Giftiges Duell in der Westschweiz

Mit der Kandidatur des Genfer Staatsrats Pierre Maudet entwickelt sich die Bundesratswahl zum Nachbarschaftsstreit mit dem Kanton Waadt.

Der Genfer Regierungsrat Pierre Maudet ist seit Jugendjahren Politiker. Jetzt möchte er in höhere Sphären.

Der Genfer Regierungsrat Pierre Maudet ist seit Jugendjahren Politiker. Jetzt möchte er in höhere Sphären.

(Bild: Keystone Salvatore Di Nolfi)

Philipp Loser@philipploser
Philippe Reichen@PhilippeReichen

Bescheidenheit sei eine Tugend, die man vor allem an anderen schätze, schrieb im 17. Jahrhundert ein Diplomat in sein Notizbüchlein. Der Mann hiess François de La Rochefoucauld und war Franzose. Er hätte aber auch ein Genfer sein können.

Wenn man sich das Verhalten gewisser Genfer Freisinniger in den Wochen nach dem Rücktritt von Didier Burkhalter beschaut, kann man es vielleicht forsch nennen. Laut, dringlich oder selbstbewusst. Nicht aber: bescheiden.

Über einen Monat lang hat sich Anwalt, Nationalrat und FDP-Vizepräsident Christian Lüscher in lokalen und nationalen Medien als möglicher Bundesratskandidat präsentiert. Jemand mit seiner Erfahrung, seinen Möglichkeiten! Lüscher versuchte es schon einmal als Kandidat. 2009 erhob er Anspruch auf die Nachfolge von Pascal Couchepin – und scheiterte. Seine Glaubwürdigkeit sei seither viel grösser geworden, sagte er.

FDP-Nationalrat Christian Lüscher. Foto: Büttner-Meienberg

Diese Woche klang es dann etwas anders. In einem Interview mit «Le Temps» erklärte er seinen Verzicht auf eine Kandidatur und gab einigermassen unverfroren zu, dass er, Lüscher, schon seit Bekanntgabe des Prozederes für die Burkhalter-Nachfolge alles gewusst habe, dass er also schon seit dem 15. Juni in seinem «tiefsten Inneren» gespürt habe, dass er nie und nimmer ein Bundesratskandidat sein werde. Er habe Zwillinge, die Anwaltskanzlei, sei eher Legislativ- denn Exekutivpolitiker.

Die Karriere stimmt

Er sei nicht der Genfer Mann für die Zukunft, sagte der 53-jährige Lüscher im mit grosser Geste geführten Interview. Der heisse Pierre Maudet und repräsentiere die neue Generation, die nun zum Zug kommen solle.

Das Gespräch erschien, einen Tag bevor Regierungsrat Maudet seine Entscheidung bekannt gab, ins Rennen miteinzusteigen. Beobachter ausserhalb von Genf rechneten nicht mit einer Kandidatur des Sicherheits- und Wirtschaftsdirektors – weil sie als chancenlos gilt. Ein Platz auf dem freisinnigen Ticket ist für das Tessin reserviert und mit Ignazio Cassis bereits besetzt. Der zweite Platz ist für eine Frau vorgesehen – wahrscheinlich aus der Romandie.

Maudet weiss um diese Konstellation, weiss um sein fehlendes Netzwerk in Bern und seine fehlende Bekanntheit und rechnet sich dennoch Chancen aus. Natürlich sei es legitim seitens der Tessiner, für sich einen Platz in der Regierung zu verlangen, sagte Maudet gestern in einem perfekt getimten Interview mit der «Tribune de Genève». Natürlich sei es legitim seitens der Frauen, dasselbe zu tun. «Man könnte aber auch sagen, dass es legitim ist, wenn jemand unter 40 in die Regierung gewählt würde.» Immerhin würden die Jungen beinahe die Hälfte der Bevölkerung ausmachen.

Dass Maudet irgendwann für den Bundesrat kandidieren würde, war allgemein angenommen geworden. Als er 14 Jahre alt war, engagierte er sich für einen Skateboard-Park in Genf, ein Jahr später gründete er ein Jugendparlament, mit 21 wurde er ins Stadtparlament gewählt, er war Präsident der Genfer FDP, Mitglied der Stadtregierung mit 29, Stadtpräsident mit 33, Regierungsrat mit 34. So sehen in der Schweiz Karrieren von Menschen aus, die Bundesrat werden möchten. Er sei in die Politik gegangen, um für mehr Skateboards in Genf zu kämpfen, und nicht, um Bundesrat zu werden, sagte er der «Tribune». «Aber es liegt doch in der Natur der Sache, dass man sich eine Zukunft in höheren Sphären vorstellt, nicht?»

In der Genf erhält Maudets Kandidatur grossen Zuspruch. Und zwar auch von unerwarteter Seite. SP-Nationalrat Manuel Tornare arbeitete während vier Jahren mit dem 39-Jährigen im Genfer Stadtrat zusammen. Maudet sei ein offener und diskussionsfreudiger Zeitgenosse, sagt Tornare. Das habe er mit dem Projekt Papyrus bewiesen. Maudet engagierte sich an der Seite von Alt-Bundesrätin Ruth Dreifuss (SP) und Alt-Nationalrätin Martine Brunschwig Graf (FDP) dafür, dass Genf seinen Sans-Papiers unter genau definierten Voraussetzungen ein Aufenthaltsrecht gibt.

Frauenvorteil für die Waadt

Tornare gefällt auch die etatistische Einstellung Maudets. Er habe grosses Interesse an einem gut ausgebauten Service public, sei kein Vertreter von Interessengruppen und auch aussenpolitisch offen, was ihn zum idealen Nachfolger des sozialliberalen Burkhalter mache. Der Genfer Nationalrat plädiert dafür, sich von Fragen rund um die Herkunft der Bundesratskandidaten und des Geschlechts zu lösen und dafür politische Profile zu studieren. Tue man dies, so Tornare, ziehe er Maudet dem Krankenkassenvertreter Cassis klar vor.

Bevor es gegen den Tessiner geht, muss Maudet sich gegen die Konkurrenz aus der Romandie durchsetzen. Vor allem in der Waadt hat man wenig Freude an seiner Kandidatur. Die Waadtländer FDP ist die Bundesratspartei schlechthin und tritt entsprechend selbstbewusst auf. Staatsrätin Jacqueline de Quattro hat Interesse angemeldet, Nationalrätin Isabelle Moret überlegt es sich immer noch und Ständerat Olivier Français würde, wenn man ihn fragen würde. Entschieden wird am 10. August.

Waadtländer Regierungsrätin Jacqueline de Quattro. Foto: Keystone

Der Vorteil für die Waadtländer: Sie werden wohl eine Frau präsentieren können. «Ich gehe davon aus, dass wir einen Tessiner und eine Frau nominieren werden», sagt der Solothurner Nationalrat Kurt Fluri. Maudets Kandidatur sei chancenlos – biete dem Genfer Regierungsrat aber die Möglichkeit, sich auf einer nationalen Bühne und vor der Fraktion zu präsentieren.

Das mit der Chancenlosigkeit wird man in Genf nicht gerne hören. Ebenso wenig, dass Oliver Feller, Waadtländer FDP-Nationalrat und Präsident der Groupe Latin in der Fraktion, in einem Interview mit dem TA eine Männerkandidatur aus der Romandie ausschloss. Von einem «Krieg» zwischen Genf und dem Waadtland war in der «Tribune de Genève» danach die Rede. So wird die Bundesratswahl mit der Kandidatur von Maudet vielleicht nicht spannender. Aber sicher etwas giftiger.

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