«Nötig wäre eine eindeutige Ansage, dass er sein Verhalten ändern wird»

Fall Buttet vs. Fall Fricker: Das sagen Kommunikationsexperten zum Umgang von CVP und Grünen mit ihren Skandal-Nationalräten.

Zwei Krisen, zwei Strategien: CVP-Politiker Yannick Buttet (links) ist untergetaucht. Der grüne Nationalrat Jonas Fricker (rechts) trat blitzschnell zurück.

Zwei Krisen, zwei Strategien: CVP-Politiker Yannick Buttet (links) ist untergetaucht. Der grüne Nationalrat Jonas Fricker (rechts) trat blitzschnell zurück.

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Zwei Krisen, zwei Strategien: Im Herbst ist der grüne Nationalrat Jonas Fricker zurückgetreten. Er hatte während einer Ratsdebatte die Schweinetransporte in Europa mit den Massendeportationen von Juden im Zweiten Weltkrieg verglichen. Nur wenige Wochen später steht nun mit Yannick Buttet ein weiterer Nationalrat im Fokus. Der CVP-Politiker soll eine Frau gestalkt und mehrere Parlamentarierinnen belästigt haben.

Fricker war von seiner Partei umgehend fallen gelassen worden. Mehrere Exponenten verurteilten die Aussage des Aargauers scharf, Alt-Nationalrat Jo Lang etwa warf ihm Antisemitismus vor. Obwohl sich Fricker im Parlament und beim Israelitischen Gemeindebund entschuldigt hatte, wurde der parteiinterne Druck zu gross: Nach drei Tagen entschied sich der Aargauer zur Demission aus dem Nationalrat.

Bei Buttet ist die Ausgangslage komplizierter: Gegen den Walliser läuft ein Strafverfahren, und der Belästigung im Parlament wird er bislang anonym bezichtigt. Buttet entschuldigte sich schriftlich für sein Verhalten, das er seinem Alkoholkonsum zuschrieb, und ist nun untergetaucht. Aus dem Parteivizepräsidium tritt er zwar aus, doch einer Aussprache mit der Parteileitung über sein Nationalratsmandat ist er aus gesundheitlichen Gründen ferngeblieben. CVP-Chef Gerhard Pfister verurteilte Buttets Verhalten sofort als «inakzeptabel», doch zum Rücktritt forcieren will er ihn nicht.

Video: «Das ist inakzeptabel»

CVP-Präsident Gerhard Pfister zu den Vorwürfen gegen Buttet.

Schaden für Buttet am grössten

Wer agiert in der Krise besser – die kompromisslosen Grünen oder die abwartende CVP? Für Roland Binz, Kommunikationsberater in Krisensituationen, ist der Fall klar: Die Grünen hätten rasch, konsequent und transparent gehandelt. «Das wirkte sehr glaubwürdig.»

Die CVP dagegen mache einen halbherzigen Eindruck. Sie verurteile Buttets Verhalten zwar, handle aber nicht konsequent. «Das führt dazu, dass die öffentliche Diskussion auf Kosten der Partei weitergehen wird», sagt Binz und spricht von einer Salamitaktik, durch die sich die Krise «besonders belastend» fortsetzen werde. «Das könnte als Führungsschwäche von Gerhard Pfister wahrgenommen werden.»

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Das beurteilt Patrick Suppiger, Experte für Krisenkommunikation an der Hochschule Luzern, gleich: «CVP-Chef Pfister ist in einer klar reaktiven Haltung. Von seiner Partei kommen keine klaren Botschaften, was sie unternehmen will.»

Schlimmer als für die Partei sei jedoch der Reputationsschaden für Buttet selbst, so Binz. Der Widerspruch zwischen seinen politischen Positionen und dem real gelebten Verhalten sei bei ihm «besonders spektakulär». Buttet habe in dieser Krise einen entscheidenden Fehler gemacht, sagt auch Suppiger. Wichtig seien die ersten 24 Stunden. In dieser Zeitspanne habe der 40-Jährige sich zwar entschuldigt. Aber: «Nötig wäre in einer solchen Situation eine eindeutige Ansage, dass er sein Verhalten ändern wird. Zum Beispiel, indem er in Zukunft auf Alkohol verzichten wird.»

Video: Politikerinnen äussern sich zum Fall Buttet

Mehrere Frauen erheben Vorwürfe gegen den CVP-Nationalrat.

Es lohne sich meist, Fehler offen zu gestehen und zu kommunizieren, was man unternehmen wolle, um die Situation zu verbessern, sagt auch Kommunikationsberater Marcus Knill. Die Reue müsse aber glaubhaft sein.

Und hier sehen die Experten das Problem im Fall Buttet: «Er hat jede Glaubwürdigkeit verloren, weil seine Reaktionen eher wie Ausreden wirken als wie ernst gemeinte Lehren», sagt Binz. Und Suppiger verweist auf Buttets Aussage im welschen Radio RTS, wonach er sich als Opfer einer Kampagne sieht.

Rücktrittsforderungen werden zunehmen

Doch auch die Grünen hätten gemäss den Experten im Fall Fricker optimaler agieren können. So sei für die Partei zwar das Problem schneller vom Tisch gewesen, weil sie es aktiv bewältigt habe. Die Ankündigung, den Fall aufarbeiten und sich neue Regeln geben zu wollen, sei vorbildlich gewesen, sagt Suppiger. Doch die Partei sei dabei sogar zu weit gegangen, sagt Binz. «Sie wäre wohl unbeschadet davongekommen, wenn sie Fricker scharf gerügt und dessen Entschuldigung akzeptiert hätte.» Gemäss Knill ist Fricker zudem die Entschuldigung nicht gelungen. Die Begründung für seinen Holocaust-Vergleich sei fragwürdig: Der Aargauer sagte, er spreche manchmal, ohne genügend darüber nachzudenken. «Dieser Satz ist für einen Parlamentarier gravierend.»

Fälle wie Fricker oder Buttet, in denen rasch der Rücktritt gefordert wird, dürften künftig zunehmen, wie Suppiger sagt. «Heute wird jeder Krise ein Gesicht gegeben. Und ein Rücktritt dient als schneller Schritt zur Bewältigung einer solchen Krise.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.12.2017, 18:10 Uhr

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