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Ein Land im Griff der Krisen

Im Herbst wird in der Schweiz gewählt – nach vier Jahren im Zeichen der Krise. Wie prägt das Krisengefühl die Stimmbürger? Und wie wirkt es sich auf Politik und Gesellschaft aus?

Es dominiert ein Krisengefühl: Die vergangenen vier Jahre gehören zu den aussergewöhnlichsten der jüngeren Schweizer Geschichte.
Es dominiert ein Krisengefühl: Die vergangenen vier Jahre gehören zu den aussergewöhnlichsten der jüngeren Schweizer Geschichte.
Keystone

Am 23. Oktober werden in der Schweiz National- und Ständerat neu gewählt. Damit endet eine Amtsperiode, die zu den aussergewöhnlichsten der jüngeren Schweizer Geschichte gehört. Es waren vier Jahre unter einem Titel: Krise.

2007 stand die UBS noch auf scheinbar festem Boden. Eine Aktie kostete am Freitag vor den Wahlen 64.75 Franken. Auch das Bankgeheimnis schien stabil. Vor dem Nationalrat legte Bundesrat Hans-Rudolf Merz im Frühjahr 2007 dar, es entspreche «einer bewährten Tradition der schweizerischen Rechtsordnung», dass man nur bei Steuerbetrug, nicht aber bei Hinterziehung Rechtshilfe leiste. Aus demselben Jahr stammt ein bundesrätlicher Grundsatzentscheid zur Energiepolitik. Darin heisst es, neue AKW seien «notwendig». Courant normal auch am Devisenmarkt: Am Wahltag kostete ein Euro 1.67 Franken.

Es folgten: Die Finanzkrise Teil 1, in der Schweiz verkörpert durch den Fall UBS, die Krise rund um das Bankgeheimnis, der Konflikt mit Libyen, die Atomkatastrophe in Japan und schliesslich – wir stehen mittendrin – der Finanzkrise zweiter Teil. Zwischenbilanz: Die UBS-Aktie kostete gestern 11.67 Franken. Das Bankgeheimnis schützt keine Steuerhinterzieher mehr. Der Bundesrat findet neue AKW nicht mehr notwendig. Der Euro kostet noch rund 1.16 Franken.

Die Krise als Kränkung

Das Krisengefühl dominierte die vergangenen vier Jahre. Und dies, obschon real gar keine grossen Verwerfungen zu verzeichnen waren. Die Arbeitslosigkeit blieb stets unter vier Prozent. Trotzdem: Laut Schweizerischer Mediendatenbank erschien seit den letzten Wahlen das Wort «Krise» in über 120'000 Artikeln. In den vier Jahren zuvor, zwischen Oktober 2003 und Oktober 2007, stand es in knapp 45'000 Artikeln.

Es ist davon auszugehen, dass die Krisenstimmung auch in den Köpfen der Schweizer präsent sein wird, wenn sie im Oktober an die Urne gehen. Umso mehr interessiert die Frage: Wie prägt das Krisenempfinden unser Lebensgefühl? Sie geht an Jürg Acklin, Schriftsteller und Psychoanalytiker in Zürich.

Herr Acklin, wie reagiert der Mensch auf Krisengefühle? Wir verhalten uns ähnlich wie Hypochonder. Diese denken, wenn sie eine Sommersprosse entdecken, schon an Hautkrebs. Der Hypochonder hat stets das Gefühl, es sei eine Krise im Sinn einer Katastrophe im Anzug. Er macht sich dann kundig, fühlt sich dabei immer kränker und unsicherer – und kommt schliesslich an den Rand der Panik. Verschärfend kommt hinzu, dass alle, Experten und Halbexperten, durcheinanderreden und einander widersprechen. Mein Grossvater sagte jeweils in solchen Fällen: «Hüst und hott gleichzeitig macht die Pferde scheu.»

Wir sind ein Volk von eingebildeten Kranken? Ja. Ich nehme mich nicht aus. Die Hypochondrie ist auch nicht verwunderlich: Real geht es uns gut, nach wie vor, aber wir wissen nicht genau, warum. Und so, wie ein Reicher mehr Angst vor dem Verarmen hat als ein gewöhnlich Sterblicher, so haben wir in der Schweiz andauernd Angst, der Ballon könnte platzen. Problematisch ist, dass die Verunsicherung reale Folgen hat. Die Gelassenheit geht verloren und mit ihr die Fähigkeit, Kompromisse zu schliessen. Die Superschweizer glauben, der Urknall sei von einer Kuhglocke auf dem Rütli ausgegangen. Die politisch Überkorrekten finden, auch wir Männer sollten ein Kopftuch tragen. Da wird es schwierig.

