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Du wirst verbrochen haben

November, es wird wieder früher dunkel, die Gefahr von Einbrüchen steigt. Die Zürcher Stadtpolizei setzt auf einen Algorithmus, der ihr Einbrüche vorhersagen soll. Funktioniert das? In Bern zeigt die Polizei kein Interesse.

«Profi-Einbrecher sagen sich: Das hat gut funktioniert, das ­sollte wieder klappen»: Dominik ­Balogh.
«Profi-Einbrecher sagen sich: Das hat gut funktioniert, das ­sollte wieder klappen»: Dominik ­Balogh.
Dominique Meienberg

Ein erfahrener Taucher weiss, wo die ­Fische sein werden. «Nicht im offenen Meer», sagt Dominik Balogh. «Eher bei Riffen und in Ufernähe.» Die Welt ist voller Muster und wiederkehrender Abläufe, und wer sie erkennt, sieht in die Zukunft. Wie «die Maschine», sagt Balogh. Er meint die Software Precobs.

Balogh sucht keine Fische, sondern Einbrecher: Fensterbohrer, Balkonkletterer, Dietrich-Trickser. 200 000 Stadtzürcher Wohnungen muss er schützen vor ihnen, auch bei ihm selbst ist schon eingebrochen worden. Balogh, das Haar millimeterkurz, der Kopf markant, ist seit 25 Jahren Polizist, früher auf Streife, heute Chef Analyse und Entwicklung der Stadtpolizei Zürich und zuständig für Precobs, den Prognose-Algorithmus.

Im Führungsraum der Hauptwache Urania beamt Balogh Karten an die Wand. Rot gestrichelt: das bekannte Risikogebiet, in dem historisch mehr Einbrüche verübt werden als anderswo. Im darüberliegenden blauen Kreis: das wegen eines aktuellen Einbruchs definierte Alarmgebiet, in dem die Polizei mit Patrouillen Präsenz zeigt, um den Einbrecher zu stellen oder abzuschrecken, sollte er noch einmal auftauchen.

Die Software warnt vor Delikten innerhalb eines Perimeters. Bild: Dominique Meienberg
Die Software warnt vor Delikten innerhalb eines Perimeters. Bild: Dominique Meienberg

Entwickelt wurde Precobs («Pre Crime Observation System») vom Institut für musterbasierte Prognosetechnik im deutschen Oberhausen – die Stadtpolizei Zürich hat es für mehrere 10 000 Franken erworben und seit 2015 in Betrieb. Auch im Aargau und in Baselland wird die Software verwendet, ebenso in Bayern. Solothurn hat Precobs nach einer Prüfung verworfen: zu teuer, zu unklar der Nutzen. Die Software geht von zwei Annahmen aus. Erstens: Jede Stadt hat Risikogebiete – eben Stadtteile und Strassenecken, wo immer wieder eingebrochen wird. Ein guter Quartierpolizist kennt diese Ecken, irgendetwas reizt den ­Einbrecher da – keine Hunde, dunkle Gärten, teure Autos. Man verbessert die ­Beleuchtung, zieht Zäune hoch, aber oft nutzt alles nichts, die Ecke bleibt gefährdet und der Einbrecher ihr treu, ein dämmerungsaktives Beutetier. Wie viele solche Hotspots die Polizei in Zürich identifiziert hat, verrät Balogh nicht, doch Precobs decke die Hälfte des Stadtgebiets ab. Das Programm wird ausschliesslich für Wohnungseinbrüche verwendet.

Der Profi steigt noch mal ein

Die zweite Grundannahme: In Risikogebieten sind immer wieder Serientäter am Werk, Profis. Mit Zufallsgaunern, die angetrunken durch ein Fenster klettern, kann die Maschine nichts anfangen: kein Muster, kein System. Profis aber haben Arbeitstechniken, Vorlieben, und die wiederholen sich. Sie mögen Parterrewohnungen, steigen gern über Mittag ein oder in der Dämmerung. Oft schlagen sie nach kurzer Zeit erneut in der Nachbarschaft zu, die Kriminalistik spricht von «Near Repeat»-Fällen, Folgedelikten. «Profi-Einbrecher sagen sich: Das hat gut funktioniert, das sollte wieder klappen», sagt Dominik Balogh. Wieder Einstieg über den Gartensitzplatz, wieder eine eingedrückte ­Altbautür, wieder den Schmuck mitnehmen.

