Es braucht unabhängige Prüfstellen

Nur über die Missstände in Altersheimen zu berichten, genügt offenbar nicht.

Catherine Boss@catboss1

Viel ist passiert in den letzten Monaten. Seit die SonntagsZeitung vor einem Jahr publik gemacht hat, dass mehr als ein Drittel aller Heime in der Schweiz im Verdacht stehen, von den Bewohnern zu hohe Preise zu verlangen, ­haben Kantone reagiert. Sie fordern von den ­Alterszentren genauere Abrechnungen. Im ­Kanton Zürich hat die Regierung gar entschieden, dass die Gemeinde Urdorf den Senioren Geld zurückgeben muss.

Doch ein zentrales Problem besteht weiter. Die Kantone erlassen zwar Vorschriften, wie die ­Heime die Preise berechnen müssen. Doch sie kontrollieren die Umsetzung nicht. Sie überlassen das vielerorts den Gemeinden. Im Kanton Baselland beispielsweise verfügte die Regierung, dass die Heime mehr Geld für die Pflege erhalten sollen. Gleichzeitig ­wiesen sie die Heime an, die Preise für die Pension und die Betreuung zu senken. Wenn man bei der Gesundheits­direktion nachfragt, ob nun kontrolliert werde, dass dies auch geschehe, heisst es: Das ist nicht unsere Sache, das müssen die Kommunen tun. Erst eine Auswertung dieser Zeitung zeigt jetzt, dass nicht alle Heime der Anordnung ­gefolgt sind.

Ein klassischer Interessenkonflikt

Das Problem: Die Gemeinden sind oft Besitzer der Heime, oder Gemeinderäte sitzen in den Stiftungsräten der Alterszentren. Gleichzeitig ist es für die Gemeindekasse von Vorteil, wenn Bewohnerinnen und Bewohner, die von der Gemeinde keine finanzielle Unterstützung in Form von Ergänzungsleistungen erhalten, hohe Preise bezahlen. Das spült mehr Geld in die Heimkasse – und verbessert indirekt das Budget der Gemeinde. Rund 40 bis 50 Prozent der Senioren sind solche sogenannten Selbstzahler. Wenn die Rechnung für das Heim also überteuert ist, frisst das widerrechtlich deren Vermögen weg.

Und wer soll das verhindern? Ausgerechnet die Gemeinden selbst? Es geht hier um einen klassischen Interessenkonflikt. Die Gemeinden sind die falsche Stelle, um den Heimen bezüglich Kosten auf die Finger zu schauen. Ihre Vertreter tragen zwei Hüte: den einen als Wacher über das Gemeindebudget und den anderen als Volks­vertreter, die sich auf die Seite der alten Leute stellen müssten. Das funktioniert nicht.

Zwar fällt den Medien und auch dem Preisüberwacher die Rolle des Wachhundes zu. Aber es genügt nicht, wenn immer wieder von Missständen berichtet wird. Es braucht ein neues System, das in der Schweiz auf nationaler Ebene einheitliche, transparente Preise für Altersheime ermöglicht. Dann sollte es überall un­abhängige Prüfstellen geben, welche die Kostenrechnungen der Heime im Detail kontrollieren und Effizienz einfordern. Das tönt vielleicht nach mehr Bürokratie. Im Endeffekt wird es aber billiger – für den Staat, aber vor allem auch für die alten Leute.

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