Die Kinderlosen übernehmen

Wird Ignazio Cassis in den Bundesrat gewählt, sind dort die Kinderlosen in der Mehrheit. Vor- oder Nachteil?

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Der konservative Philosoph Rüdiger Safranski sah das Verhängnis schon vor über zehn Jahren nahen. Frauen und Männer ohne eigene Kinder verhielten sich wie «Endverbraucher», warnte Safranski 2006 in einem Zeitungsinterview. Die grassierende Kinderlosigkeit führe dazu, dass das «Denken in Generationenketten» an Bedeutung verliere. «Wenn diese Mentalität an die Macht kommt, ist keine Zukunftspolitik mehr möglich.»

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Bundesräte ohne Kinder könnten bald in der Mehrheit sein - geht das?





Die Schweiz kann nur hoffen, dass Safranski irrte. Denn wovor er sich fürchtete, das wird hier in fünf Monaten wahrscheinlich eingetreten sein. Von den sieben Mitgliedern des Bundesrats sind bereits drei – Simonetta Sommaruga (SP), Doris Leuthard (CVP) und Guy Parmelin (SVP) – ohne biologischen Nachwuchs: eine Konstellation, wie es sie in der Geschichte des seit 1848 bestehenden Gremiums nur selten gab. Der anstehende Rücktritt von Didier Burkhalter (FDP) könnte die Eltern in der Landesregierung nun zum ersten Mal in die Minderheit bringen. Fast alle Beobachter rechnen derzeit nämlich damit, dass der kinderlos verheiratete Ignazio Cassis den dreifachen Vater Burkhalter als Magistrat beerben wird. Sollte in naher Zukunft auch noch Johann Schneider-Ammann (FDP) zurücktreten, steht es womöglich bald 5:2 für die Kinderlosen. Als Kronfavoritin für seine Nachfolge gilt die St. Galler Ständerätin Karin Keller-Sutter, im selben Familienstand wie Cassis.

Wenn Erfahrung fehlt

In der Schweiz greift damit leicht verspätet ein Trend, der international schon zu beobachten ist. Die wichtigsten Länder Europas werden derzeit allesamt von Frauen und Männern ohne Kinder geführt: Deutschland (Angela Merkel), Frankreich (Emmanuel Mac­ron), Grossbritannien (Theresa May), Italien (Paolo Gentiloni), Schweden (Stefan Löfven) und die Niederlande (Mark Rutte), ebenso die Europäische Union (Jean-Claude Juncker). Einen Staat oder gar Staatenbund zu führen, ohne je Söhne oder Töchter gezeugt und grossgezogen zu haben: Geht das? In Onlinemedien wird die Frage, teils polemisch, schon länger debattiert. Ultrarechte Plattformen und Blogs wie die deutsche «Politically Incorrect» oder die englische «Traditional Britain Group» beklagen die Kinderlosigkeit in den Ministeretagen als Dekadenzsymptom; einige versteigen sich zur Theorie, Europa werde aus diesem Grund der «Islamisierung» preisgegeben. Differenzierter, aber ebenfalls kritisch fragt die von christlichen Ve­reinen betriebene Schweizer Nachrichtenplattform Jesus.ch: «Können sie (die Kinderlosen) sich in die vielfältigen Herausforderungen für Familien einfühlen?» Wer keine Kinder habe, dem entgingen wesentliche Erfahrungen, die für die politische Arbeit von Bedeutung seien.

Das waren noch Zeiten: Bundesrat Kurt Furgler mit seiner Ehefrau und seinen sechs Kindern, 1971. Foto: Keystone, Photopress-Archiv

Der Soziologe François Höpflinger hält es in der Tat nicht für ausgeschlossen, dass sich eine kinderlose Regierung von einem Teil der Bevölkerung entfremden könnte. Er gibt aber auch zu bedenken, dass erwachsene, von zu Hause ausgezogene Kinder die eigene Perspektive nicht mehr allzu stark prägten. «Käme eine Mehrheit von Veganern in den Bundesrat, hätte das politisch wohl eher Folgen», so Höpflinger. Gefährlich sei es im Übrigen, wenn ein Politiker aus Erfahrungen der eigenen Vergangenheit leichtfertig auf die Situation von Familien in der Gegenwart schliesse.

Der Zürcher Familienforscher Klaus Preisner bezweifelt ebenfalls, dass die grossen politischen Linien durch den ­Familienstand der Entscheidungsträger beeinflusst werden. Kinderlosigkeit wirkt sich nach Preisners Vermutung am ehesten dann aus, wenn es um Kinder im direkten Umfeld geht. «Das könnte etwa die Frage betreffen, wie viel Verständnis Mitarbeitenden mit Familienpflichten entgegengebracht wird.» Allerdings dürfe man auch hier nicht verallgemeinern. So fehle es gerade in Familienministerien oder an Lehrstühlen zur Genderforschung «oft genug an familienfreundlichen Strukturen», konstatiert der Wissenschaftler.

Als die Frau noch zu Hause blieb

Dass die Schweiz mit kinderlosen Mehrheiten an der Macht bald Erfahrungen sammeln kann, davon ist auch dann auszugehen, wenn es keinen Bundesrat Cassis geben sollte. Denn zum einen haben sich die Mentalitäten gewandelt. «Früher galt es für bürgerliche Politiker als Leistungsausweis, eine Familie grossgezogen zu haben», sagt der Berner Wirtschaftsrechtler Peter V. Kunz. «Und das Gegenteil war Indiz für einen unseriösen Lebenswandel.» Heute sehe man das anders – zu Recht, findet Kunz, der vor einigen Monaten mit einer provokativen Kolumne zu «überschätzten Eltern» in der Zeitung «Nordwestschweiz» eine Debatte lostrat. Um sich das Rüstzeug für den Bundesrat anzueignen, brauche man nicht Kinder in die Welt zu stellen. «Heute verlangt ja auch niemand mehr, dass ein Bundesratskandidat unbedingt als Offizier gedient haben muss.»

Zum anderen aber könnte Elternschaft für hohe politische Ämter, die mit zeitaufwendigen Repräsentationspflichten verbunden sind, künftig gar vermehrt zum Problem werden. «Früher schaute die Frau daheim zu den Kindern, und der Mann konnte politisieren», sagt Kunz. Wenn nun die Väter vermehrt in die Kinderbetreuung eingebunden würden, entziehe das auch ihnen Zeit für die Politik. «Überdies wird heutzutage im Internet aggressiv gegen exponierte Persönlichkeiten geschossen. Wenn man ­Familie hat, überlegt man sich vielleicht zweimal, ob man auch sie diesen Anfeindungen aussetzen will», sagt Kunz.

Ob es bundesrätliche Grossfamilien wie bei Kurt Furgler (1972–1986) mit seinen sechs Kindern oder gar Josef Zemp (1892–1908) mit seinen 15 Kindern je wieder geben wird? Ueli Maurer (SVP) steht mit seinen vier Söhnen und zwei Töchtern als vorerst Letzter in dieser Tradition. Ersetzt ihn dereinst ein Nachfolger, wird die Schweiz vielleicht erstmals mehr amtierende Bundesräte als Bundesratskinder haben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.06.2017, 22:48 Uhr

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