Geschrei wegen Baby

Der Basler Grossratspräsident sperrt eine Parlamentarierin aus, weil sie ein Baby dabeihat. Er spricht den meisten Leuten aus dem Herzen.

Sorgte im Basler Grossrat für Aufregung: Rea Steinle hatte ihr zweimonatiges Baby mitgenommen und kurz den Saal verlassen, um zu stillen. Bild: Martin Regenass

Sorgte im Basler Grossrat für Aufregung: Rea Steinle hatte ihr zweimonatiges Baby mitgenommen und kurz den Saal verlassen, um zu stillen. Bild: Martin Regenass

Claudia Blumer@claudia_blumer

Im Basler Grossrat hätten sich filmreife Szenen zugetragen, berichtet heute die «Basler Zeitung». Eine Grossrätin der Grünen hatte ihr zweimonatiges Baby mitgenommen und kurz den Saal verlassen, um zu stillen. Danach durfte sie nicht mehr zurück. Man sei hier unter sich, sagte Ratspräsident Remo Gallachi (CVP). Wo wäre denn die Grenze? «Bei einem Monat, bei zwei Monaten? Mit oder ohne Kinderwagen?»

Die Situation eskalierte. «Schämen Sie sich», tönte es aus dem Plenum, es bildete sich eine Traube um den Ratspräsidenten. Er nahm seinen Entscheid zurück und liess die Mutter hinein. Das Baby war inzwischen zu Hause.

Interessant sind die Reaktionen. Harte Kritik kommt fast nur von politischen Gegnern. «Fail der sogenannten Familienpartei», twitterte ein SP-Grossrat. Seit den 90ern wolle man Mütter im Parlament, sagte eine Ratskollegin, «und nun das». Würde man die Leute auf der Strasse befragen, wäre der Tenor ganz anders. Das Baby habe im Ratssaal nichts verloren, würden die meisten sagen. Diese Ansicht dominiert auch in den Online-Leserkommentaren.

Die Parlamentsordnung

Ratspräsident Gallachi, der seinen Entscheid nachträglich als ungeschickt bezeichnet und bis zur nächsten Sitzung eine «pragmatische Lösung» erarbeiten will, offenbart eine Haltung, die in der Gesellschaft weit verbreitet ist. Er wollte die Mutter nicht deshalb aussperren, weil er die Parlamentsordnung wortgetreu auslegte, die nur Gewählten und Staatsmitarbeitern das Betreten des Saals erlaubt. Sondern, weil ihn das Baby störte. Und weil er der Meinung ist, dass Kinder nach Hause gehören.

Er könnte auch sagen: «Es war blöd von mir, tut mir leid. Ich bin zwar Mitglied der Familienpartei CVP, aber wir sind eben auch nicht familienfreundlicher als andere. Vor allem dann, wenn das Familienmodell nicht den wertkonservativen Vorstellungen entspricht, die viele von uns immer noch haben. Ich bin in diesem Fall hin- und hergerissen. Eigentlich bin ich ein offener und grosszügiger Mensch. Trotzdem stören mich Babys im Ratssaal. Und da ich der Präsident bin, interpretiere ich die Regeln: Keine Babys, bitte auch keine Hunde und keine alten Leute.»

Stattdessen will er im Reglement präzisieren, unter welchen Umständen ein Baby in den Ratssaal darf. Damit regelt er eine von tausend Detailfragen, die man gar nie alle klären kann, weil dafür das Papier nicht ausreicht. Viel nützlicher wäre es, die Grundhaltung zu hinterfragen, die unser Leben prägt: Inwiefern wollen wir, dass die verschiedenen Lebensbereiche strikt voneinander getrennt sind? Wir Schweizer achten stark darauf. Schüler werden nach wenigen Jahren gemäss Intelligenzgrad separiert, Kranke und Alte sind in dafür vorgesehenen Institutionen, Kinder auf dem Spielplatz oder in der Krippe oder zu Hause. Aber bitte nicht in der reinen Welt der Sachgeschäfte.

Widerstand aushalten

Warum eigentlich? Weil sie stören? Wenn sie tatsächlich stören, würde jede Mutter und jeder Vater wohl den Raum sofort verlassen. Jede Institution ist frei, sich Regeln zu geben. Aber nach liberaler Tradition machen Regeln nur Sinn, wenn sie für das Funktionieren des Betriebs unverzichtbar sind.

Die mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf sei ein Luxusproblem der privilegierten Schicht, heisst es manchmal. Einer Fabrikarbeiterin käme es nicht in den Sinn, ihr Kind zur Arbeit mitzunehmen. Das mag sein, und es ist schade. Sie sollte es versuchen und die Widerstände aushalten. Wie die Grossrätin, die nach Beendigung des Tumults gut gelaunt in die Kameras lächelte. Sie hat die Gesellschaft an diesem Abend ein Stück weitergebracht.

DerBund.ch/Newsnet

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