«Ein höheres Frauenrentenalter ist das kleinere Übel»

Die Bevölkerung würde das Frauenrentenalter erhöhen, zeigt eine gfs-Studie. Politologin Cloé Jans zu den Hintergründen.

Müsste künftig länger arbeiten: Eine BLS-Zugbegleiterin hilft einer älterem Dame.

Müsste künftig länger arbeiten: Eine BLS-Zugbegleiterin hilft einer älterem Dame.

(Bild: Keystone)

Janine Hosp

Bundesrat Alain Berset will die AHV mit einem höheren Frauenrentenalter und einer deutlichen Erhöhung der Mehrwertsteuer sanieren – und wurde dafür von den Parteien heftig kritisiert. Nun machte der «SonntagsBlick» eine Studie von GFS Bern publik, die zeigt: Seine Vorschläge hätten in der Bevölkerung gute Chancen. Hat Sie das überrascht?

Nein. Es ist ja nicht so, dass die Befragten mehr Mehrwertsteuer bezahlen und ein höheres Frauenrentenalter wollen – es sind nur die kleineren Übel für sie. Denn was wären die Alternativen? Rentenalter 67 für alle, tiefere Renten oder eine Schuldenbremse für die AHV; diese dürfte dann nicht mehr Geld ausgeben, als sie einnimmt, und müsste in schlechten Jahren die Renten senken. Aber diese Vorschläge erwiesen sich in der Befragung nicht als mehrheitsfähig.

Im vergangenen Herbst hat die Stimmbevölkerung die Altersvorsorge 2020 abgelehnt, auch weil diese Rentenalter 65 für Frauen vorsah. Offenbar wurde es damals noch nicht als kleineres Übel betrachtet.

Rentenalter 65 für Frauen wurde seither breit diskutiert. Offenbar reifte dabei die Erkenntnis, dass es angesichts des grossen Problemdrucks ein Entgegenkommen der Frauen bedarf. 66 Prozent der Befragten unterstützen diese Massnahme. Damit wird ein höheres Frauenrentenalter gar breiter unterstützt als die Erhöhung der Mehrwertsteuer. Das ist ein wichtiger Indikator dafür, dass ein höheres Frauenrentenalter Realität werden könnte.

Es sind insbesondere die Männer, welche ein höheres Frauenrentenalter unterstützen: 78 Prozent der Männer sind dafür, aber nur 54 Prozent der Frauen.

Frauen sind natürlich direkt betroffen und deshalb wohl weniger einverstanden. Hier dürfte es nun den Männern um Gleichberechtigung gehen. Sie sind wohl der Ansicht, dass auch dasselbe Rentenalter für Mann und Frau dazugehört.

Aber schon Rentenalter 66 für Mann und Frau hat eine deutlich tiefere Zustimmung.

Ja, nur noch 44 Prozent der Befragten können sich das vorstellen. Es gibt Vorbehalte gegenüber einem höheren Rentenalter. In unserer Studie unterstützen 70 Prozent der Befragten die Aussage: «Solange es schwierig ist, zwischen 50 und 60 noch eine Arbeitsstelle zu finden, ist eine Diskussion über die Erhöhung des Rentenalters müssig.» Aber: Die Befragten sind durchaus bereit, über neue Lösungen zu diskutieren wie etwa eine schrittweise Erhöhung des Rentenalters. Soll es aber einmal für Mann und Frau erhöht werden, sind alle Akteure gefordert. Sie müssen aufzeigen, wie ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer über das Alter von 65 Jahren weiterarbeiten können.

Linke Parteien kritisieren die Mehrwertsteuer stets als unsozial. Dennoch ist eine Mehrheit der Befragten bereit, eine um 1,9 Prozentpunkte höhere Mehrwertsteuer zu bezahlen.

Unsere Befragung zeigt, dass die Schweizerinnen und Schweizer lieber mehr bezahlen als länger arbeiten. Und der Wunsch, dies über die Mehrwertsteuer zu tun, ist leicht stärker als über höhere Lohnprozente.

Es scheint, als existiere eine grosse Kluft zwischen der politischen Mehrheit und der Bevölkerung. Weder bei der Höhe der Mehrwertsteuer noch beim Rentenalter besteht ein Konsens.

Das Volk ist in sozialpolitischen Fragen extrem am Status quo orientiert und klar gegen einen Leistungsabbau. Dennoch ist es in dieser Frage stärker konsensorientiert als das Parlament. Die Polarisierung im Parlament wird grösser, und es wird immer schwieriger, einen Konsens zu finden. Daran ist letztlich auch die Altersvorsorge 2020 gescheitert: Die Parteien haben es nicht geschafft, ihre Partikularinteressen zugunsten eines Kompromisses zurückzustellen.

Das wird in den nächsten Monaten nicht einfacher – bereits im Herbst 2019 finden die nächsten eidgenössischen Wahlen statt.

Ja, das dient der Sache nicht. Dabei ist die Sorge in der Bevölkerung um die Altersvorsorge gross. Auf Platz eins des aktuellsten Sorgenbarometers der Credit Suisse stehen die Altersvorsorge und Arbeitslosigkeit. Entsprechend gaben in unserer Befragung 89 Prozent der Männer und Frauen an, dass sie den Reformbedarf bei der AHV als eher dringend bis sehr dringend betrachten.

Wird die Umfrage Bewegung in die Diskussion um die AHV-Reform bringen?
Ja, das glaube ich. Die Ergebnisse der Studie zeigen auf, dass die Bevölkerung bereit ist, über neue Lösungen nachzudenken. Es ist ausserdem eine Aufforderung an die Politik, zusammenzuarbeiten und eine gute Lösung für unsere Altersvorsorge zu finden.

Und wenn nicht, erhalten die Parteien bei den nächsten Wahlen die Quittung dafür?
Dass einzelne Parteien bei den nächsten Wahlen direkt abgestraft werden, glaube ich kaum – das ist bei einem Proporzsystem weniger üblich als bei einem Majorzsystem. Aber die Parteien riskieren, dass sich die Politikverdrossenheit ausbreitet. Im Sinne: Die in Bern bekommen es ohnehin nicht auf die Reihe.
Das Meinungsforschungsinstitut GFS Bern befragte für die Studie 1336 Stimmberechtigte in der Schweiz zwischen dem 25. Mai und dem 11. Juni. Die Studie ist damit repräsentativ. GFS führte sie im Auftrag der Industrie- und Handelskammer Thurgau durch.

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