Genaue, Sensible und Querulanten

Nach Sendungen wie der No-Billag-«Arena» türmen sich beim SRG-Ombudsmann die Reklamationen. Wie begründet sind sie?

Die besten Szenen aus der Abstimmungs-«Arena» zu No Billag vom Freitagabend. (Video: Tamedia/SRF)
Martin Wilhelm@martin_wilhelm

Was das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) an falschen, ungenauen oder irreführenden Informationen verbreitet, lässt sich im Internet nachlesen. Auf der eigenen Website führt das Medienunternehmen eine Liste mit Korrekturen und Ergänzungen zu Sendungen und Beiträgen, die nicht zu hundert Prozent geglückt sind.

Eine Durchsicht der Einträge zeigt: Es handelt sich um Fehler, wie sie – obwohl eigentlich vermeidbar – im journalistischen Alltag immer wieder passieren. Wenn der Direktor zum Präsidenten wird, statt Leukerbad Realp zu sehen ist, die Zahl 1 zu den Primzahlen gezählt wird und statt von 100'000 nur von 100 Tonnen die Rede ist, ist dies für die Betroffenen ärgerlich, für das Publikum verwirrlich und für die Urheber peinlich. Die Folgen dürften aber überschaubar sein. Dies umso mehr, als dass mit zwei bis neun Beiträgen oder Sendungen pro Monat nur ein Bruchteil der Berichterstattung von SRF betroffen ist.

24 Beanstandungen wegen No-Billag-«Arena»

Kritiker werfen der SRG aber weit grössere Verfehlungen als Irrtümer bei Funktionsbezeichnungen und Grössenordnungen vor. An der kürzlichen Delegiertenversammlung der SVP war die Rede von manipulierten Aussagen, permanenter Propaganda gegen die SVP und einer Fake-News-Fabrik.

Würden diese Vorwürfe zutreffen, so müsste sich dies in den Berichten der Ombudsstellen der SRG niederschlagen. An diese kann sich wenden, wer der Ansicht ist, dass ein Ereignis nicht sachgerecht dargestellt worden ist, ein Kommentar nicht als solcher gekennzeichnet ist oder der Zugang zum Programm zu Unrecht verweigert wurde. Dies geschieht regelmässig nach Sendungen, die für grosse Aufregung sorgen wie etwa die «Arena» mit dem umstrittenen Historiker Daniele Ganser (495 Beanstandungen, die allerdings teilweise orchestriert wurden) oder jene von letztem Freitag mit No-Billag-Initiant Olivier Kessler (bis Dienstagmorgen 24 Beanstandungen). Daneben werden diverse Sendungen, auch etwa die Ausstrahlung von Filmen, aus verschiedensten Gründen beanstandet.



Pauschale Kritik

Ombudsmann der SRG Deutschschweiz ist der Medienwissenschaftler Roger Blum. Im Jahresbericht 2016 teilte er die Reklamierenden in sechs Gruppen ein: Die Betroffenen (fühlen sich falsch dargestellt), die Genauen (haben einen Fehler entdeckt), die Sensiblen (fühlen sich durch freizügige Darstellungen verletzt), die Sachverständigen (wissen es besser), die Ideologen (bezichtigen SRF der Lüge) und die Querulanten (stellen abwegige Begehren).

Wer die Beanstandungen durchsieht, kann die Etiketten, die Blum verteilt, nachvollziehen: «Sämtliche Sendungen in Zusammenhang mit Ökonomie («Nachrichten», «Arena», «Club», «Rundschau» usw.), welche das Geldsystem beinhalten, werden (bewusst?) falsch vermittelt!», schrieb etwa ein SRF-Zuschauer. Ein anderer bemängelte einen Beitrag über die Gründe für misslungene Knieoperationen: «Wenn schon die negativen Fälle gezeigt werden, dann müssen unbedingt auch die positiven Fälle gezeigt werden.» Viele weitere Beanstandungen enthalten zwar wichtige Überlegungen (darf ein Demenzkranker im Fernsehen gezeigt werden, ohne dass er dem zustimmen könnte?), förderten aber keine journalistischen Mängel zutage.

Etwa 20 Prozent erweisen sich als begründet

Entsprechend selten erhalten die Reklamierenden recht. 2016 erledigten Blum und sein Vorgänger, Alt-Bundeskanzler Achille Casanova, 331 Beanstandungen, die 135 Sendungen betrafen. Nur bei rund 20 Prozent davon (28 Sendungen) schlossen sie sich den Beanstandungen an. Insgesamt, so schrieb Blum im Jahresbericht, könne die Ombudsstelle den Journalisten von Radio und Fernsehen SRF ein gutes Zeugnis ausstellen. Diese würden zwar hin und wieder Fehler machen, in der überwiegenden Mehrheit der Sendungen aber «faktengerecht, fair und kompetent» berichten.

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen (UBI). Diese beurteilt verbindlich, ob ein Verstoss gegen die Programmvorschriften vorliegt. 2016 hiess sie von 28 Beschwerden 4 gut, wovon wiederum 3 Sendungen der SRG betrafen. Als unzulässig stufte sie einen Beitrag der Sendung «Kassensturz» ein, in dem sie kurz vor den nationalen Wahlen die Konsumentenfreundlichkeit der Parteien beleuchtet und dabei «einseitig negativ» auf die SVP fokussiert habe. Als zulässig beurteilte die UBI hingegen letztes Jahr eine Ausgabe von «Schawinski», in der sich dieser einen hitzigen Schlagabtausch mit SVP-Nationalrat Andreas Glarner geliefert hatte.

Bericht noch vor Abstimmung

Auch die Arbeit von «Arena»-Moderator Jonas Projer wurde schon öfter von Ombudsmann Blum und der UBI beurteilt – und meistens für korrekt befunden. Blum lobte Projer in einem seiner Berichte auch schon mal als «hervorragenden Moderator», der die Diskussionen mit Geschick und Sachverstand leite. Im Fall der Sendung mit Ganser klopften Blum und die UBI ihm aber beide auf die Finger. Sie bemängelten, dass Projer in jener Sendung aus der Rolle des neutralen Moderators in jene eines SRF-Vertreters gefallen war (wenn auch die UBI darin keinen Verstoss gegen die Programmvorschriften sah).

Ob dies auch bei der «Arena» vom letzten Freitag der Fall war, will Blum noch vor der Abstimmung über die No-Billag-Initiative am 4. März prüfen, wie er dem «Blick» sagte. Projer werde in den Beanstandungen als zu «einseitig und zu angriffig gegenüber Kessler» kritisiert.

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