Zum Hauptinhalt springen

Tessiner Politologe: «Es wird keinen Volksaufstand geben»

Nicht alle Tessiner unterstützen Bundesratskandidat Ignazio Cassis. Der Tessiner Politologe Nenad Stojanovic sagt, warum.

Kann er die Hoffnungen der italienischsprachigen Schweiz erfüllen? Bundesratskandidat Ignazio Cassis.
Kann er die Hoffnungen der italienischsprachigen Schweiz erfüllen? Bundesratskandidat Ignazio Cassis.
Keystone

Was passiert morgen im Tessin, falls Ignazio Cassis nicht in den Bundesrat gewählt wird? Nichts. Es wird keinen Volksaufstand geben, wenn Sie das meinen, und auch keine Demos von wütenden Tessinern vor dem Bundeshaus.

Aber jetzt sprachen wir doch so lange davon, wie wichtig ein Bundesratssitz für das Tessin wäre. Das ist er in vieler Hinsicht auch. Es ist jedoch nicht so, wie sich das manche Deutschschweizer vielleicht vorstellen: dass jetzt im Tessin automatisch alle und parteiübergreifend fordern, dass es jetzt um jeden Preis ein Tessiner sein müsse. Da gibt es durchaus Schattierungen, und Cassis hat nach wie vor viele Kritiker in verschiedenen Lagern.

Stehen heute mehr Tessinerinnen und Tessiner hinter seiner Kandidatur als noch zu Beginn der Kampagne? Die Unterstützung hat nicht zugenommen – sie ist nach wie vor diffus. Die Tessiner Grünen haben zum Beispiel ihrer Fraktion empfohlen, die ehemalige Regierungsrätin Laura Sadis zu wählen. Der Präsident der Tessiner SP hat vor ein paar Tagen gesagt, Cassis vertrete das Tessin nicht. Und auch bei der Lega hört man immer noch viel Kritik. Ziemlich gross scheint die Unterstützung dafür bei der CVP, was angesichts der historischen Rivalität zwischen CVP und FDP nicht selbstverständlich ist.

Welche Rolle spielt bei der Kritik an Cassis die Episode mit seinem italienischen Pass, den er vorzeitig abgegeben hat? Die Lega kritisiert Cassis ja schon lange für sein Mandat beim Krankenkassenverband Curafutura. Das Hin und Her um seine Doppelbürgerschaft hat nun viele in der Lega in ihrer Meinung bestätigt, dass Cassis ein Opportunist sei. Und schweizweit hat man ja auch gesehen, dass die Episode mit dem Pass bei vielen Linken ebenfalls nicht gut ankam.

Ist das Verständnis für die Lage des Tessins durch die Kandidatur von Cassis gestiegen? Ja, nach meiner Einschätzung schon. Man hat in den vergangenen Wochen gesehen, dass es einen gewissen Konsens gibt, das Tessin besser in die Eidgenossenschaft zu integrieren. Aber man sollte auch aufpassen: Wenn derzeit Parteien und Politiker für die Wahl von Cassis argumentieren, ist oft Taktik und Eigeninteresse im Spiel. Die SVP begründet ihren Entscheid für Cassis ja stark mit der verfassungsmässigen Vertretung der Landesregionen. Aber ich bezweifle doch stark, ob sie gleich argumentiert hätte, wenn die Tessiner Kandidatin jetzt Laura Sadis heissen würde.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch