Falsches Streben nach Autonomie

Der Antrag bezüglich begleitete Freitode für gesunde Alte geht zu weit.

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«Altersfreitod» nennt sich das Phänomen: Auch gesunde, aber lebensmüde betagte Menschen sollen in den Freitod begleitet werden, ohne aufwendige Untersuchungen durch den Arzt. Bei dieser Aus­weitung der Sterbehilfe handelt es sich um einen wohlüberlegten Bilanzsuizid von Hochbetagten, die dem Tode nicht nahe sind. Schon heute begleitet Exit Polymorbide in den Freitod, die verschiedene Gebrechen haben, aber keine einzelne, zum Tod führende Krankheit. Bereits jede vierte Begleitung bei Exit fällt in die Kategorie Altersfreitod.

Prononcierte Anhänger des Selbstbestimmungsrechts möchten den Alterssuizid nun noch stärker liberalisieren. Sie fordern, dass gesunde Alte das tödliche Barbiturat auch ohne Gesundheitsprüfung, ohne Krankheitsdiagnose bekommen sollen. Hier wird die Sterbehilfedebatte zur Zwängerei und schadet ihrem Grundanliegen. Dem Antragsteller schwebt gar als Fernziel vor, dass das Medikament selbst ohne ärztliches Rezept bezogen werden kann. Das Barbiturat soll jeder erhalten, der es will. Er kann es dann im Nachttischchen lagern und zu gegebener Zeit einnehmen.

Zweifellos werden die Menschen immer selbst­bestimmter, auch sind sie zusehends informierter und reflektierter über ihren Gesundheitszustand. Trotzdem geht der neue Antrag zu weit – und ist rechtlich nicht haltbar. Sowohl Gesetz als auch Statuten schreiben Exit vor, Menschen nur aufgrund einer Diagnose und nur mit ärztlichem Rezept in den Freitod zu begleiten. Gesunde dürfen das Barbiturat nicht erhalten. Und das ist gut so.

Eine gewisse Regulierung ist nötig. Die Abgabe des Medikaments muss an Kriterien gebunden bleiben. Sonst droht Missbrauch. Was, wenn ältere Menschen sich angesichts der kostenintensiven Pflege zusehends unter Druck fühlen, den Angehörigen und der Gesellschaft zuliebe aus dem Leben zu scheiden? Das Selbstbestimmungsrecht in Ehren – aber Leben und Suizid sind nicht gleichwertige Optionen. Der Suizid muss die Ausnahme bleiben. Den selbst­bestimmten Menschen ist so viel Lebensfülle zu wünschen, dass sie nicht den Freitod wählen müssen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.06.2017, 22:28 Uhr

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