«Fähige Frauen werden systematisch übergangen»

Die Frauen im Bundeshaus sind frustriert: Sie sind die Verliererinnen der Bundesratswahl. GLP-Nationalrätin Kathrin Bertschy sagt, was sich jetzt ändern muss.

GLP-Nationalrätin Kathrin Bertschy ist Co-Präsidentin der Frauendachorganisation Alliance F. Bild: Keystone

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Isabelle Moret hat das schlechteste Resultat der drei FDP-Bundesratskandidaten gemacht. Warum?
Das liegt vor allem an den Strukturen des politischen Systems. Zum einen ist Isabelle Moret eine atypische Politikerin: Sie ist eine weibliche Person, sie kopiert als Frau nicht männliche Verhaltensweisen. Das entspricht im Politbetrieb nicht der Norm und löst bei vielen, vor allem bei den Männern Unbehagen aus. Zum anderen war die Ausgangslage auf dem Ticket extrem schwierig für sie. Der Anspruch des Tessins galt als unantastbar, jener der Frauen lediglich als Option.

Aber vielleicht war Moret auch einfach nicht die fähigste Kandidatin. Ist die Eignung für Sie zweitrangig?
Nein. Aber das ist ja genau das Problem: An die Frauen werden viel höhere Ansprüche gestellt als an die Männer. Moret hat zwar in der Kampagne nicht vollkommen überzeugt, aber auch Ignazio Cassis hat nicht brilliert. Er ist ein männlicher Durchschnittspolitiker. Das meine ich überhaupt nicht abschätzig, sondern in Bezug auf seine fehlende Regierungserfahrung. Er entspricht damit der Mehrheit des Parlaments, das sich in den Bundesratswahlen gerne reproduziert. Fähige Frauen dagegen werden systematisch übergangen – aktuell zum Beispiel Laura Sadis im Tessin.

Der FDP wird nun vorgeworfen, sie habe Moret alleine gelassen. Zu Recht?
Ich kritisiere nicht die FDP, sondern das System. Das beginnt beim Nominationsverfahren: Frauen werden benachteiligt, weil die Kantonalparteien nominieren. In dieser Männerdomäne werden Frauen häufig gar nicht vorgeschlagen. Sehen Sie doch nur, wie viele fähige FDP-Regierungsrätinnen es gegeben hätte! Stattdessen setzen sich fast immer Durchschnittskandidaten durch. Und die sind männlich, heterosexuell und meist verheiratet. Ich kritisiere zwar, dass die FDP nicht den Mut hatte, auf ein Frauenticket zu setzen. Allein gelassen hat sie Moret aber nicht. Vielmehr hat sich das übliche Wahlverfahren durchgesetzt. Das System hat sich reproduziert – und dabei die Geschlechterungleichheit zementiert.

Braucht es eine Frauenquote im Bundesrat?
Unser Bundesstaat beruht auf Quoten, man nennt das einfach anders: Konkordanz. Diese ist nichts anderes als eine Regionen- und Parteienquote. Es bräuchte auch eine Geschlechterkonkordanz.

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Bald nur noch eine Bundesrätin: Braucht es bei den nächsten Wahlen reine Frauenkandidaturen?






Dabei können Sie nur bedingt auf die SP zählen: Sie fordert zwar mehr Frauen im Bundesrat, hat aber Maudet statt Moret gewählt.
Das war Realpolitik. Die SP wollte wahrscheinlich Cassis verhindern und merkte, dass Maudet im Parlament mehr Rückhalt hat als Moret. Sie hätte ihr Ziel höchstens mit einem anderen Mann erreicht. Es braucht daher bei den nächsten Bundesratswahlen zwingend ein reines Frauenticket; es soll eine Auswahl unter den Frauen geben. Ich erwarte, dass die grossen Parteien einen ihrer zwei Sitze konsequent an eine Frau vergeben.

Ab wann sind es genügend Frauen im Bundesrat?
Erst wenn es kein Thema mehr ist, ob man nun genügend Frauen in der Regierung hat oder nicht. Dann, wenn es egal ist, wenn statt einer Frau wieder ein Mann gewählt wird.

Das heisst?
Drei oder vier Frauen sollten permanent im Bundesrat sitzen. Sonst entkoppelt sich die Hälfte der Bevölkerung emotional immer mehr von der Politik. Auch der Ständerat ist heute ein Old Boys Club, von den 46 Mitgliedern sind gerade einmal 6 Frauen. Wie sollen sich die Frauen mit diesem Gremium identifizieren?

Trotzdem setzen sich die Frauen im Bundeshaus nicht geschlossen für eine höhere Vertretung ein. Mangelt es an Frauensolidarität?
Es kann doch nicht an uns wenigen Frauen im Parlament liegen, das System so zu verändern, dass die Bevölkerung sich besser damit identifizieren kann. Die Männer sind genauso in der Verantwortung. Es ist aber unsere Aufgabe, darauf hinzuweisen, dass dieses Ziel noch nicht erreicht ist.

Den Grünen ist das zu vage. Sie wollen mit einem Vorstoss die Verfassung ändern: Im Bundesrat sollen neben den Landesregionen auch die Geschlechter angemessen vertreten sein.
Eine gute Idee! Damit dieser Vorstoss aber Chancen hat, müssen wir diese Diskussion mit der Bevölkerung führen. Nur so kann ein Umdenken stattfinden, wie wichtig es ist, dass alle Perspektiven, also auch jene der Frauen, in der Landesregierung vertreten sind. Das entspricht der Konkordanz und dem Grundgedanken unseres Bundesstaats.

Und wenn der Vorstoss keine Mehrheit findet?
Klar ist: Wenn es künftig keine angemessene Frauenvertretung im Bundesrat gibt, muss diese Frage irgendwann vors Volk. Es würde mich aber beelenden, wenn wir in der heutigen Zeit noch eine Initiative lancieren müssten für ein solch selbstverständliches Anliegen. Vielmehr müssen jetzt die Männer im Parlament mit uns zusammen das System umgestalten und ihre Verunsicherung überwinden, dass Frauen mitregieren. Nur so können politische Entscheide repräsentativ getroffen werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.09.2017, 17:00 Uhr

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