Bundesratswahl als Einstiegsdroge für die Schweizer Politik

Angesichts der Bundesratswahl rümpfen Politpuristen die Nase über den Medienhype um Cassis & Co. Sie liegen falsch.

Zu viel Rummel? Der Bundesplatz in Bern. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Zu viel Rummel? Der Bundesplatz in Bern. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

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Jetzt hört man sie wieder an allen Ecken, die tatsächlichen und selbst ernannten Politexperten, die den Medienhype um die Bundesratswahl beklagen. Sie sagen es den Journalisten ins Gesicht, sie sagen es zu Hause vor dem Fernseher, und manche schreiben darüber sogar Artikel, so wie der Berner Kommunikationsberater Mark Balsiger. «Seit Mitte der Neunzigerjahre sind Bundesratswahlen zum Medienspektakel geworden, das nicht zu unserem republikanisch geprägten Land passt», konstatiert Balsiger in seinem Blog. «Was an Inszenierung noch fehlt: dass dem Frischgewählten – oder der Frischgewählten – eine Krone aufs Haupt gesetzt wird.»

Als Medienvertreter bekommt man die Kritik unverblümt zu hören: «Ihr Journalisten spinnt doch! Warum berichtet ihr seitenweise über die Bundesratswahlen statt über wirklich wichtige Dinge wie die AHV-Reform oder das Finanzdienstleistungsgesetz?» Auch die Parteipräsidenten rümpften in der Fernseh-«Arena» die Nase und erklärten die breite Berichterstattung mit dem Sommerloch.

In der Tat: Das Medieninteresse ist enorm. Seit dem Rücktritt von Didier Burkhalter wurde sein wahrscheinlichster Nachfolger Ignazio Cassis laut der Schweizerischen Mediendatenbank (SMD) 3709-mal in einem Zeitungs- oder Onlinebeitrag erwähnt. Isabelle Moret und Pierre Maudet kommen auf 2336 beziehungsweise 2510 Erwähnungen. Das sieht nach medialem Overkill aus.

Doch jenseits dieser groben Zahlen: Worüber berichteten die Medien genau? Natürlich sezierten sie die drei Kandidaten und hinterfragten ihre Eignung fürs höchste Amt im Staat. Sie berichteten aber auch über die Romandie und die italienische Schweiz, ihre Eigenheiten und ihre Ansprüche, im Bundesrat vertreten zu sein. Sie zeigten auf, dass das Tessin nicht nur als Tourismusdestination existiert, sondern als eigenständiges Politbiotop. Sie leuchteten die Kräfteverhältnisse im Bundesrat aus und analysierten, wie das neue Bundesratsmitglied die Machtbalance verschieben könnte. Sie berichteten über die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Politik. Sie berichteten über den Streit, ob ein Bundesrat Doppelbürger sein darf. Sie warfen die Frage auf, ob ein herausragender Politiker überhaupt je Bundesrat werden kann oder ob unser System das Mittelmass belohnt. Und so weiter und so fort.

Ein Segen für das Land

Das sind relevante Themen, welche die Fundamente unseres Staatswesens berühren. Nie wird über Schweizer Politik so detailliert, so vielschichtig und auch so lustvoll diskutiert wie vor einer Bundesratswahl. Und nie kann sich das interessierte Publikum ein besseres Bild machen über das Personal, von dem es regiert wird.

Hand aufs Herz: Welcher Deutschschweizer hat vor dieser Wahlkampagne die bestgewählte Nationalrätin der Romandie gekannt? Welche Deutschschweizerin wusste vor drei Monaten, dass es in Genf einen Regierungsrat gibt, der erst 39-jährig ist, der aber mit dem Selbstbewusstsein eines französischen Staatspräsidenten politisiert? Wetten, dass die Zahl der Schweizer, welche die sieben Bundesräte nicht nur aufzählen, sondern auch deren Departemente nennen können, nach dem Wahltag markant grösser ist als vorher?

Man mag die Personalisierung beklagen, um welche die Medien bei diesem Thema naturgemäss nicht herumkommen. Abgesehen davon sind Bundesratswahlen ein Segen für die Schweiz – gerade weilder politische Alltag in Bern sonst weniger spektakulär abläuft als in Washington oder Berlin. Bundesratswahlen sind ein Katalysator, um all jene Themen zu debattieren, die im Staatskundeunterricht zu kurz gekommen sind. Und wer weiss: Vielleicht werden einige Bürger dazu verführt, sich nach dem Wahlspektakel wieder mehr für die Tagespolitik zu interessieren.

Und für all jene, die sich trotz allem nicht für Cassis & Co. zu begeistern vermögen, sind seit Burkhalters Rücktritt in den Deutschschweizer Medien auch 10 230 Beiträge über die AHV-Reform erschienen – und immerhin 53 über das Finanzdienstleistungsgesetz.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.09.2017, 21:29 Uhr

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