Ein Sprachenpass für Ausländer

Ein neues Papier, auf dem festgehalten wird, wie gut Ausländer eine Landessprache beherrschen? Wie das funktioniert – und was es bringen soll.

Fremdsprachige Ausländer sollen künftig eine Deutschprüfung absolvieren. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Fremdsprachige Ausländer sollen künftig eine Deutschprüfung absolvieren. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Patrice Siegrist@pasiegrist

Das neue Dokument kann künftig für viele Ausländer eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielen: der Schweizer Sprachenpass. Er soll ab 2017 festhalten, wie gut fremdsprachige Ausländer in der Schweiz Deutsch, Französisch oder Italienisch sprechen und schreiben. In vielen Fällen – wie etwa bei der Jobsuche – wird er wohl freiwillig sein. Fordern aber Behörden Sprachkenntnisse ein, wie beispielsweise bei der Einbürgerung, werden fremdsprachige Ausländer wohl künftig den Schweizer Sprachenpass benötigen – sofern sie kein anderes, den internationalen Standards entsprechendes Zeugnis vorweisen können.

Laut dem Staatssekretariat für Migration (SEM) ist der Sprachenpass «ein nationales, valides und einfaches Instrument, um die erworbenen Sprachkompetenzen in verschiedenen Lebenssituationen nachweisen zu können». Ob der Sprachenpass tatsächlich obligatorisch wird, ist derzeit noch offen. Nötig wären Gesetzesänderungen auf kantonaler oder nationaler Ebene.

Sprache in Alltagssituationen

Rund zweieinhalb Jahre hat die kürzlich abgeschlossene Pilotphase gedauert. Im Auftrag des SEM hat die Schweizer Stiftung Ecap zusammen mit dem deutschen Sprachtestanbieter Telc und der Volkshochschule Bern mit über 300 Migranten Prototypen für einen nationalen Sprachnachweis entwickelt. Ecap-Geschäftsleiter Guglielmo Bozzolini ist zufrieden mit dem Resultat: Laut ihm können Migranten mit dem neuen Sprachenpass nachvollziehbar dokumentieren, dass sie über die nötigen Sprachkompetenzen verfügen.

Auch das SEM zieht ein positives Fazit. Die Pilotphase, die 740 000 Franken gekostet habe, sei «grundsätzlich erfolgreich» verlaufen, schreibt SEM-Sprecherin Léa Wertheimer: «Wir planen die Umsetzung ab 2017 mit der Geschäftsstelle Fide, die dafür einen Auftrag erhalten wird.» Fide ist ein Ableger des SEM und steht für «Französisch, Italienisch, Deutsch in der Schweiz – lernen, lehren, beurteilen». Fide wird die Sprachtests durchführen und den Sprachenpass herausgeben. Die Prüfung wird aus einem mündlichen und einem schriftlichen Teil bestehen. Der Test werde sich an Alltagssituationen ausrichten, wie beispielsweise Wohnungssuche, Arztbesuch oder Behördenkontakt. Die Sprachkenntnisse der Ausländer werden nach dem internationalen Standard GER (Gemeinsamer Europäischer Referenzrahmen) bewertet. Die Noten sind in sechs Schritte von A1 (Anfänger) bis C2 (annähernd muttersprachliche Kenntnisse) abgestuft. Was heisst das konkret? Die Stiftung Ecap macht ein Beispiel: Wer sich bei einem Vermieter telefonisch über Mietzins und Einzugstermin informieren kann, erreicht das Niveau A2.

Die Einstufung auf dieses Niveau hat schliesslich für die Ausländer konkrete Auswirkungen auf ihre Zukunft in der Schweiz. Insbesondere beim Einbürgerungsprozess. So sieht das neu revidierte Bürgerrechtsgesetz vor, dass Ausländer für eine Einbürgerung mindestens auf dem Niveau B1 sprechen und auf dem Niveau A2 schreiben können. Und auch das revidierte Ausländer- und Integrationsgesetz sah für eine Niederlassungsbewilligung und den Familiennachzug aus Nicht-EU-Staaten Sprachnachweise in einer der Landessprachen vor.

Die Revision geriet nach der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative 2014 aber ins Stocken. Der Nationalrat hat den Gesetzesentwurf, nachdem der Ständerat bereits zugestimmt hatte, an den Bundesrat zurückgeschickt. Dass die Sprachanforderungen zu einem späteren Zeitpunkt wegfallen, ist aber unwahrscheinlich.

Verzögerung von zwei Jahren

Obwohl der Sprachenpass bald Realität wird, ist noch vieles unklar. Wie genau werden die Kurse für den Sprachenpass ablaufen? Wie teuer sind die Kurse, wie teuer die Prüfungen? Können sie unendlich oft wiederholt werden? Wie viele Prüfungsorte in den Kantonen wird es geben, und wieso hat sich der Sprachenpass, der einst für 2015 angekündigt wurde, um zwei Jahre verzögert? SEM-Sprecherin Wertheimer kann diese Fragen derzeit nicht beantworten. Die Ergebnisse müssten zuerst genauer ausgewertet werden. Erst dann werde kommuniziert. Sicher ist nur: Der Sprachenpass kommt.

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