Schweizer Senioren wollen ihren Tod selber bestimmen

Die Zahl der begleiteten Suizide steigt stetig an: Zahlen zur Sterbehilfe in der Schweiz.

Ältere Menschen wollen zunehmend selber entscheiden, wann sie aus dem Leben gehen: Sterbebegleitung in Zürich. Foto: TA

Ältere Menschen wollen zunehmend selber entscheiden, wann sie aus dem Leben gehen: Sterbebegleitung in Zürich. Foto: TA

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965 kranke Frauen und Männer nahmen im Jahr 2015 das tödliche Medikament Natrium-Pentobarbital ein und schritten damit freiwillig aus dem Leben. Das sind deutlich mehr als im Vorjahr (742 Personen). Im Jahr 2000 waren es noch 86. Seit Jahren greifen jedoch stets mehr Frauen als Männer auf die Hilfe einer Sterbehilfeorganisation zurück; wie sich auch 2015 zeigte, ist dafür die Zahl der unbegleiteten Suizide bei den Männern (793) immer deutlich höher als bei den Frauen (280). Dies geht aus der neusten Erhebung des Bundesamts für Statistik hervor. Erfasst wurden nur Personen, die in der Schweiz wohnen, oder Schweizerinnen und Schweizer, die sich im Ausland niedergelassen haben. Der Sterbetourismus spielt damit nicht in die Statistik hinein.

«Es sind die Alterssuizide, welche diese Zahl der begleiteten Suizide in die Höhe treiben», sagt Felix Gutzwiller, emeritierter Professor für Präventivmedizin. Wie Exit-Geschäftsführer Bernhard Sutter sagt, ist es die absolute Ausnahme, wenn eine Person unter 35 Jahren an seine Organisation gelangt; das durchschnittliche Sterbealter liegt bei Exit bei 77,5 Jahren. Die Statistik unterscheidet bei den begleiteten Suiziden nur zwischen unter und über 65-Jährigen: Danach waren von den 965 Personen 822 über 65 Jahre alt.

Für Felix Gutzwiller liegt der Grund für den Anstieg auf der Hand: die alternde Bevölkerung. Es leben mehr ältere Menschen in der Schweiz, und diese wollen vermehrt selber bestimmen, wann sie aus dem Leben scheiden. ­Gutzwiller stellt auch fest, dass Sterbehilfeorganisationen bei der Ärzteschaft heute besser akzeptiert sind; früher traute sie ihnen weniger. Der Glaube hingegen spielt in den säkularisierten Ländern nach Einschätzung Gutzwillers nicht mehr dieselbe Rolle wie früher: In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sei noch ein Unterschied zwischen katholischen und protestantischen Ländern zu erkennen gewesen. «Aber dieser ebnet sich zunehmend ein.»

Künftig werden aber noch mehr Personen als heute mithilfe einer Sterbehilfeorganisation ihr Leben beenden: Die Zahl der Betagten und insbesondere der Hochbetagten wird weiter steigen und damit auch die Zahl jener, die an einer schweren Krankheit leiden. Zudem ist die heutige ältere Generation sozusagen mit Exit alt geworden und damit auch mit dem Gedanken, dass es einen selbstbestimmten Ausstieg aus dem Leben gibt: Die Organisation ist 1982 gegründet worden. So hat sich die Zahl der Mitglieder von Exit in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt und belief sich Ende 2016 auf 105 000 Personen. Das Schweizerische Gesundheitsobservatorium ging 2014 nach einer Befragung davon aus, dass sich diese Zahl mittelfristig nochmals verdoppelt.

Belastende Untersuchungen

Allerdings: Die Zahl der Suizide ist 2016 von 782 auf 720 gesunken. Nach Einschätzung Sutters geben diese Zahlen aber keinen Trend wieder, sondern liegen im Schwankungsbereich. Deutlich weniger Leute begleiten die übrigen Schweizer Sterbehilfeorganisationen in den Tod: Bei Dignitas sind es seit 2012 konstant rund 200, bei den übrigen deutlich weniger. Das sind etwa Life Circle in Basel, Ex International in Bern und Liberty Life im Tessin. Anders als Exit begleitet Dignitas auch Personen aus dem Ausland, die keinen Schweizer Pass besitzen.

Exit unterstützt nur Personen, die ein nachgewiesenes medizinisches Leiden haben – wie stark das Leiden ist, spielt keine Rolle. Die Organisation arbeitet aber darauf hin, dass insbesondere Ältere nicht mehr dieselben belastenden und schmerzhaften Untersuchungen über sich ergehen lassen müssen. Selbst Todkranke müssen diese nochmals durchlaufen, wenn sie das tödliche Medikament wollen. Sutter erwähnt das Beispiel eines Romands, der an Krebs im Bauchraum litt und nochmals eine Darmspiegelung machen sollte. Ein Arzt stellte ihm schliesslich ohne diese Untersuchung das Rezept aus – und wurde vom Gericht freigesprochen. Es gehe aber nicht darum, dass gesunde Alte einfacher an das Medikament kommen, sagt Sutter.

So hat der Verein Exit an seiner letzten Generalversammlung im Juni 2017 eine Arbeitskommission eingesetzt; diese soll prüfen lassen, ob für eine solche Praxisänderung auch das Gesetz angepasst werden müsste. Möglicherweise, so sagt Sutter mit Blick auf den Fall des Romands, biete das heutige Gesetz schon genug Spielraum. Er stellt aber fest, dass das Verständnis für die Sterbehilfe grundsätzlich gestiegen ist; vor 20 Jahren sei es deutlich schwieriger als heute gewesen, einen Arzt zu finden, der ein Rezept für das tödliche Medikament ausstellt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.11.2017, 23:20 Uhr

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