schweizer Kirche.

«Eher nüchtern und pragmatisch.» Foto: Giuseppe Ciccia (Getty Images)

«Eher nüchtern und pragmatisch.» Foto: Giuseppe Ciccia (Getty Images)

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Sind Sie überrascht, dass Papst Franziskus die Schweiz besucht?
Ja, zumal die Schweiz nur ein kleiner Teil der katholischen Kirche ist. Ich gehe davon aus, dass nicht die Einladung durch den Bundesrat der Hauptgrund für die Zusage des Besuchs in der Schweiz war, sondern die ebenfalls erfolgte Einladung durch den Ökumenischen Rat, der ja in Genf zu Hause ist.

Weshalb?
Die Ökumene ist dem Papst ein grosses Anliegen. So hat er im vergangenen Reformjahr mehrere Zeichen in diese Richtung gesetzt – beispielsweise die Reise nach Lund in Schweden zu Beginn des 500-Jahr-Gedenkens an die Reformation. Ich könnte mir gut vorstellen, dass er mit den anderen Kirchenvertretern derzeit aktuelle Themen angeht. Zu denken ist etwa an Fragen wie: Dürfen auch verheiratete Männer als Priester amten? Oder: Dürfen Frauen zu Diakonninen geweiht werden? Auf jeden Fall liegt ihm die Ökumene mit den Kirchen der Reformation und den orthodoxen Kirchen am Herzen.

Was bedeutet sein Besuch für die Schweiz und die Schweizer Katholiken?
Für die breite Bevölkerung ist es sicher ein schönes Zeichen, dass er uns besucht. Bei den Katholiken dürfte sich der liberale Flügel gestärkt sehen, da er ein Vertreter des Reformkurses ist. Interessant wird sein, ob er sich zur staatsrechtlichen Kirchenstruktur in der Schweiz äussert und allenfalls eine Bemerkung zur bald anstehenden Nach­folgeregelung des hierzulande stark umstrittenen Churer Bischofs Huonder fallen lässt. Sowohl die konservativen wie auch die liberalen Kräfte werden ihm genau zuhören.

«Wenn er sich vertieft mit uns beschäftigt, könnte er sicher einiges mitnehmen».

Kann der Papst auch von der Schweiz profitieren?
Er wird sich wohl vor allem in seiner etwas bodenständigen Kirche bestätigt fühlen, da er wie wir Schweizer Katholiken eher nüchtern und pragmatisch an Probleme herangeht. Wenn er sich vertieft mit uns beschäftigt, könnte er sicher einiges mitnehmen – etwa unsere grosse Skepsis gegenüber zu hierarchischen Strukturen.

Wie wird sich sein Besuch von demjenigen des Papstes Johannes Paul II. 2004 unterscheiden?
Glanz und Gloria sind nicht sein Ding, auch wenn er zuweilen wie ein Popstar gefeiert wird. Schön wäre es für die Schweizer Katholiken, wenn er nebst dem eher kirchenpolitischen Besuch in Genf mit einem offiziellen Gottesdienst auch den einfachen Gläubigen ein Geschenk machen würde. Und wir Jesuiten hoffen natürlich, dass er auch Zeit findet, mit uns zusammenzukommen. In der Regel machen das die Päpste, wenn sie ein Land besuchen.

Gibt es noch grössere Differenzen zwischen Rom und der Schweiz?
Nein, die meisten konnten ausgeräumt werden. Die Schweizer Bischöfe und die Kirche stehen zu grossen Teilen hinter dem Kurs von Papst Franziskus. Klar, gibt es seitens der progressiveren Katholiken Forderungen etwa nach einer Anerkennung der Homosexualität als normale Lebensform oder nach einer Lockerung der kirchlichen Sexualmoral. Aber das sind kaum Anliegen, welche die Leute massenhaft auf die Strasse treiben würde.

«Papst Franziskus ist eine Persönlichkeit, der Form und Fassade nicht wichtig sind.»

Demnach erwarten Sie keine Proteste während des für Juni angekündigten Besuchs?
Nein, im Gegenteil. Ich gehe davon aus, dass eine für die Schweiz eher unüblich starke Supportbewegung festzustellen sein wird. Der Besuch wird sicherheitstechnisch indessen eine Herausforderung. In Zeiten von immer brutaleren Anschlägen darf man das nicht auf die leichte Schulter nehmen. Auch wenn die Schweiz bisher von Terrorattacken verschont geblieben ist, gilt sie doch als Drehscheibe für konspirative Treffen und finanzielle Transaktionen.

Sind Sie Papst Franziskus schon persönlich begegnet?
Mehrmals. Zum ersten Mal traf ich Ber­goglio noch als Erzbischof in Buenos Aires vor 13 Jahren.

Was war Ihr Eindruck?
Dass ich es mit einem Menschen zu tun habe, der mit einer überdurchschnittlichen Präsenz überzeugt und auf sein Gegenüber eingeht.

Hat er sich verändert, seit er 2013 zum Papst gewählt wurde?
Nein, er hat seine Natürlichkeit behalten und scheut sich auch heute noch nicht, Gefühle zu äussern.

Wie ist es, mit ihm zu arbeiten?
Papst Franziskus ist eine Persönlichkeit, der Form und Fassade nicht wichtig sind. Das ermöglicht sehr sachliche Gespräche in einer sehr entspannten Atmo­sphäre.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.02.2018, 23:37 Uhr

Christian Rutishauser

Wie Papst Franziskus ist der studierte Theologe Jesuit. Der 52-Jährige berät seit 2014 den Papst bei den religiösen Beziehungen mit dem Judentum.

Papstbesuch

Ein Jahrzehntereignis

Der Bundesrat sei erfreut, dass Papst Franziskus seine Einladung angenommen habe, teilte die Bundeskanzlei gestern mit. Der Papst wird am 21. Juni in Genf erwartet. Eine Delegation der Landesregierung unter der Leitung von Bundespräsident Alain Berset werde den Papst empfangen und mit ihm zu einem offiziellen Gespräch zusammenkommen, teilte die Bundeskanzlei weiter mit. Die weiteren Modalitäten des Papst­besuchs seien in Abklärung.

Eine Einladung für den Papst ausgesprochen hat auch der Ökumenische Rat der Kirchen. Der Weltkirchenrat wurde 1948 in Amsterdam gegründet und hat seinen Sitz in Genf. Ihm gehören inzwischen fast 350 protestantische, anglikanische, orthodoxe und altkatholische Kirchen an.

Der letzte Papstbesuch in der Schweiz fand 2004 statt. Damals reiste Papst Johannes Paul II. nach Bern. Fast 70 000 Personen besuchten die Messe, die der Papst in deutscher Sprache hielt. Lobend erwähnte er damals explizit die grosse Tradition des Respekts der Schweiz für den Menschen. Es sei eine Tradition unter dem Zeichen des Kreuzes – des Roten Kreuzes nämlich. Die Christen der Schweiz sollten auf der Höhe ihrer ruhmreichen Vergangenheit bleiben. Der Besuch hinterliess der Bischofskonferenz zwar ein Defizit von fast einer Million Franken, aber auch zahlreiche emotionale Momente.

Der Besuch von Johannes Paul II. im Jahr 1984 war weit umstrittener und löste auch Proteste aus. Besonders heftig kritisiert wurde damals der Empfang des Oberhauptes der katholischen Kirche durch den Gesamtbundesrat und der grosse Medienrummel rund um seine sechstägige Reise durch die Schweiz. Als inoffizieller Besuch gilt seine Visite bei den internationalen Organisationen in Genf im Jahr 1982. (SDA/gr)

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