Kalt rechnender Algorithmus: Precobs warnt vor sogenannten «Near Repeat»-Fällen, bei denen ein erneuter Einbruch wahrscheinlich ist. Bild: Dominique Meienberg
Kalt rechnender Algorithmus: Precobs warnt vor sogenannten «Near Repeat»-Fällen, bei denen ein erneuter Einbruch wahrscheinlich ist. Bild: Dominique Meienberg

Anders als im Science-Fiction-Klassiker «Minority Report» sind es bei Precobs keine hochsensiblen Damen, die in die Zukunft blicken, sondern ein kalt rechnender Algorithmus. Er wird gefüttert mit Daten zum Tatort (Adresse, Objektart, Uhrzeit) und zum Vorgehen der Täter (Werkzeug, Beute) und erstellt dann Prognosekarten, die zeigen, wo in den kommenden Stunden und Tagen weitere Einbrüche zu erwarten sind. Die Kantonspolizei Aargau warnt die ganze Bevölkerung über Facebook und die Kapo-App vor «erhöhtem Einbruchsrisiko» in gewissen Ortsteilen, in Zürich gehen die Karten nur an Polizeibeamte.

Welcher Einbrecher konkret am Werk sein könnte, verrät der Algorithmus nicht. Precobs arbeitet nicht mit Personendaten. Möglich wäre es, was Datenschützer beunruhigt. Die Software würde dann Tätervorschläge machen, von einer Liste bekannter Einbrecher jene auswählen, die zum neuen Fall passen. «Für eine solche Fichierung fehlt bei uns aber die Rechtsgrundlage», sagt Balogh.

Anderswo hat man weniger Hemmungen. Die USA und England setzen so auf «Predictive Policing», dass Privatheitsrechte unter Druck geraten. In England veröffentlichte die Polizei Karten, die fast bis aufs Haus erkennen liessen, wo es zu Delikten mit häuslicher Gewalt kam und wieder kommen könnte. In Los Angeles nutzt die Polizei eine Software der umstrittenen Überwachungsfirma Palantir, die Daten sammelt und mehr oder weniger unbescholtene Personen mit Rating-Werten versieht: Risikobürger. Gar nicht so anders wie das Citizen-Score-Projekt in China. Die Polizei im deutschen Hessen arbeitet seit kurzem auch mit Palantir.

Stadtpolizist Dominik Balogh weiss um diese Entwicklungen, und wenn er TV-Berichte aus den USA sieht, wo Polizisten gar nicht mehr genau wissen, weshalb sie an einer Tür klingeln, gefällt ihm das nicht. «Die Maschine darf nie das Handeln der Polizei vorgeben.» Sie sei nur ein Hilfsmittel, kein Ersatz für den echten Polizisten mit Erfahrung.

Doch Hilfsmittel werden schnell unverzichtbar. Mehrere Schweizer Polizeikorps arbeiten mit Dyrias, einem ­computerbasierten System zur Früherkennung von Gewalttätern – etwa Amokläufern. Löst es Alarm aus, wird es für den Beamten schwierig, der eigenen Erfahrung zu vertrauen. Wer will Verantwortung dafür tragen, eine Warnung ignoriert zu haben? Auch wenn Straftäter aus der Haft entlassen werden sollen, wird oft Software beigezogen – in der Schweiz etwa Fotres, entwickelt vom Psychiater Frank Urbaniok. Fotres wertet Hunderte Daten aus und gibt eine Prognose zu Rückfallrisiko und Gefährlichkeit ab. Besser drinbehalten, wenn die Maschine Stopp sagt? Der Vorteil automatischer Vorhersagen ist die Reduktion von Komplexität. 80 Prozent Risiko? Klare Sache. Doch es bleibe die Frage, ob im Büroalltag «ausreichend Zeit und Kapazität gewahrt» werde, um einen Fall genau anzusehen, sagt die Neuenburger Strafrechtsprofessorin Nadja Capus. Sie wünscht sich mehr Forschung zu den Auswirkungen der Prognose-Instrumente auf die Arbeitsabläufe der Ämter.

Schädel vermessen

Manche Ansätze der Prognostik sind abstrus. Das israelische Start-up Faception vermisst Gesichter und behauptet, potenzielle Terroristen und Pädophile noch vor den Straftaten erkennen zu können, 80 Prozent Treffsicherheit. Das ist eine Rückkehr zu den Schädelvermessungen des 18. Jahrhunderts. Eng stehende Augen? Gefahr! Mit Rechtsstaat und Unschuldsvermutung ist das nicht kompatibel. Vielleicht in China?

Bei der Stadtpolizei Zürich kann nicht viel schiefgehen. Im schlimmsten Fall schickt sie die Patrouille in den falschen Stadtteil. Sie freut sich, dass die Wohnungseinbrüche stark rückläufig sind. 2012 registrierte die Polizei noch 6031 Einbrüche, 2017 nur noch 2670.

Natürlich wirken hier viele Faktoren. Auch in Städten ohne Precobs gingen die Zahlen zurück. «Es gibt keinen Beweis, dass Precobs wirkt – aber auch keinen Beleg, dass es nicht funktioniert», sagt Balogh. Eine Studie des Max-Planck-Instituts für Strafrecht bescheinigte der Software nur eine «moderate Wirkung». Aber immerhin. Bayern hat ein Precobs 2.0. Zürich ist interessiert.

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