«Wenn man an dieser Stelle ins Rutschen kommt, ist es vorbei»

Oswald Oelz begleitete Ueli Steck mehrfach bei seinen Extremleistungen. Wird er je erfahren, warum sein Freund am Nuptse verunfallte?

«Man steigt nicht auf den Berg, um zu sterben»: Oswald Oelz, Bergsteiger und Arzt. Foto: Christian Beutler (Keysstone)

«Man steigt nicht auf den Berg, um zu sterben»: Oswald Oelz, Bergsteiger und Arzt. Foto: Christian Beutler (Keysstone)

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Wie haben Sie vom Tod Ueli Stecks erfahren?
Robert Bösch, Uelis Fotograf, ist am Sonntag in Kathmandu gelandet und hat davon gehört. Dann hat er mir ein SMS geschickt: Ueli ist tot. Abgestürzt am Nuptse.

Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen?
Ich war traurig. Ich bin traurig.

Ueli Steck ist bei einer Trainingstour auf den Nuptse verunglückt, auf einer Höhe von rund 7400 Metern über Meer. Können Sie die Unfallstelle beschreiben?
Dort befindet sich eine steile Eisflanke. Aber da läuft ein Ueli in der Regel einfach drüber. Genau so, wie er mit den Steigeisen über das Eisfeld am Eiger rennt. Ueli ist wahrscheinlich die ganze Nuptse-Flanke hinabgestürzt. 1000 Höhenmeter oder mehr. Bis ins Western Cwm, das Tal am Fuss des Everest. Dort haben sie ihn dann aufgelesen mit dem Heli.

Einer der besten Bergsteiger der Welt verunglückt tödlich in einer eher einfachen Passage. Wie soll man das verstehen?
Nun, ein Spaziergang ist die Nuptse-Flanke natürlich nicht. Aber dass Unfälle beim Training passieren, das ist nicht ungewöhnlich. Wenn es ernst gilt, ist man so angespannt, die Überlebenssysteme sind so scharf, dass man nicht abstürzt.

Bilder: Ueli Steck ist am Mount Everest abgestürzt

Sie vermuten, dass Steck nicht voll konzentriert war?
Das ist eine Möglichkeit. Viele grosse Bergsteiger sind so ums Leben gekommen. Die andere Möglichkeit: Eis- oder Steinschlag. Wir werden es nie erfahren.

Können Sie sich an Ihre erste Begegnung mit Ueli Steck erinnern?
Ja, sehr gut sogar. Das war im Jahr 2000. Im Flieger nach Los Angeles. Wir waren zu fünft: Der Bernhard Russi, der Röbi Bösch, der Ueli Bühler, der Ueli Steck und ich. Wir haben uns im Flieger kennen gelernt und anschliessend zusammen die Nose (eine Kletterroute; Anm. d. Red) am El Capitan gemacht.

Wie erlebten Sie es, mit Steck zu klettern? War seine körperliche Überlegenheit kein Problem für die Gruppe?
Gelegentlich hat der Ueli auch etwas Leichteres gesucht. Da konnte er gut noch zwei alte Chläuse wie Bernhard und mich mitnehmen. Und Ueli hat dafür gesorgt, dass unser Gepäck den Berg hochkam.

Wie lange dauerte die Tour?
Zweieinhalb Tage.

Sie haben zweimal in der Wand biwakiert?
Ja.

Video: Ueli Stecks grösste Erfolgsmomente

Der Extrem-Bergsteiger stellte mehrfach Rekorde auf. (Video: Tamedia, Facebook/Ueli Steck und samcam.film)

Wie nahe kommt man sich da?
Man merkt, ob die Chemie stimmt. Ich erinnere mich an einen Standplatz: Es wehte eine leichte Brise, Blüten wirbelten durch die Luft. Ueli und ich sassen einfach da und schauten zu. Das war wunderschön.

Damals war Steck noch keine Berühmtheit. Es war vor seinen Speed-Rekorden. Welchen Eindruck hinterliess er?
Der Ueli war ein einfacher, netter, freundlicher Typ. Aber wenn es ums Klettern ging, dann hat man seine Energie gespürt.

Mit Ueli Steck wurde die Schnelligkeit eine zentrale Grösse im Klettern. Wie wichtig waren diese Erfolge für ihn?
Er war im Club von denen, die das Klettern und Bergsteigen in den letzten 20 Jahren weiterentwickelt haben. Noch etwas höher, noch etwas schneller. Er hatte natürlich auch einen ausgeprägten Ehrgeiz. Diese Eiger-Rennereien, die haben ihn einerseits bekannt gemacht, andererseits war er stolz auf sie. Als Dani Arnold seine Eiger-Zeit unterbot, ist Ueli wenig später wieder eingestiegen und hat die Besteigung in 2 Stunden, 22 Minuten gemacht. 4 oder 5 Minuten schneller als der Dani.

Wobei man bei Steck stets den Eindruck hatte, er renne gegen die Zeit, nicht gegen andere Gegner.
Ja, er hat es gut verstanden, das zu vermitteln.

