Porträt: Ein Tessiner mit Blick nach oben

Schon im Juli 2016 wurde Ignazio Cassis als neuer Bundesrat gehandelt. Über einen Mann, der damals schon grossen Einfluss hatte, aber noch geschickt im Hintergrund agierte.

Reicht es Ignazio Cassis für den Bundesrat? Dies hängt unter anderem von Didier Burkhalter ab.<br />Foto: Fabian Unternährer (13 Photo)

Reicht es Ignazio Cassis für den Bundesrat? Dies hängt unter anderem von Didier Burkhalter ab.
Foto: Fabian Unternährer (13 Photo)

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Dieses Porträt erschien am 29. Juli 2016 im «Tages-Anzeiger».

Wer in der Bundespolitik etwas erreichen will, braucht die FDP. Sie spielt derzeit im Nationalrat das Zünglein an der Waage: Je nachdem, wie sie entscheidet, obsiegt die Rechte oder Mitte-links. Dies ergibt sich aus den Mehrheitsverhältnissen, die seit den letzten Wahlen gelten. Und dies verleiht der FDP-Fraktion eine enorme Macht.

Doch der Mann an ihrer Spitze ist einer breiteren Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Ignazio Cassis agiert eben vor allem im Hintergrund – auch als Präsident der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit (SGK). Diese spurt gegenwärtig mit der Rentenreform die wichtigste Vorlage vor. Mitte August wird sie ihre Vorschläge präsentieren.

Bis dann hat Cassis noch viel zu tun. Nicht nur wegen der AHV- und den Pensionskassen-Renten. Noch mehr beansprucht ihn in diesen Tagen die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative. Er spricht von einem «Riesen­puzzle, von dem niemand weiss, wie es am Ende aussehen soll». Alles sei im Fluss. Ständig kämen neue Signale – von anderen Parteien und aus der EU. Cassis studiert daher auch während der Sommerferien Akten, telefoniert und mailt. «Ferien» heisst für ihn nur, keine Termine in Bern zu haben. Arbeiten lässt sich aber auch von Montagnola aus, seinem Wohnort in der Nähe von Lugano.

Plötzlich war er Nationalrat

Von dort aus nimmt er in diesen Wochen auch seine Pflichten als Präsident des Krankenkassenverbands ­Curafutura, des Heimverbands Curaviva sowie der Gesundheitsstiftungen Equam und Radix wahr. «Er ist ständig unter Strom und extrem umtriebig», sagt SVP-Nationalrat Heinz Brand, Präsident des konkurrenzierenden Krankenkassenverbands Santésuisse. Vom Begriff «Work-Life-Balance» hält Cassis wenig. Besser passt ihm der Konfuzius-Spruch: «Wähle einen Beruf, den du liebst, und du brauchst keinen Tag in deinem Leben mehr zu arbeiten.» Entsprechend bereiten ihm seine Wochenpensen von 70 bis 80 Stunden Vergnügen.

Um keine Zeit mit Reisen zu verlieren, hat er in Bern eine Wohnung gemietet. Seine Frau bleibt derweil in Lugano, wo sie als Röntgenärztin ihrerseits ein 60-Stunden-Pensum absolviert. Das gehe natürlich nur, weil sie keine Kinder hätten, sagt Cassis. Nicht, dass sie sich keine gewünscht hätten. «Aber es kamen keine.» Und so arbeiten sie eben.

Manche handeln den Freisinnigen bereits als den nächsten Tessiner Bundesrat. Die Chancen dafür stehen so gut wie schon lange nicht mehr. Sitzen doch derzeit drei Romands im Bundesrat. Tritt einer zurück, wird der Ruf nach einem Tessiner laut. Und als amtsältester Welscher dürfte der freisinnige Didier Burkhalter zuerst demissionieren. Fragt sich nur wann. Je länger er damit zuwartet, desto schwieriger wird es für Cassis. Denn der Tessiner ist bereits 55.

Einst baute Ignazio Cassis die Brücken vor allem nach links. Jetzt schlägt er sie öfter nach rechts.

Burkhalter ist lediglich ein Jahr älter. Verharrt er noch fünf Jahre im Bundesrat, ist es für Cassis wohl zu spät. Und vorher? «Ich würde mir eine Kandidatur überlegen», sagt der Freisinnige. Es wäre nicht seine erste: Bereits 2010, als es um die Nachfolge von Hans-Rudolf Merz ging, meldete er sein Interesse an. Damals freilich ohne grosse Chancen. Es sei einzig darum gegangen, den Tessiner Anspruch geltend zu machen. «Mein Ziel war, keinen Fehler zu machen und mindestens 10 Stimmen zu erreichen», erinnert sich Cassis. Es reichte für 12.

Seinerzeit blickte er auf gerade einmal drei Jahre im Nationalrat zurück. Denn er kam relativ spät zur Politik – als Quereinsteiger. 2003 suchten die Tessiner Freisinnigen einen Arzt als Füller für ihre Nationalratsliste. Der damals 42-jährige Cassis sagte zu und landete zu seiner eigenen Überraschung auf dem ersten Ersatzplatz. Vier Jahre später wählte das Tessiner Volk Laura Sadis in den Regierungsrat, und Cassis war Nationalrat.

