Die Wahrheit liegt auf dem Grill

Sich über den Pferdefleisch-Skandal zu empören tut gut, hilft aber wenig.

Pferde leben auf den Schlachthöfen unter schrecklichen Bedingungen. Video: Lea Koch
Christoph Aebischer@cab1ane

Neue Bilder leidender Pferde aus Schlachthöfen in Südamerika sorgen für Empörung. Schon wieder. Bereits 2013 zirkulierten sie, diesen Februar dann wieder und nun solche von Mitte April: Mit Videoaufnahmen belegen Schweizer Tierschützer, wie Tiere dahinvegetieren, bevor sie auf der Schlachtbank landen. Die Betreiber der Schlachthäuser reagieren dumm. So dumm, dass es zynisch anmutet. Ein lahmendes Pferd mit alten Wunden leide nicht unbedingt «extrem stark». Ihnen entgeht schlicht, was diese Bilder in der Schweiz auslösen, dem Land mit den schärfsten Tierhaltungsvorschriften der Welt.

Und die gut dokumentierten Missstände gehen uns etwas an. Denn Fleisch dieser Pferde gelangt auch in Schweizer Verkaufsregale – geschätzt werden pro Jahr 18'000 südamerikanische Pferde für den Schweizer Markt geschlachtet. Die Frage ist nun, ob Länder, in denen das Tierwohl so wenig zählt, künftig sogar zu Sonderkonditionen Fleisch in die Schweiz liefern dürfen. Darum dreht sich der Skandal im Kern: um das geplante Freihandelsabkommen mit der Zollunion Mercosur, zu der Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay gehören.

Ein Viertel ist importiert

Die spontane Antwort darauf fällt leicht: natürlich nein. Nur ist damit das Problem nicht aus der Welt geschafft. Fakt ist: Die Schweiz importiert Jahr für Jahr etwa ein Viertel des konsumierten Fleisches, das sind rund 92'000 Tonnen. Darunter wird sich so manches Filet eines gequälten Tieres befinden. Das Fleisch wird dennoch gekauft. Denn die Wirkung von Skandalen verpufft schnell.

Dies mögen folgende Tatsachen illustrieren. Bereits in unseren Nachbarländern aus der Europäischen Union gelten largere Bestimmungen, etwa bei Tiertransporten. Gemäss Angaben aus Tierschutzkreisen sterben bei Transporten, die auch einmal mehrere Tage dauern können, jährlich gegen zwei Millionen Schweine oder bis zehn Millionen Hühner. Das entspricht fast der gesamten Anzahl Schweine, die in der Schweiz pro Jahr regulär geschlachtet werden, und bei den Hühnern fast dem gesamten Hühnerbestand im Land. Das Leiden in den Tiertransportern dürfte jenem auf den südamerikanischen Schlachthöfen in wenig nachstehen. Dennoch stammen rund 70 Prozent des importierten Fleisches aus der EU. Aus einem Wirtschaftsraum also, mit dem die Schweiz unter Freihandelskonditionen Waren austauscht.

Die Schweiz importiert Jahr für Jahr etwa ein Viertel des konsumierten Fleisches, das sind rund 92'000 Tonnen. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

Und sogar unsere strengen Tierschutznormen bewahren Tiere nicht immer vor dem Leiden, wie der letztjährige Skandal um den Pferdezüchter im thurgauischen Hefenhofen aufzeigte. Das heisst nun nicht, dass alle Aufregung umsonst ist. Weil Freihandel immer auch knallharte Interessenpolitik bedeutet, können negative Schlagzeilen etwas bewirken. Darauf hoffen zum Beispiel südamerikanische Umweltverbände.

Für Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay ist es verlockend, statt billig nach China zu relativ hohen Preisen in die Schweiz zu exportieren. Nur müssen sie sich dann auch mit deren anspruchsvollen Konsumenten befassen.

Das Gigot vom Unschuldslamm

Vor zu hohen Erwartungen sei dennoch gewarnt. Denn die Welthandelsorganisation verbietet es, Produkte nur nach «weichen» Kriterien zu begünstigen. Hart gesagt: Fleisch eines gequälten Tiers lässt sich kaum von jenem eines gut gehaltenen Tiers unterscheiden. Es darf deshalb am Zoll nicht bevorzugt behandelt werden. Druck ausüben muss daher die Öffentlichkeit – und vor allem die Konsumentinnen und Konsumenten.

Und spätestens jetzt bekommt die Empörung etwas Scheinheiliges. Auf dem Grill brutzelt dieser Tage längst nicht nur das Gigot vom Unschuldslamm. Am meisten geholfen ist den Nutztieren, wenn das Fleisch auf unseren Tellern von solchen aus kontrollierter Haltung kommt. In der Schweiz garantieren sowohl der Staat wie zahlreiche Labelorganisationen dafür. Hier lassen sich unsere Vorstellungen von gut gehaltenden Tieren am besten durchsetzen. Doch das muss man sich leisten können und leisten wollen.

Den höheren Preis rechtfertigen stossende Bilder wie jene aus Südamerika allemal. Als Argument gegen ein Freihandelsabkommen taugt der aktuelle Skandal dagegen nicht.

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