Fliegen war noch nie so sicher

Der Absturz der Ju-52 ist ein Ausreisser. Die Zahl der Todesopfer in der Schweiz sinkt seit Jahren.

Werden immer seltener: Schwere Flugunfälle wie dieser bei Flims, der alle 20 Insassen einer Ju-52 das Leben kostete.

Werden immer seltener: Schwere Flugunfälle wie dieser bei Flims, der alle 20 Insassen einer Ju-52 das Leben kostete. Bild: Keystone

Der Samstag war ein schwarzer Tag für die Schweizer Luftfahrt: Zuerst forderte der Absturz eines Kleinflugzeugs im Kanton Nidwalden vier Todesopfer. Nur wenige Stunden später kamen beim Absturz einer Ju-52 in der Nähe von Flims alle 20 Personen an Bord ums Leben – es war einer der schwersten Unfälle der Geschichte. Wieder einmal wurde deutlich, dass das Fliegen trotz moderner Technik nicht vor Tragödien gefeit ist.

Nun werden Stimmen laut, die strengere Sicherheitsbestimmungen fordern. Doch die Statistik der Schweizerischen Unfalluntersuchungsstelle (Sust) zeigt: Fliegen wird immer sicherer. Über die letzten fünf Jahrzehnte betrachtet, hat die Anzahl Verunfallter im Flugverkehr tendenziell abgenommen. Allerdings verläuft die Entwicklung unstet, weil es im Schnitt etwa einmal in acht Jahren zu einem Ausreisser beziehungsweise grossen Unglück wie jenem der Ju-52 kommt.

In den 70er-Jahren war Fliegen noch viel gefährlicher. Gleich drei tragische Ereignisse liessen die Anzahl der Getöteten sprunghaft ansteigen: 1970 stürzte der Swissair-Flug SR330, der auf dem Weg Richtung Tel Aviv war, kurz nach dem Start bei Würenlingen AG ab. Grund war die Explosion einer Bombe an Bord, die von palästinensischen Terroristen gelegt worden war. Alle 47 Passagiere und Besatzungsmitglieder starben. Ein Jahr später verunfallte eine Maschine der Balkan Bulgarian Airlines beim Landeanflug auf Zürich und riss 45 Menschen in den Tod. Der Absturz einer Invicta-Maschine 1973 bei Hochwald im Kanton Solothurn forderte sogar 108 Opfer.

Auch einer DC-9 von Alitalia wurde 1990 der Landeanflug auf Zürich zum Verhängnis. Alle 46 Menschen an Bord kamen ums Leben. 2000 und 2001 sorgten zwei Unfälle der schweizerischen Fluggesellschaft Crossair für Schlagzeilen. Der Absturz bei Nassenwil in der Nähe des Flughafens Zürich forderte 10 Tote, derjenige bei Bassersdorf ein Jahr später 24 Tote und 5 Schwerverletzte.

Video: Die schwersten Flugunfälle in der Schweiz

In diesem Jahr waren bisher mindestens 31 Tote zu beklagen. Der Grossteil davon ist auf die beiden Ereignisse vom Samstag zurückzuführen. Zudem starben bei einem Absturz Ende Juli im Wallis vier Personen sowie bei Unfällen im März und Juni ein Helikopterpilot und zwei weitere Menschen. Statistisch gesehen, ist das Jahr 2018 aber ein Ausreisser.

«Fliegen ist in den vergangenen Jahren sehr sicher geworden.»Hansjörg Bürgi, Aviatikexperte

Das bestätigt auch der Chefredaktor und Verleger des Aviatikmagazins Skynews.ch, Hansjörg Bürgi. «Die Verkehrsluftfahrt ist in den vergangenen Jahren sehr sicher geworden», sagt er auf Anfrage. Die Passagierluftfahrt sei fast nicht mehr sicherer zu machen. Bei privaten Maschinen sei diese positive Entwicklung leider weniger zu beobachten. «Trotzdem ist das Flugzeug das mit Abstand sicherste Verkehrsmittel», sagt Bürgi.

