4 von 10 Schweizern wissen nicht, was in der Welt passiert

Das 10. «Jahrbuch Qualität der Medien» zeigt, wie wir Medien konsumieren. Und macht Vorschläge für eine neue Medienpolitik.

Die herkömmlichen Mediennutzer sind heute weniger an der Zahl: Ihr Anteil ist gemäss Jahrbuch-Studie in zehn Jahren von rund 50 auf unter 30 Prozent gesunken. Foto: Keystone

Die herkömmlichen Mediennutzer sind heute weniger an der Zahl: Ihr Anteil ist gemäss Jahrbuch-Studie in zehn Jahren von rund 50 auf unter 30 Prozent gesunken. Foto: Keystone

Claudia Blumer@claudia_blumer

News-Deprivierte – kaum jemand versteht den Begriff. In der Studie, die das Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft (Foeg) der Universität Zürich seit zehn Jahren herausgibt, spielen sie jedoch die Hauptrolle: Leute, die kaum etwas vom Weltgeschehen mitbekommen. Viele von ihnen wissen, wo ihre Freunde sich gerade aufhalten und welches die neusten kulinarischen Trends sind. Sie lesen vielleicht auch einmal einen Zeitungsartikel, wenn er zufällig in dem digitalen Kanal verbreitet wird, in dem sie sich aufhalten. Sie können sich aber nicht erinnern, worüber wir letztes Jahr abgestimmt haben.

Mittlerweile sind 36 Prozent der vom Foeg Befragten News-depriviert, also unterversorgt. Im Herbst 2009, als das «Jahrbuch Qualität der Medien» erstmals publiziert wurde, waren es noch 21 Prozent. Wenn die Gruppe so weiterwächst, sind es bald vier von zehn Personen, die nicht wissen, was in der Welt geschieht.

Eine grosse Gruppe sind auch die «Global Surfer», die sich kaum für regionale und nationale Berichterstattung interessieren. Deutlich weniger geworden sind hingegen die Zeitungsleser, Radiohörer und TV-Zuschauer. 2009 waren noch rund die Hälfte der Befragten herkömmliche Medienkonsumenten, heute sind es weniger als 30 Prozent. Grund dafür ist laut den Befunden des Foeg die wachsende Bedeutung der Internetgiganten Google, Facebook, Youtube und weiterer Kanäle. Gleichzeitig und im Widerspruch dazu vertrauen die Befragten in der Schweiz den Traditionsmedien viel mehr als diesen Plattformen. 47 Prozent der Befragten trauen den klassischen Medien, 29 Prozent den Suchmaschinen und 17 Prozent den Social-Media-Kanälen.

Die Bereitschaft der Leute, für Nachrichten zu bezahlen, ist in der Schweiz klein. Vor die Wahl gestellt, ob sie lieber für Nachrichten oder für Unterhaltung im Internet Geld ausgeben würden (oder für nichts von beidem), kreuzten die meisten Befragten «Unterhaltung» an. Ausser bei den über 55-Jährigen, bei ihnen dominiert die Wahl «nichts von beidem». Bei der jüngsten Gruppe, den 18- bis 24-Jährigen, würden nur 4 Prozent Nachrichten wählen, 83 Prozent dagegen Unterhaltung.

Die Schweiz befindet sich damit in guter Gesellschaft – auch in anderen Ländern ist die Zahlungsbereitschaft klein. Eine Ausnahme sei Skandinavien, heisst es in der Studie. Warum, wisse er auch nicht so genau, sagte Medienprofessor und Foeg-Leiter Mark Eisenegger am Rand der Medienpräsentation in Bern. Tatsache sei, dass klassische Informationsmedien in Skandinavien eine grosse Rolle spielten, bereits in der Schule. Und dass direkte Medienförderung, in der Schweiz für viele undenkbar, in Skandinavien schon lange verbreitet sei. Dennoch verzeichneten skandinavische Medien auch bezüglich Unabhängigkeit gute Werte.

Eisenegger plädiert für eine mutigere Schweizer Medienpolitik ohne Scheuklappen und Festhalten an historisch gewachsenen Strukturen. Es sei bedenklich, dass der Standort eines Radiostudios die medienpolitische Berichterstattung derart dominiere, sagte er während der anschliessenden Podiumsdiskussion, die von Alexandra Stark, Studienleiterin am Medienausbildungszentrum (MAZ), moderiert wurde.

«Wir haben uns zu fest nach Silicon Valley orientiert.»Adrienne Fichter, «Republik»-Redaktorin

Die weiteren Teilnehmenden waren sich uneinig, welche Bedeutung die Plattformen für Schweizer Medien haben. Maurice Thiriet, Chefredaktor von «Watson», sagte, nicht die Plattformen seien das Problem, sondern die Art des praktizierten Journalismus. 3000-Zeichen-Texte und einstündige Sendungen hätten ausgedient, sagte er. Social-Media-Expertin und «Republik»-Redaktorin Adrienne Fichter hingegen sagte, die Schweizer Medien hätten sich den Internetgiganten zu sehr angedient. «Wir haben uns zu fest nach Silicon Valley orientiert», sagte sie. Wenn Facebook oder Google einen Algorithmus änderten, sinke die Reichweite schlagartig. Fichter plädierte für einen Versuch: Die angestammten Medien sollten sich diesen Plattformen, die auf glaubwürdige Medienmarken setzen, gemeinsam verweigern. Das würden sie spüren, sagte sie. «Es wäre interessant, zu sehen, was dann passiert.»


Die Hauptbefunde der Studie finden Sie hier.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt