«Frauen trauen sich weniger zu»

Margrit Stamm sagt, woran sie trotz bestmöglicher Ausbildung scheitern.

Besser im Lernen als im Führen? Ein Mädchen streckt im Unterricht die Hand auf.

Besser im Lernen als im Führen? Ein Mädchen streckt im Unterricht die Hand auf.

(Bild: Keystone Marijan Murat)

Heute machen deutlich mehr Frauen als Männer eine Matur, in Führungspositionen hingegen sind sie deutlich untervertreten. Sind Frauen zwar gut im Lernen, nicht aber im Führen?
Die Mädchen haben Gas gegeben, und viele haben die bestmögliche Ausbildung gemacht. Ich denke, die emanzipatorische Erziehung und die Frauenförderung haben gefruchtet – bis es um Führungspositionen geht. An den Universitäten etwa liegt der Anteil der Professorinnen bei 20 Prozent, doch eigentlich haben sich die Hochschulen für 2016 ein Ziel von 25 Prozent gesetzt.

Woran scheitern die Frauen?
Auch an sich selber. Verschiedenste Studien zeigen: Frauen trauen sich weniger zu als Männer. Wenn ein Mann Erfolg hat, sagt er sich schnell: In dem bin ich eben gut. Frauen hingegen rechnen den Erfolg eher dem Zufall an, selbst wenn sie viel dafür gearbeitet haben.

Welche Rolle spielt die Mutterschaft? Viele junge Frauen sind sehr ambitioniert, sie können jeden Beruf wählen, alles steht ihnen offen. Wenn sie aber Kinder wollen, sind sie schnell bereit zurückzustecken. Der Mann bleibt im Beruf – und macht Karriere, damit er genug für seine Familie verdient. Heute leben viele Paare wieder vermehrt das traditionelle Rollenmodell.

Heute sind die Anforderungen im Beruf so hoch, dass eine Karriere neben der Familie schwierig ist.
Nicht nur im Beruf sind die Anforderungen heute höher, auch das Muttersein ist herausfordernder: Mütter sollen die Talente ihrer Kinder fördern, ihre Defizite früh erkennen und zudem viel Qualitätszeit mit ihnen verbringen. Früher beobachtete man die Entwicklung der Kinder gelassener. Ich staune immer wieder, wie unkritisch junge Frauen der gesellschaftlichen Forderung, eine perfekte Mutter zu sein, gegenüberstehen und wie sehr sie diese verinnerlicht haben. Gleichzeitig Höchstleistungen im Beruf und als Mutter zu erbringen, ist aber kaum möglich. So ist es wenig erstaunlich, dass die Zahl der Mütter steigt, die an Erschöpfung oder gar an Burn-out leidet.

Braucht es mehr Kitas?
Ja. Es gibt nach wie vor zu wenige, und die bestehenden sind zu teuer. Aber mit einem besseren Betreuungsangebot alleine bringen wir die vielen Akademikerinnen, die sich ganz der Mutterschaft widmen, nicht in den Arbeitsmarkt zurück. Gerade weil sich viele Frauen zu wenig zutrauen, wäre ein Mentoring wichtig: Frauen in Führungspositionen sollen Jüngeren ein Vorbild sein und sie unterstützen, damit auch sie sich eine solche Position zutrauen.

Was raten Sie?
Ich plädiere für spätere Karrieren. Heute muss alles in kurzer Zeit geschehen: Ausbildung, Familiengründung, Beruf, Karriere. Bereits mit 25 soll man voll durchstarten, und mit 65 sinkt man erschöpft in den Stuhl. Aber wir werden heute im Durchschnitt 86 Jahre alt und wären nach der Pensionierung noch fit, um weiterzuarbeiten. Wir sollten das Berufsleben strecken. Das ist meine Vision.

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