Ursprünglich politisierte er am linken Rand seiner Partei. Seither ist er kontinuierlich nach rechts gerutscht. Das zeigt nicht nur das Parlamentarierrating des Forschungsinstituts Sotomo. Dies deckt sich mit seiner eigenen Einschätzung. «Ich sehe die Zusammenhänge jetzt besser – etwa in der Finanz- und Wirtschaftspolitik», sagt Cassis. Kommt hinzu, dass er von seinen einstigen Parteikollegen in der SGK ermahnt wurde: Wenn er mit ihnen zusammen etwas bewirken wolle, müsse er sich bewegen.

Heute politisiert Cassis in der Mitte seiner Fraktion. Statt Brücken nach links baut er jetzt eher welche nach rechts. Dies ist auch den neuen Mehrheitsverhältnissen im Nationalrat geschuldet: Auf der rechten Seite muss die FDP mit der SVP nur eine Partei überzeugen, um sich durchsetzen zu können. Auf der linken Seite braucht es stets mehrere Parteien, was die Sache komplizierter macht. Doch Cassis will sich nicht programmatisch an die SVP binden: «Wir gehen unseren eigenen Weg und bilden je nach Sachfrage Allianzen.»

Eher Moderator als Vordenker

Das kann auch mal schiefgehen. Wie im vergangenen Dezember, als SVP und FDP die Verlängerung des Ärztestopps verweigerten. Dies wurde weitherum als erste Machtdemonstration der beiden Parteien wahrgenommen. Doch jetzt sagt Cassis: «Es war gar keine Machtdemonstration, es war ein Unfall.» Die FDP wollte bloss die liberale Fahne hochhalten und rechnete damit, dass ein beträchtlicher Teil der Fraktion für die Verlängerung des Ärztestopps stimmen würde. Stattdessen folgten fast alle brav den Instruktionen. Daraufhin musste Cassis den angerichteten Schaden beheben, um keinen erheblichen Prämienanstieg zu riskieren. Er bot Hand, den Ärztestopp doch noch zu verlängern, wenn auch nur befristet.

Inzwischen klärt der FDP-Fraktionschef vermehrt im Voraus ab, wer wie stimmt. So weiss er, mit wie vielen Stimmen er taktieren kann. In aller Regel strebt er eine hohe Geschlossenheit an, was bei den gegenwärtig knappen Mehrheitsverhältnissen besonders wichtig ist – ebenso wie eine lückenlose Präsenz bei den Abstimmungen. Dies gelinge ihm recht gut, hört man aus der Fraktion. «Er kann die Leute abholen und sie zu einer gemeinsamen Position führen», sagt etwa die Zürcher Nationalrätin Regine Sauter. Andere wünschten sich Cassis etwas weniger harmoniebedürftig und straffer in der Führung. Auch wenn diese nicht ganz so straff sein müsse wie unter seiner Vorgängerin Gabi Huber.

Cassis selbst sieht sich eher als Moderator denn als Vordenker. «Ich bin der Mechaniker im Maschinenraum, der den Motor am Laufen hält», sagt er. Dies ist umso wichtiger, als Parteipräsidentin Petra Gössi noch wenig Erfahrung in ­Sachen Parteiführung hat. «Für sie ist es sicher von Vorteil, jemanden zu haben, der den Betrieb gut kennt», sagt Fraktionsvize Beat Walti.

Italienisch, Deutsch und Französisch perfekt

Wen immer man fragt – vom Sozial­demokraten Jean-François Steiert über CVP-Fraktionschef Filippo Lombardi bis zu SVP-Mann Heinz Brand: Alle beschreiben Cassis als auffallend freundlich und gewinnend – auch wenn er in der Sache hart sein könne. Kommt hinzu, dass der Tessiner neben Italienisch perfekt Deutsch und Französisch spricht.

«High five» kann er seinen Partei­kollegen aber nicht geben, wenn die FDP eine wichtige Abstimmung gewinnt. Seine rechte Hand hat nur vier Finger. Den fünften verlor er mit 13 Jahren, als er über einen Zaun mit eisernen Zacken sprang, wo der kleine Finger hängen blieb. Ein grosses Problem sei dies nicht, sagt Cassis: «Ich tippe ohnehin mit zwei Fingern.» Als Kind sei er wegen seinen neun Fingern aber ausgelacht worden. Dieser körperliche Mangel hat auch dazu beigetragen, dass der junge Ignazio Medizin studierte. 1989 führte er im Tessin die erste HIV-Sprechstunde durch – nicht ohne Angst, sich selbst anzustecken. Später wurde er Kantonsarzt und Vizepräsident der Schweizer Ärztevereinigung FMH.

Das kam bei den Tessinern besser an als seine heutige Tätigkeit beim Krankenkassenverband Curafutura, wofür er jährlich 180'000 Franken kassiert. Die Annahme dieses Mandats führte in Cassis’ Heimat zu einer kleinen Revolution. Der «gekaufte Krankenkässeler» musste den Verwaltungsrat der öffentlichen Tessiner Spitäler verlassen und bangte selbst um seine Wiederwahl.

Doch 2015 schickten ihn die Tessiner erneut nach Bern – nach einem intensivierten Wahlkampf. Auch in diesen Sommer-«Ferien» will Cassis seine Wählerinnen und Wähler pflegen. Einige trifft er in Grottos, andere an Konzerten, die er als Musikfan besucht. Der 55-Jährige besitzt auch über 1000 Vinyl-Schallplatten. Seine Gitarre und Trompete benutzt er dagegen kaum noch. Dafür arbeitet der FDP-Fraktionschef und Multiverbandspräsident dann doch zu viel. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.07.2016, 22:46 Uhr

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