Mit welchen Folgen? Es schlägt dann die Stunde der Ideologen. Amerikas Tea-Party-Aktivisten machen es vor. Die Fähigkeit zum Kompromiss ist auch deshalb unverzichtbar, weil sie mit einer anderen zentralen Fähigkeit verbunden ist: der Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten. Wenn für mich alle Konservativen reaktionäre, dumme Gestalten sind, nehme ich einen Teil meiner selbst nicht mehr wahr. Denn jeder hat eine konservative Seite. Genau so, wie jeder eine offene, dem Fortschritt zugewandte hat. Solche Widersprüche müssen wir aushalten können – doch das fällt uns immer schwerer.

Die Krise macht uns zu Ideologen? Es ist dasselbe Problem, das den Hypochonder dazu antreibt, andauernd zum Arzt zu rennen: Ihm fehlt das Vertrauen. Wir haben ein Stück weit das Vertrauen verloren. Es fehlt uns das Augenmass. Und ohne Augenmass kann man keine Politik machen und kein zufriedenes Leben führen. Im Grunde geht es bei all dem um die Suche nach dem Sinn des Daseins. Sinn ist ein Mittel, um Komplexität zu verringern. Sehen wir den Sinn nicht mehr, bekommen wir Angst.

Weshalb sehen wir den Sinn nicht? Weil es die grosse, schlüssige Erklärung für die Welt nicht mehr gibt. Das ist zwar kein neues Phänomen, manifestiert sich aber umso stärker, je komplexer die Welt wird. Letztlich ist die Menschheitsgeschichte ja eine Geschichte der Kränkungen. Der Übergang vom ptolemäischen zum heliozentrischen Weltbild war eine Kränkung, weil fortan nicht mehr der Mensch, sondern die Sonne das Zentrum des Universums bildete. Darwin war eine Kränkung, weil er die Vorstellung über unsere Herkunft auf den Kopf stellte. Und Freud, weil er sagte: «Wir sind nicht Herr im eigenen Haus.» Es ist schwierig, einen Sinn zu sehen, wenn uns gesagt wird: Die Triebe steuern das Tun, nicht der Wille tut es.

Das Gefühl von Machtlosigkeit und Fremdbestimmung prägt auch das heutige Krisenempfinden. Es geht im Kern ja ebenfalls um eine Kränkung. In der globalisierten Welt, wo alles immer unübersichtlicher wird, zeigt sich die eigene Machtlosigkeit ganz besonders. Wir müssen lernen, mit Unbestimmtheiten und Unsicherheiten zu leben. Das ist die Kunst.

Die Krise als Fortschritt

Die Krise als Kränkung und wir mittendrin, als verunsicherte, verängstigte, suchende Stimmbürger. Das führt zur zweiten Frage: Was haben Krisengefühle für Auswirkungen auf Politik und Gesellschaft? Sie geht an Thomas Maissen, den Schweizer Historiker mit Lehrstuhl im deutschen Heidelberg.

Herr Maissen, wie wirkten sich in der jüngeren Schweizer Geschichte Krisen aus? Zu einer Krise gehört ja nicht nur, dass politische und wirtschaftliche Umbrüche erfolgen. Es gehört auch dazu, dass sie das Bewusstsein beeinflusst. Krisen führen zur Erkenntnis, dass die herkömmlichen Mittel nicht mehr ausreichen und dass es etwas Neues braucht. Die Krise der 1870er-Jahre führte in der Schweiz zur Ausbildung der Wirtschaftsverbände, die Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre zur Sozialpartnerschaft; die Krise der 1970er-Jahre hatte radikale wirtschaftliche Umstrukturierungen zur Folge, etwa in der Uhrenindustrie.

