Jagd auf die umgebauten Boeings der Diktatoren

Ein Planespotter und ein Journalist arbeiten zusammen – beide interessieren sich für Privatjets.

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Das Flugzeug donnert heran. Gespräche verstummen. Drei Herren springen von ihren Plastikhockern auf. Sekundenlang ist nur das Klicken ihrer Spiegelreflex­kameras und der Radiofunk des Towers zu hören; die Embraer Legacy 450, ein privater Businessjet, setzt auf Schweizer Boden auf. Murmelnd vergleichen die Männer ihre Fotos.

Die sogenannten Planespotter hat es an diesem Sonntag aus allen Ecken Europas an den Genfer Flughafen auf den Aussichtshügel gezogen. Die Ebace-Messe für private Businessflugzeuge steht an. Für Nichtkenner der Schweizer Aviatikszene: der Auto-Salon für die besonders Reichen.

Der 23-jährige Jérémy Denton ist der Kenner schlechthin der Genfer Planespotter-Szene. Dank seinen guten Verbindungen zum Flughafenpersonal erhält er regelmässig eine Liste mit all den geplanten Flugzeuglandungen: wertvolles Gut in der Welt der Flugzeug­bilder­sammler. Er kennt hier alle, grüsst Bekannte und teilt sein Wissen mit den extra angereisten Gästen aus dem Ausland.

Mit seinen Markenhalbschuhen und dem Polohemd mit Stehkragen wirkt er deutlich älter. Denton hat grosse Spotting-Erfahrung: Bereits als Zehnjähriger schleppte ihn sein Vater regelmässig zu den Pisten, um seine Fliegersammlung zu erweitern – damals fotografierte er noch analog und musste ohne Flugtracker geduldig auf Landungen warten.

Jérémy Denton (mitte) ist berühmt in der Genfer Planespotter-Szene. Mit seinen Fotos hilft er, Diktatoren bei ihrer umfangreichen Reiserei zu überführen. (Foto: Sebastien Agnetti)

«Es ist ein magischer Moment, wenn es gelingt, einen seltenen Jet vor dem perfekten Bergpanorama zu erwischen», sagt der Genfer. Manche würden Panini-Bilder oder Briefmarken sammeln, bei ihm seien es halt Fotos von Jets. Seine Sammlung: über 8000 Fotografien von Flugzeugen.

7. Januar 2018, 10:31:32 Uhr, die 9K-GBA (Airbus A340 VIP), ein Flugzeug der Regierung Kuwaits, erreicht Genf.

Jérémy Dentons persönlicher Stolz sind Bilder von Fliegern aus autoritären Regimes; denn diese kämen ihm selten vor die Linse. So aber damals auf einer seiner «Spotting-Reisen» nach Johannesburg: Er fotografierte eine alte russische Iljushin 76. Aber auch in Genf gelang ihm vor zwei Jahren ein «Diktator-Shot» – mit dem Foto eines Fliegers, der von der Präsidentenfamilie aus dem west­afrikanischen Äquatorialguinea benutzt wurde. «Das Businessflugzeug hätte gar nicht erst landen dürfen, da es auf einer europäischen schwarzen Liste steht», sagt Denton. Es war der Moment, als sein Hobby eine politische Bedeutung bekam.

1. Februar 2018, 10:55:08 Uhr, die A6-AUH (Boeing 737), ein Flugzeug der Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate, erreicht Genf.

Wenn der Lausanner Journalist François Pilet (42), T-Shirt und Schnauz, über seine Recherchen in der «arroganten und kriminellen Welt der Diktatoren» spricht, dann kommen seine Worte gewählt und präzise daher. Seit das Bankgeheimnis bröckelt, recherchiert er, um mehr «Transparenz in diese verborgene und diskrete Welt der Mächtigen» zu bringen.

Jérémy Dentons Foto diente ihm 2016 als wichtiger Beleg in seiner Recherche gegen den Präsidenten Äquatorialguineas, Teodoro Obiang und dessen Sohn Teodorin. Seine gesammelten Fluginformationen halfen dann auch den Genfer Behörden, die wegen Geldwäscherei gegen den Präsidentensohn vorgingen. Noch am Flughafen beschlagnahmten sie elf von dessen Luxuskarossen, bevor Obiang diese ausfliegen konnte.

Manchmal bittet Journalist Pilet den Spotter Denton um Hilfe.

Um das Kommen und Gehen der Diktatoren in der Schweiz besser zu verfolgen, konzipierte Pilet zusammen mit seinem Cousin eine Software, die die Flugzeuge autoritärer Regimes am Genfer Flughafen ausfindig macht und bei jeder Landung automatisch eine Meldung mit den entsprechenden Informationen generiert. «Es ist Planespotting für Fortgeschrittene», sagt Pilet lachend. Unterstützt wird der sogenannte Diktatoren-Alarm von einer Antenne. Im Zuhause eines Spotters fängt sie Signale ab, die den Standort und die Kennnummer ­jedes Ankömmlings in Genf-Cointrin erfassen. Eine Art Roboter vergleicht diese Daten stündlich mit einer Liste von 194 Flugzeugen aus 22 autokratischen Ländern und setzt bei Übereinstimmung eine Meldung in den sozialen ­Medien ab.

Um die Liste der Diktatoren-Flugzeuge zu erweitern, ist Pilet auf Spotter wie Denton angewiesen: «Sie sind die Experten, die Flugzeugkäufe der Regimes genaustens verfolgen und melden, wenn ein neues Exemplar aufgenommen werden soll.»

3. März 2018, 17:36:37 Uhr, die VP-CAL (Boeing 777), ein Flugzeug, das von Paul Biya, Präsident Kameruns, genutzt wird, erreicht Genf.

