Die Welt, endlich erklärt – mit Fussball

Es ist kaum auszuhalten, was während einer Fussball-WM alles so gesagt, geschrieben und offenbar auch gedacht wird.

Als noch alles in Ordnung war – sportlich wie politisch: Die deutschen Weltmeister von 2014 mit Angela Merkel. Foto: Guido Bergmann (Getty Images)

Als noch alles in Ordnung war – sportlich wie politisch: Die deutschen Weltmeister von 2014 mit Angela Merkel. Foto: Guido Bergmann (Getty Images)

Philipp Loser@philipploser

Haben wir es nicht alle gewusst? War es nicht völlig klar? Zwangsläufig fast? Der deutsche Goalie Manuel Neuer war noch nicht zurück von seinem Ausflug in den Strafraum der Südkoreaner, der Ball lag nach dem entscheidenden, dem unwiderruflichen, dem fatalen 0:2 einsam im Tor, als das Internet, treuer Freund in schweren Zeiten, einmal tief Luft holte, um danach so zu eskalieren, wie das sonst nur Lothar Matthäus (immer) oder Diego Maradona (nach der dritten Linie) können.

Merkel ist schuld! Natürlich ist Merkel schuld! Nein, Seehofer ist schuld! Der Bayer ist schliesslich nicht nur Spalter der Republik, sondern auch Sportminister, nicht? Oder war es doch Hitler? Der hatte auch schon Mühe in Russland, und dass heute, im Jahr 2018, die «deutschen Fussballpanzer vor Moskau liegen bleiben» (so titelte die «Welt») sei nichts anderes als eine glasklare historische Kontinuität. Und wenn nicht Hitler, dann zumindest Erdogan. Die Flüchtlingskrise. Oder Mesut Özil.

Als sich die Schnappatmung im Internet wieder etwas gelegt hatte, zwischenzeitlich, da legten die seriösen Medien nach und zeigten den grossen Bogen. Haben wir es nicht alle gewusst? War es nicht völlig klar? Zwangsläufig fast? Deutschland erlebt das Ende einer Ära: Bundeskanzlerin Angela Merkel unter Druck von der CSU, Bundestrainer Jogi Löw unter Druck der Nation. Kann Merkel nach diesem blamablen Aus noch weiterregieren? Wohl kaum! Im Gleichschritt haben Merkel und Löw die Bundesrepublik in den vergangenen zehn Jahren wieder gross gemacht. Nun naht das Ende.

«Fussball: politisch aufgeladen, politisch missbraucht.»

Und so, wie die Flüchtlingspolitik von Merkel das Potenzial hat, die ewige Kanzlerin zu Fall zu bringen, so ist die verfehlte Integrationspolitik in der deutschen Nationalmannschaft (Oh Özil) schuld daran, dass zum ersten Mal in der Geschichte der Welt eine deutschen Nationalmannschaft die Vorrunde einer WM nicht übersteht. Die alten Rezepte taugen nichts mehr, Flüchtlingskrise und unmotiviertes Verschieben in der Viererkette: alles gleich.

Die Analysen in den Zeitungen waren sehr ernsthaft. Und es hört ja auch nicht mit den Deutschen auf. Fussball-Weltmeisterschaft: Das ist nicht nur die Zeit, in der es sozial akzeptabel ist, die erste Büchse Anker-Bier schon kurz nach Mittag zu knacken: Die Fussball-WM erfüllt – wie sonst kaum ein Ereignis – das unstillbare Bedürfnis des Menschen nach Komplexitäts­reduktion. Endlich ist alles ganz einfach.

«Mal ganz offen gefragt: An was liegts?», fragte dieser Tage ein Schweizer Journalist und Medienkritiker auf Twitter zu seiner Erkenntnis, dass in der Vorrunde sämtliche Teams aus muslimischen Ländern ausgeschieden sind. Vielleicht haben sie zu wenig gebetet. Oder vielleicht ist diese WM einfach auch ein weiteres Indiz dafür, dass die Christenheit im Kulturkampf zwischen West und Ost halt doch überlegen ist. Wer weiss? Fragen ist ja erlaubt.