Die Krise als Chance . . . Das ist nicht gesagt. Zu einer Krise gehört, dass man sich umbesinnen muss, weil die bestehenden Lösungsmodelle nicht mehr funktionieren. Es ist aber offen, ob es danach besser oder schlechter wird. Krisen sind gesellschaftliche Lernprozesse, die schief gehen können – dann führen sie in den 2. Weltkrieg oder in einen nationalen Bürgerkrieg. Es können aber auch Lernvorgänge sein, in denen man gemeinsam zu neuen, erfolgreichen Modellen kommt. Ein Beispiel dafür ist die Swatch.

Je nachdem, ob Pragmatiker oder Ideologen den Ausgang bestimmen? Natürlich stehen Ideologen in Krisenzeiten auf einem guten Nährboden. Wenn man arbeitslos wird, ist das für den Betroffenen so existenziell, dass er offener wird für simple Rezepte. Gleichwohl sollte man sich hüten, Ideologen immer gleich zu stigmatisieren. Damit ein Lernprozess in Gang kommt, braucht es Ideologen wie Pragmatiker. Es braucht die Ideologen, weil sie radikal denken können. Und es braucht die Pragmatiker, weil sie radikale Gedanken pragmatisch umsetzen können und Rücksicht nehmen. Die Pragmatiker allein sind zu wenig kreativ, um mit einer Krise klarkommen zu können. Sie denken viel stärker im Bestehenden als die Ideologen.

Bundesstaatsgründung, Verbandsdemokratie, Sozialpartnerschaft – das sind freilich alles sehr pragmatische Reaktionen auf Krisensituationen. Nicht unbedingt. Hätten in den 1840er-Jahren die Pragmatiker allein das Sagen gehabt, hätte man sich irgendwie auf der Basis des Bundesvertrags von 1815 mit einem Staatenbund arrangiert. Es hätte keine Eskalation gegeben, keinen Sonderbundskrieg – und 1848 keine Bundesstaatsgründung. Vielleicht kann man es so sagen: Eine Krise lässt sich dann erfolgreich bewältigen, wenn die Pragmatiker im richtigen Moment den Ideologen das Heft aus der Hand zu nehmen vermögen. Wenn das Heft aber von Anfang an nur bei den Pragmatikern liegt, kommt man nicht weiter.

Woran denken Sie? Nehmen wir die 1930er-Jahre: Damals lag das Schweizer Krisenmanagement bei der Nationalbank. Auch in Deutschland waren zuerst Pragmatiker am Werk. Die Deflationspolitik hat aber nicht funktioniert. Es brauchte eine neue Politik, eine keynesianische. Es brauchte unkonventionelle, auch unliberale Schritte, es brauchte Staatsinterventionen. US-Präsident Roosevelt unternahm diese Schritte. Um auf die richtigen Ideen zu kommen, musste man wenigstens sozialdemokratisch denken können. Und das konnten jene, die traditionell dachten – also die Pragmatiker in der Schweiz oder in Deutschland – damals nicht.

Welche Schlüsse zieht der Historiker, wenn er die aktuelle Schuldenkrise verfolgt? Im Prinzip gilt auch hier: Jede Krise ist eine Chance und eine Gefahr. Wenn die EU die Krise meistert, führt das zur Intensivierung des Zusammengehörigkeitsgefühls, nicht nur institutionell. Dann hätten die Deutschen die Griechen gerettet – und dies wäre in gewissem Sinne das, was im 19. Jahrhundert auf der Ebene der Nationalstaaten geschehen ist: dass sich die Zürcher mitverantwortlich gefühlt haben für die Tessiner. Das hat zu Transferleistungen geführt und diese haben das nationale Wirgefühl mitbegründet. Am Anfang dieser inner-schweizerischen Transferzahlungen stand im übrigen auch eine Krise: Vielleicht die ersten freundeidgenössischen Überweisungen erfolgten nach dem Bergsturz von Goldau im Jahr 1806. Damals fanden die anderen Kantone, auch die reformierten, es gebe eine moralische Pflicht, den Mitbrüdern zu helfen.

Und wenn es die EU nicht schafft? Wenn die Lösung der Krise zu teuer wird und die innenpolitischen Widerstände zu gross werden, kann ein politisches Projekt wie die EU auseinanderfallen. Ob das ein Fort- oder ein Rückschritt wäre, wüssten wir wohl erst in hundert Jahren. Wenn es die Nationalstaaten allein besser machen und dabei friedlich nebeneinander leben, war es ein Fortschritt. Wenn Europa wieder Kriegsschauplatz wird, wars ein Rückschritt.

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