2017 beispielsweise ereigneten sich auf Schweizer Territorium 16 Flugunfälle mit Personenschaden, wobei 13 Personen starben und 12 erheblich verletzt wurden. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum kam es im Schweizer Strassenverkehr zu 17’799 Unfällen mit insgesamt gut 21’400 Verletzten und 230 Todesopfern.

Bei den Flugunfällen im vergangenen Jahr handelte es sich in erster Linie um Unglücke mit Kleinflugzeugen und Helikoptern. Fast zwei Drittel aller verunfallten Personen sassen in einer Maschine, die weniger als 5,7 Tonnen (Maximum Take Off Mass) wog; ein Viertel war in einem Helikopter unterwegs. Ihre Benutzung ist weitaus gefährlicher als die eines grösseren Passagierflugzeugs.

Dass die kommerzielle Luftfahrt so sicher geworden ist, führt Bürgi auf verschiedene Faktoren zurück. Zum einen seien die Maschinen moderner und die technischen Hilfsmittel besser und weniger störanfällig als früher, zum anderen seien auch die Sicherheitsvorschriften in den letzten Jahren verschärft worden.

350-mal sicherer als 1970

International sinkt die Zahl der Unfälle kontinuierlich, obwohl der Verkehr in der Luft laufend zunimmt. 2017 gab es auf kommerziellen Flügen mit Passagierjets weltweit kein einziges Todesopfer – zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg. Das führende Flugsicherheitsportal Aviation Safety Network zählte gerade einmal 44 Tote bei Unfällen mit kleineren Propellerflugzeugen oder Frachtmaschinen.

Der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft rechnete vor, dass das Fliegen heute um 350-mal sicherer geworden ist als 1970. Die statistische Wahrscheinlichkeit, bei einem Absturz zu sterben, lag in den 1970er-Jahren demnach bei durchschnittlich 1 zu 264’000, 2017 noch bei 1 zu 92’750’000. Nach Angaben des Aviation Safety Network lag die Rate im vergangenen Jahr bei einem tödlichen Unfall alle 7,36 Millionen Flüge. Noch nie war das Fliegen so sicher.

Ein Problem bringt der Dichtestress am Himmel aber mit sich: Die Zahl der «schweren Vorfälle» steigt. Gemeint sind damit Ereignisse, die beinahe zu einem Flugunfall geführt haben, wie etwa die unbeabsichtigte Annäherung zweier Luftfahrzeuge mit hohem Kollisionsrisiko (Airprox). In der Schweiz wurden 2017 insgesamt 40 solcher Vorfälle registriert.

In Zukunft könnten es noch mehr werden. Schuld daran ist unter anderem auch der Boom, den Drohnen seit einiger Zeit auslösen. In den vergangenen Jahren sind in der Schweiz immer wieder Annäherungen zwischen Drohnen und Flugzeugen registriert worden. Im Mai 2017 kollidierte beispielsweise ein Airbus A330 beim Anflug auf den Flughafen Zürich fast mit einem dieser unbemannten Fluggeräte.

Dem Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) ist die Häufung der gefährlichen Annäherungen bekannt. «Wir sind bestrebt, Lösungen zu realisieren, die diese Situation verbessern», sagte Sprecherin Nicole Räz damals zu DerBund.ch/Newsnet. Mehrere Massnahmen würden umgesetzt: So hat Verkehrsministerin Doris Leuthard das Bazl beauftragt, die Struktur des Luftraums umfassend neu zu gestalten, statt sie bloss zu optimieren. Für das «Jahrhundertprojekt», wie Leuthard es nannte, erhebe das Bazl nun gemeinsam mit den aviatischen Akteuren die heutigen und künftigen Bedürfnisse.


Video – Ju-52 bei Flims abgestürzt

Absturz Ju-Air: Ein Überblick zum schwersten Flugzeug-Unglück in der Schweiz seit 17 Jahren. (Video: Tamedia/Lea Koch) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.08.2018, 08:58 Uhr

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