Manchmal bittet Journalist Pilet den Spotter Denton um Zusatzinformationen zu seinen Fotos. Dieser gibt sein Wissen gerne weiter, obwohl er dadurch sich und seinem Hobby auch schadet. Längerfristig würden diese «üblen Leute» wohl aufgrund der Alarme nicht mehr in Genf landen oder der Geheimhaltung wegen mit Mietflugzeugen anreisen, so Dentons Angst. «Wir Planespotter hätten hier in Genf dann weniger seltene Flugzeuge, die man auch nicht ohne weiteres an anderen Flug­häfen finden könnte», sagt er.

In diesen Worten liegt eine leise Kritik an Pilet. Denton versteht nicht, weshalb Länder aus dem Mittleren Osten bei Pilet als Diktatoren gehandelt werden.


Bilder: Diktatoren in Komödien


Während seines zweijährigen Aufenthalts in den Vereinigten Arabischen Emiraten habe er sich selbst ein anderes Bild gemacht. Denton erzählt von diesem Tag, als er sich für 500 Dollar Zugang zum Flughafen in Sharjah ergatterte. Er bekam Essen und Trinken, ein Fahrer fuhr ihn gar zu all seinen Lieblings­motiven: ein Highlight in seiner Spotter-Karriere.

11. April 2018, 18:33:28 Uhr, die VP-BBF (Golfstrom G650), ein Flugzeug der Regierung Aserbeidschans, erreicht Genf.

Was also macht ein Regierungsoberhaupt denn zu einem Diktator? Journalist Pilet weicht dieser Frage aus: «Ich habe die Definition ausgelagert.»

Anstatt selbst Kriterien zu setzten, vertraut er auf eine Liste, die das britischen Magazins «Economist» alle zwei Jahre erstellt. Doch ganz mochte Pilet diese Rangierung dann doch nicht übernehmen: Als der venezolanische Staatspräsident Nicolás Maduro letzten Sommer dem von der Opposition dominierten Parlament sämtliche Kompetenzen entzog, erweiterte Pilet kurzerhand seine Liste um das lateinamerikanische Land. Grund: mangelnde Transparenz der Regierung beim eigenen Volk.

Faszination Flugzeug: Ein Spotter am Flughafen Genf. Foto: Sébastien Agnetti (13Photo)

Eine Schwäche des Diktatoren-Alarms ist, dass man bloss sehen kann, wenn ein Regierungsflugzeug gelandet ist. Welcher Regierungsvertreter aber darin sitzt, muss erst noch recherchiert werden, ebenso dessen Motivation für die Reise. «Der Alarm gibt einzig Hinweise für weitere Recherchen», sagt Journalist Pilet.

Wer diese jedoch verfolgt, kann aufdecken, dass die Diktatoren in Genf wohl mehr als nur diplomatische Beziehungen pflegen.

So konnte beispielsweise wegen des Diktatoren-Alarms Anfang Jahr aufgezeigt werden, dass Kameruns Präsident Paul Biya seit seinem Amtsantritt 1982 rund 200 Millionen Dollar auf seinen privaten Reisen ausgegeben hat – das meiste davon in Genfer 5-Stern-Hotels. Die Bevölkerung Kameruns protestierte daraufhin gegen ihren Präsidenten.

5. Mai 2018, 16:16:07 Uhr, die 5U-GRN (Boeing 737-75U BBJ), ein Flugzeug der Regierung Nigers, erreicht Genf.

Diktatoren mögen es gerne möglichst pompös und einzigartig. Das zeigt sich auch bei ihren Fliegern: «Go big or go home» lautet das Motto. So flögen die wenigsten Staatsoberhäupter mit Jets in Genf ein, sondern präsentieren stattdessen ihre umgebauten Boeings, die im Originalzustand gut 350 Personen transportieren könnten.

Doch weshalb kommen die Diktatoren immer wieder nach Genf und nicht nach Zürich oder Paris? Die hier vertretenen internationalen Organisationen böten den Regimeführern eine gute Entschuldigung, um ihre Reise anzutreten, ist Pilet überzeugt. «Welches Land mit Hungersnot würde seinem Staatsoberhaupt ein Treffen mit Vertretern des UNO-Welternährungsprogramms verwehren?» Auch brauche hier niemand Angst vor zu viel Aufmerksamkeit zu haben: Die Schweizer seien diskret und liessen die Herrscher auch einmal in Ruhe, um ein paar Juwelen für ihre Frauen zu kaufen.

Pilet plant, seine App bald an anderen Flughäfen einzusetzen. Er sammelt Spenden, um sein Alarmnetzwerk von Antennen-Spottern in Zürich über Europa, die USA nach Lateinamerika und den Mittleren Osten zu spannen.

Jérémy Denton hingegen wünscht sich künftig vor allem spektakulärere Bilder und daher einen besseren Zugang zum Flughafen Genf, ja vielleicht gar den baldigen Bau der längst geplanten Besucherterrasse. Denn so unzugänglich und unkooperativ, wie sich der Flughafen Genf derzeit gegenüber Planespottern gibt, gleicht er selbst ein kleines bisschen einem autoritären Regime.

Kurz nachdem Denton dies gesagt hat, fährt hinter dem Zaun die Flug­hafen-Sicherheitspatrouille vor. Die Spotter lassen ihre Kameras sinken. Es wäre nicht das erste Mal, dass man sie fortschickt. Besonders bei Grossanlässen müssen sie regelmässig den Platz räumen, um die Sicherheit der landenden Privatgäste nicht zu tangieren.

Heute aber dürfen sie bleiben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.05.2018, 21:50 Uhr

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