Zum Hauptinhalt springen

Dann dachte sie, ins Schwimmbad zu gehen, bringe sie in die Hölle

Die Türkei lockt mit Gratis-Sommercamps – und bringt dort junge Frauen und Männer auf Linie.

Will Wochenendschulen in 15 westlichen Ländern eröffnen: der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan. Bild: Getty
Will Wochenendschulen in 15 westlichen Ländern eröffnen: der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan. Bild: Getty

Am 30. Juni ist Anmeldeschluss. Die Ausschreibung für die Sommercamps in der Türkei lockt mit Freizeitaktivitäten. Alles gratis. Teenager, junge Frauen und Männer im Alter zwischen 18 und 22 können auf Staatskosten das Land der Eltern erkunden. Die Lager finden getrennt nach Geschlechtern statt und werden vom Amt für Auslandtürken und verwandte Volksgruppen (YTB) sowie dem Jugend- und Sportministerium durchgeführt. Die Camps sollen die Jugendlichen ihrer Heimat näherbringen.

Ein türkisch-schweizerischer Doppelbürger sieht darin einen weiteren Versuch des türkischen Präsidenten Erdogan, seinen Einfluss auf die im Ausland lebenden Türken zu vergrössern. Weil er Drangsalierung befürchtet, will er nicht mit Namen genannt werden. Erfahrungen aus seinem persönlichen Umfeld machen ihn misstrauisch. Ein Mädchen aus der Verwandtschaft sei nach einem ebenfalls von der Türkei organisierten Lager ganz durcheinander heimgekommen. Es wollte nicht mehr ins Schwimmbad, da diese Freizügigkeit direkt in der Hölle ende. Für ihn, der selber Kinder hat, unterläuft der türkische Staat damit Integrationsbemühungen, statt sie zu ­fördern. Das besagte Lager wurde von Diyanet, dem Amt für religiöse Angelegenheiten, veranstaltet.

Wochenendschulen in 15 Ländern

Kürzlich wurde publik, dass die Türkei in 15 westlichen Ländern Wochenendschulen für Kinder und Jugendliche schaffen möchte, darunter in der Schweiz. Zudem sorgte eine Theateraufführung im Rahmen des Unterrichts in heimatlicher Sprache und Kultur für Aufsehen. Kurz vor den türkischen Präsidentschaftswahlen vom 24. Juni in der Türkei entsteht so der Eindruck einer Bildungsoffensive.

Christoph Ramm, Türkeiexperte am Institut für Islamwissenschaften der Universität Bern, sieht diese zuerst in der Tradition bisheriger Anstrengungen der Türkei, den Kontakt zur Diaspora zu erhalten. Wie stark etwa bei den Sommercamps auch ideologische Ziele mitschwingten, kann er aufgrund der Ausschreibung nicht beurteilen. Plausibel erscheint ihm die Vermutung, dass Erdogan und mit ihm seine Partei AKP damit der Gülen-Bewegung Konkurrenz machen wollen. Diese engagierte sich traditionell stark im Bildungssektor, wurde aber spätestens nach dem im Juli 2016 gescheiterten Putsch in der Türkei zum Feind des Machthabers.

Die türkische Botschaft reagierte nicht auf eine Anfrage von Redaktion Tamedia. Das Amt für Auslandtürken, das die Sommercamps organisiert, wurde 2010 von Präsident Erdogan geschaffen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch