«Es gibt kein Recht auf ein gesundes Kind»

Wieviele Schweizer würden eine Präimplantationsdiagnostik in Anspruch nehmen? Wie würde sich die Schweiz vor Missbräuchen schützen? Alain Berset nimmt Stellung.

«Niemand will Designer-Babys»: Bundesrat Alain Berset, hier während einer Debatte im Ständerat. (2. März 2016)

«Niemand will Designer-Babys»: Bundesrat Alain Berset, hier während einer Debatte im Ständerat. (2. März 2016)

(Bild: Keystone)

Am 5. Juni entscheidet das Schweizer Stimmvolk über den Einsatz der Präimplantationsdiagnostik. Durch künstliche Befruchtung erzeugte Embryonen sollen unter strengen Voraussetzungen genetisch untersucht werden dürfen. Gegner äussern ethische Bedenken. Sie befürchten, das Gesetz öffne die Tür für Eugenik. Bundesrat Alain Berset versucht heute in einem Interview mit der NZZ, die Ängste zu nehmen: «Niemand will Designer-Babys.» Aber: «Weshalb soll ein wenige Tage alter Embryo mehr Schutz geniessen als ein zwölf Wochen alter Fötus?» Heute dürfen die Untersuchungen erst während der ersten Wochen der Schwangerschaft durchgeführt werden.

Alain Berset vertritt die Meinung des Bundesrates, der wie das Parlament die Änderung des Fortpflanzungsmedizingesetzes unterstützt. Die Grenzen seien durch Gesetz und Verfassung klar gesetzt, sagt Berset im Interview. Missbräuche könne man dennoch nie ausschliessen. Ob die Bestimmungen eingehalten werden, werde mit Kontrollen überprüft. «Ein allfälliger Missbrauch würde strafrechtlich verfolgt.» Berset betont, er habe grosses Vertrauen in die Ärzteschaft.

5000 bis 10'000 Franken

Alain Berset geht davon aus, dass 500 bis 1000 Paare eine Präimplantationsdiagnostik in Anspruch nehmen würden. Er schliesst einen wirtschaftlichen Nutzen aus. «Das sind zu wenige, um damit das grosse Geld zu verdienen.» Die Kosten von 5000 bis 10'000 Franken müssten die Paare selbst berappen – im Gegensatz zur Pränataldiagnostik, deren Kosten von der Krankenkasse übernommen werden. Daher geht Berset davon aus, dass nur Paare mit einem berechtigten Grund eine PID durchführen würden.

Der Gesundheitsminister betont, dass es kein Recht auf ein gesundes Kind gebe. «Ob ein Kind gesund ist oder nicht, entscheidet die Natur.» Es gehe darum, Paaren die Möglichkeit zu geben, «auszuschliessen, den Kindern das Risiko für eine schwere Erbkrankheit weiterzugeben», führt er im NZZ-Interview aus. «So müssen sie kein Kind auf Probe zeugen.»

«Nicht alle Behinderungen sind vererbbar»

Müssten Behinderte nach Zulassung der PID vermehrt mit Diskriminierung rechnen? Berset verneint und verweist auf Erfahrungen aus dem Ausland. Der Umgang mit Menschen mit Behinderung sei ein wichtiges Thema, habe mit der Abstimmung vom 5. Juni aber nichts zu tun. Zudem hätten 90 Prozent der Behinderungen nichts mit Chromosomenstörungen zu tun, die sich mit der Präimplatationsdiagnostik erkennen lassen.

Die Argumente zusammengefasst: Das Abstimmungsvideo des Bundes zur Änderung des Fortpflanzungsmedizingesetzes. (Quelle: Youtube/ Der Schweizerische Bundesrat)

woz

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