Dieser Eindruck ist nicht ganz zutreffend?
Nein. Ueli war ein sehr kompetitiver Bergsteiger. Es störte ihn ungemein, zu hören, dass Dani Arnold seinen Eiger-Rekord unterboten hat. Er hat ja auch gerne von seinen Rekorden gesprochen. Ueli war also nicht nur das bescheidene, naive Berner Oberländer Büebli, als das er zuweilen auch wahrgenommen wurde. Was nichts daran ändert, dass er ein ganz lieber Mensch war. Ihm ist es einfach gut gelungen, seine Kompetitivität zu verbergen.

Ueli Steck befand sich in den letzten Wochen im Himalaja, weil er den Mount Everest und den benachbarten Lhotse in einem Zug besteigen wollte. Warum ist diese Route so schwierig?
Weil man sich so lange in dieser extremen Höhe, in der sogenannten Todeszone, aufhält. Ohne Sauerstoff auf den Everest zu steigen, das ist schon am absoluten Limit der menschlichen Möglichkeiten. Wenn man oben ist, ist man total am Ende. Man will nur noch runter. Sich dann zusammenzureissen und in der Höhe von 8000 Metern über den Südsattel Richtung Lhotse zu laufen und diesen dann auch noch zu erklimmen, das braucht eine ungeheure Willensanstrengung.

«Man steigt nicht auf den Berg, um zu sterben. Man steigt auf den Berg, um intensiv zu leben.»

Steck wollte dort oben biwakieren. Kann man in solchen Höhen wirklich schlafen?
Ja. Aber man erholt sich dabei nicht mehr. So ab 7500 bis 8000 Metern über Meer läuft man nur noch auf den Reserven. Da wird nichts mehr aufgebaut. Auch nicht im Schlaf.

Trauen Sie Ueli Steck zu, dass er diese Everest-Lhotse-Route geschafft hätte?
Ja.

Letztes Jahr wurde Ueli Steck 40 Jahre alt. Ein kritisches Alter für Bergsteiger.
Darum ist diese Everest-Lhotse-Überschreitung jetzt auch fällig geworden.

Glauben Sie, er hätte irgendwann gesagt, jetzt ist genug riskiert, ich versuch es mit anderen Herausforderungen?
Irgendwann schon. Die Frage ist bloss, wann ist irgendwann? Erfolg macht hungrig auf mehr Erfolg. Und es gibt noch unzählige solche Ziele in den hohen Bergen.

Hat es Ueli Steck darauf ankommen lassen, im Berg zu sterben?
Ganz im Gegenteil. Er hat alles getan, um zu überleben. Man steigt nicht auf den Berg, um zu sterben. Man steigt auf den Berg, um intensiv zu leben.

War Steck ein Süchtiger?
Das ist eine Definitionsfrage. Der Ueli hat sicher diesen Kick gesucht. Im Bett ist es langweilig. Aber wenn man so an der Spitze hängt (greift mit einer Hand in die Luft), unter einem das Nichts (schaut auf den Fussboden), und man zirkeln muss, damit der Fuss genau auf der richtigen Stelle aufsetzt, dann ist alles aktiviert. Dann laufen sämtliche Systeme, die das Überleben sichern sollen, auf Hochtouren. Das gibt einen Flash!

Ueli Steck sagte einmal, im Alter könne man die nachlassenden körperlichen Fähigkeiten dadurch aufwiegen, dass man mehr Risiko nimmt.
Ewig geht das nicht.

Ist Steck ein Opfer seines Ehrgeizes, dieser Jagd auf immer neue Rekorde und Extremleistungen?
Nein, er wollte das ja. Er wollte das, was er tat. Und er war zufrieden dabei. Hinzu kommt, dass der Unfall jetzt ja nicht an der anspruchsvollsten Stelle geschehen ist. Ueli hatte wohl einfach Pech. Wenn man an dieser Stelle am Nuptse mal ins Rutschen kommt, dann ist es vorbei. Es ist eine blanke Eisbahn. (pfeift durch die Zähne)

Die Infografik zeigt die Route, die Steck bewältigen wollte:

Hätte er sich den Thrill nicht auch anderswo holen können?
Einen gewissen Thrill hatte Ueli auch am Jungfrau Marathon. Aber das ist ja völlig ungefährlich. Da fehlt halt schon der Pfeffer.

In letzter Zeit hat Ueli Steck häufiger und offener über den Tod gesprochen. Hatten Sie auch den Eindruck, dass er sich stärker mit dem Tod auseinandersetzte?
Nein, ich habe ihn immer als einen sehr optimistischen Kletterer erlebt. Eine Todesahnung konnte ich bei ihm nicht feststellen.

Aber der Tod war eine Möglichkeit, mit der er gerechnet hat.
Natürlich. Trotzdem war er überzeugt, dass er diese Expedition überlebt. Sonst hätte er sie nicht begonnen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.05.2017, 23:40 Uhr

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Oswald Oelz


Der 74-jährige Alpinist und Autor zahlreicher Kletterbücher war bis 2006 Chefarzt des Zürcher Triemlispitals. Er lebt im Zürcher Oberland.

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