Frauen und Männer gemeinsam am Public-Viewing in Teheran. (Video: Tamedia)


Es geht mal so und mal so. Wenn England am Dienstag seinen Achtelfinal gegen Kolumbien gewinnt (was, erstaunlicherweise, tatsächlich eine Möglichkeit ist), darf man getrost auf all die Wortmeldungen hiesiger Brexit-Apologeten wetten, dass der Entscheid der Briten, aus der EU auszutreten, nun endlich seine wahre Kraft zeige. Das alte Europa (Merkel, Jogi) liegt in Trümmern, die wahre Kraft ruht in der Selbstbestimmung. Fragen Sie Harry Kane! Dass vor zwei Jahren die Gegenseite genau in die andere Richtung argumentierte, als die Engländer drei Tage nach dem Brexit-Entscheid an der EM kläglich gegen die Isländer ausschieden: geschenkt.

O Gott. Es ist kaum auszuhalten, was während einer Fussball-WM alles so gesagt, geschrieben und offenbar auch gedacht wird. Der Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität: Selten lässt er sich besser erklären. Denn wenn das alles tatsächlich kausal wäre – der Brexit und die Engländer, Merkel und die «Mannschaft», Mohammed und die ausgeschiedenen muslimischen Teams –, müsste es dann nicht noch ganz andere Verbindungen geben? Wo bleibt die Regierungskrise im rechtsgerichteten Polen nach dem kläglichen Ausscheiden der eigenen Mannschaft? Was heisst es für den Zustand des Katholizismus, wenn Italien nicht bei einer WM dabei ist? Nach der brillanten Vorrunde der Russen: Ist Putin vielleicht gar nicht so schlimm? Bricht die Wirtschaft Brasiliens nach jeder Schwalbe von Neymar ein bisschen mehr zusammen? Und werden jetzt alle Schweizer Kinder muslimisch, weil sie ihre Tore auf dem Pausenplatz mit dem Doppeladler bejubeln?

Im Delirium

Es ist so verwirrend, und es ist so einfach. Denn am Schluss geht es nur darum: eigene politische Ideen und Ansichten auf der Plattform Fussball zu transportieren. Wie das exemplarisch funktioniert, zeigt SVP-Nationalrat Roger Köppel mit seiner «Weltwoche». In der aktuellen Ausgabe befassen sich elf (ja, elf) Texte mit dem Doppeladler von Granit Xhaka, Xherdan Shaqiri und Stephan Lichtsteiner. Der Doppeladler erklärt alles. Unseren Waschlappen-Bundesrat, der nicht weiss, wie man «Neutralität» buchstabiert. Unsere Probleme an Schweizer Grundschulen. Unser verkrampftes Verhältnis zum Patriotismus. «Unbequeme Fragen um Migration, Integration und Loyalität drängen auf die rasengrüne Agenda», heisst es im Editorial. Oder um es mit Roger Köppel zu sagen: «Auch die Politik taumelt mit im Doppeladler-Delirium.»

Delirium trifft es nicht schlecht. Oder eigentlich richtig gut. Fussball ist politisch, war er immer schon. Fussball ist eine Projektionsfläche, Fussball wird politisch aufgeladen und politisch missbraucht. Dass die WM in Russland stattfindet: politisch. Dass der tschetschenische Diktator Ramsan Kadyrow den ägyptischen Stürmer Mohamed Salah zum Ehrenbürger macht: verdammt politisch. Doch umgekehrt funktioniert das eben nicht. Wer versucht, mit Fussball die Welt und ihre Politik zu erklären und alles in ein grosses Ganzes, eine Ideologie, zu pressen, der zeigt zwei Dinge: dass er von Politik wenig Ahnung hat. Und von Fussball gar keine.


Bilder: Die Eröffnungsfeier der Fussball-WM 2018

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