Er macht die Kandidaten für den Bundesrat

Wer für die SVP Bundesrat werden will, muss sich einer internen Findungskommission unter der Leitung von Ernst Hasler stellen. Wer ist dieser Mann, der die Kandidaten prüft?

Der Aargauer Alt-Regierungsrat Ernst Hasler hat den Ruf, kein Risiko einzugehen. Foto: Edi Engeler (Keystone)

Der Aargauer Alt-Regierungsrat Ernst Hasler hat den Ruf, kein Risiko einzugehen. Foto: Edi Engeler (Keystone)

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Die Bundesratswahlen 2011 gerieten für die SVP zum Desaster: Wenige Tage zuvor war bekannt geworden, dass sich ihr Kandidat Bruno Zuppiger an der Erbschaft einer verstorbenen Mitarbeiterin bereichert hatte. Überstürzt musste die Partei Zuppiger durch Hansjörg Walter ersetzen, was das Parlament nicht goutierte. Stattdessen wurde Eveline Widmer-Schlumpf im Amt bestätigt.

Diesmal soll es besser laufen. Bereits vor mehr als einem Jahr rief die Parteispitze eine Findungskommission ins ­Leben. Und sie fragte für deren Leitung den Aargauer Alt-Regierungsrat Ernst Hasler an. Er habe gerne zugesagt, ­erzählt der 70-Jährige. Denn die Aufgabe interessiere ihn, und er empfinde die Anfrage als Ehre.

Hasler legte mit den fünf übrigen Kommissionsmitgliedern die Strategie fest und prüft nun alle Kandidaten auf ihre Eignung als Bundesrat. Namen mag er keine nennen, nicht einmal die Anzahl der Kandidaten. Aber er sagt, worauf es ankommt. Die Papabili müssten «die Hauptzielsetzungen der SVP vertreten», sprich: auf Parteilinie sein. Gleichzeitig müssten sie sich fürs Kollegialitätsprinzip eignen und für die Mehrheit des Parlaments wählbar sein.

Strafregisterauszug verlangt

Darüber hinaus sollten sie natürlich ein Departement führen können und – der Fall Zuppiger lässt grüssen – keine Leichen im Keller haben. Die Findungs­kommission verlangt daher von den Kandidaten Auszüge aus dem Straf- und dem Betreibungsregister. Und sie thematisiert in den Gesprächen allfällige dunkle Flecken sowie deren Risiko für die Kandidaten. Auch so kann jedoch eine Schandtat unentdeckt bleiben. Dessen ist sich Hasler bewusst.

Der 70-Jährige sei für diese Aufgabe genau der Richtige, findet SVP-Nationalrat Ulrich Giezendanner und versichert: «Er ist die ­Seriosität in Person.» Der Fuhrhalter muss es wissen, kennt er doch Hasler seit Jahrzehnten. Gemeinsam sassen sie im Aargauer Grossen Rat und später im Nationalrat. «Anders als ich ist er unglaublich genau und geht kein Risiko ein», sagt Giezendanner. Hasler werde die Kandidaten intensiv durchleuchten und lieber ein Telefon zu viel als eines zu ­wenig führen.

Sie nannten ihn «Harry Hasler»

Als beharrlich erlebte man ihn auch während seiner Zeit im Nationalrat von 1995 bis 1999. Seine zahlreichen bohrenden Fragen hätten damals viele genervt, so Ueli Maurer. Doch dann hätten die ­Genervten realisiert, dass die Fragen sie weiterbrächten. Dies erzählte der SVP-­Bundesrat 2009 an Haslers Fest zu dessen ­Abschied nach zehn Jahren als Aargauer Gesundheitsdirektor.

Als solcher tat sich Hasler schwer. Das sagen nicht nur seine Kritiker, das sagt er auch selbst. Der Baumeister musste erfahren, dass ein Departement schwieriger zu führen ist als ein Unternehmen: «Man hat viel weniger Freiheiten und stösst ständig irgendwo an.» An der Verwaltung. An Interessengruppen. An Gesetzesvorschriften. Und so prägte Hasler nach 100 Tagen im Amt den Satz: «Als Regierungsrat wird man nicht geboren, aber man kommt als ­Regierungsrat rasch auf die Welt.»

Viele hielten ihn für überfordert, zweifelten seine Fachkompetenz an und nannten ihn hinter vorgehaltener Hand despektierlich «Harry Hasler». Dies hat den SVP-Mann geschmerzt. Er erklärt sich den Unmut in erster Linie durch seine einschneidenden Reformen. Denn Hasler liess das Spital Brugg schliessen und legte andere zusammen. Selbst beste Freunde hätten darauf nicht mehr mit ihm gesprochen. «Ich musste hart unten durch», erinnert er sich, «aber im Rückblick waren die Entscheide richtig.»

2004 schaffte Hasler die Wiederwahl nur knapp im ersten Wahlgang, 2008 trat er nicht mehr an. Nach seinem Rücktritt schlief er erst ein paar Wochen lang aus, dann sagte er zu seiner Frau: «Das ist nichts für mich.» Seither arbeitet der Alt-Regierungsrat wieder im ­eigenen Immobiliengeschäft, das während der Regierungszeit Frau und Sohn besorgt haben. Darüber hinaus fährt er intensiv Velo (letzte Woche zweimal über das Stilfserjoch) und prüft nun auch SVP-Bundesratskandidaten.

Vater der Asylinitiative

Giezendanner ist sich sicher: «Ernst ­Hasler hat die Härte, zu sagen, du bist es nicht.» Gleichzeitig sei er eher ein leiser Typ, ruhig und überlegt. «Er ist im Auftritt viel moderater als ich, liegt aber ­inhaltlich voll auf SVP-Linie», so Giezen­danner. Von Linientreue zeugt auch, dass Hasler seinerzeit als Nationalrat die SVP-Initiative «gegen Asylmissbrauch» ausarbeitete. Sie scheiterte vor dem Volk nur sehr knapp mit 50,1 Prozent Nein-Stimmen.

Das war vor 13 Jahren. Jetzt entnimmt der Präsident der Findungskommission den Medien, wenn Toni Brunner Adrian Amstutz als Migrationsminister portiert, obwohl dieser gar nicht will. Und wenn Christoph Blocher von Brunner schwärmt, obwohl dieser auch nicht will. Das ärgert den im Hintergrund schweigenden Hasler nicht. Vielmehr lacht er darüber und sagt: «So funktioniert eben Politik.»

Bis am 13. November können die Kantonalparteien noch Kandidaten melden. Danach gibt die Findungs­kommission Empfehlungen zuhanden einer ausserordentlichen Fraktions­sitzung vom 16. November ab. Und vier Tage später entscheidet die Fraktion definitiv, wen sie für den Bundesrat vorschlägt. Es werden wahrscheinlich zwei Namen sein. Sollte die Bundes­versammlung am 9. Dezember einen anderen SVP-Vertreter wählen, sehen die Parteistatuten den automatischen Parteiausschluss vor. Entsprechend zentral ist die Vorauswahl durch die Fraktion – und durch Findungskommissionspräsident Ernst Hasler.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.10.2015, 21:29 Uhr

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