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Die wahren Gründe für Toni Brunners Rücktritt

Mit dem Nationalrat verabschiedet sich ein Politiker, der die SVP jahrelang mitprägte. Worauf der 44-jährige Toggenburger künftig Wert legt.

Hemdsärmelig, schlagfertig und gut für einen Lacher: Toni Brunner hat nicht nur die SVP mitgeprägt, er ist auch einer der beliebtesten Schweizer Politiker. Video: Tamedia

Der Zeitpunkt der Rücktrittsbekanntgabe per Ende Jahr überraschte Freunde und politische Gegner gleichermassen. Nationalrat Toni Brunner (SG) will nach 23 Jahren im Nationalrat nicht mehr. Die Gründe, weshalb der Toggenburger mit 44 Jahren im Dezember 2019, nach den nächsten eidgenössischen Wahlen, nicht jüngster Alterspräsident werden will, sie sind im soeben erschienen Buch «Toni Brunner» nachzulesen – autorisiert durch Brunner.

Diese Gründe sind eng verknüpft mit Brunners Drang nach einem möglichst grossen Mass an persönlicher Freiheit – ein Charakterzug, der in der Schweiz, speziell aber auch im Toggenburg, nicht selten ist.

Politisiert durch den EWR-Kampf war Toni Brunner Gründungsmitglied der St. Galler SVP. Ab 17 Jahren stürzte er sich in einem Ausmass in die Arbeit, das bei den Eltern für Stirnrunzeln und bei den politisch Etablierten im Kanton für mitleidiges Lächeln sorgte.

Auf die damals eher als rumpelig-polterig empfundene Klamaukpartei SVP und damit auf einen Störfaktor im Streichkonzert angestammter Politik, warteten die arrivierten Parteien FDP (Protestanten), CVP (Katholiken) und SP ebenso wenig, wie auf die Ansiedlung einer Lach- und Schiessgesellschaft von der anderen Seite der Landesgrenze. Das war 1993, 1994.

Toni Brunner kehrt der Politik überraschend den Rücken.
Toni Brunner kehrt der Politik überraschend den Rücken.
Anthony Anex, Keystone
Er möchte sich wieder auf seine Familie, seinen Gast- und Bauernhof konzentrieren.
Er möchte sich wieder auf seine Familie, seinen Gast- und Bauernhof konzentrieren.
Gaetan Bally, Keystone
Brunner galt der als politischer Ziehsohn des SVP-Chefstrategen Christoph Blocher: Brunner und Bundesrat Blocher im Juni 2007 an der SVP-Delegiertenversammlung in Liestal.
Brunner galt der als politischer Ziehsohn des SVP-Chefstrategen Christoph Blocher: Brunner und Bundesrat Blocher im Juni 2007 an der SVP-Delegiertenversammlung in Liestal.
Martin Rütschi, Keystone
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Ziehvater Uhlmann

Der «Schuldige» an Brunners Politkarriere und Ziehvater, wenn man so will, war der damalige Parteipräsident und Ständerat Hans Uhlmann, ein geerdeter Thurgauer Bauer. Dieser sagte 1993 auf die Frage eines Ostschweizer Radiojournalisten, ob er, Uhlmann, sich bewusst sei, dass es im Kanton St. Gallen keinen Platz gebe für eine SVP Folgendes: «Ich habe der Kantonalpartei vorgegeben, sie müsse zehn Prozent Wähleranteil innert zehn Jahren erreichen.» Es wurden dann mehr als doppelt so viel in der präsidial vorgegebenen Frist. Entscheidend mitverantwortlich dafür war Brunner.

Uhlmann war es denn auch, der an einem Sonntagmorgen Rekrut Brunner, der gerade auf Heimaturlaub war, dazu überredete, einen Platz auf der Zwölferliste der SVP-Nationalratskandidaten zu besetzen. Dieser willigte nach anfänglichen Einwänden wegen dessen Alter erst ein, als ihm Uhlmann versicherte, er laufe keinerlei Gefahr, gewählt zu werden.

Eine Kandidatur sei «aus strategischen Gründen» aber nötig, da ein Bauer noch fehle auf der Liste und ein Toggenburger auch. Ab der «Sensationswahl» von 1995, wie es in Radio, Fernsehen und vielen Zeitungen dann hiess, war Brunner per Wählerauftrag in der persönlichen Freiheit massiv eingeschränkt. Wer ein möglichst hohes Mass an Lebensqualität sucht, wird weder Berufspolitiker noch Parteipräsident. Das gilt für alle Parteien. Zu häufig sind die alltäglichen und fast allabendlichen Verpflichtungen.

Voller Terminkalender

Brunner selbst sagt heute dazu: «Ich hab es genossen, ich habe mich in der jeweiligen Aufgabe gesuhlt, ich machte es wirklich gern.» Mit «es» meint Brunner, die geleisteten Aufgaben als Nationalrat, als Sektionspräsident, später als Kantonalpräsident und dann während acht Jahren als Präsident der SVP Schweiz.

«Meine damalige Sekretärin, Marcia Cerantola,» (deren Engagement die Hauptbedingung Brunners war, dass er das Präsidium übernehmen würde,) «hat alles, was irgendwie möglich war, mit Terminen zugepflastert.» Dafür sei niemand anderes verantwortlich, als er selber, sagt Brunner.

Allein schon Krawatte tragen, vor allem aber das Fremdbestimmt sein, beides ist ihm ein Gräuel. Deshalb sagte er auch Nein, als ihn Parteigetreue zur Regierungsratskandidatur und zuletzt zu einer Bundesratskandidatur überreden wollten. «Morgens vom Weibel geweckt und irgendwann in der Nacht von ihm ins Bett gebracht zu werden, das kommt nicht infrage für mich.» Diese Haltung entspricht im Bundeshaus einer klaren Minderheitsposition.

Sich als Berufspolitiker von Sachzwängen und Pflichtterminen bestimmen lassen und damit auch auf kleine, unspektakuläre Dinge verzichten, die Freiheit eben ausmachen, das wollte Brunner nie. Dessen zwei Monate alte Aussage, «ich kann mir ein Leben ohne Politik ganz gut vorstellen,» entspricht aus heutiger Sicht einer verklausulierten Rücktrittsankündigung.

Der Drang, künftig ein möglichst normales Leben als Bauer und Wirt zu führen, nach 23 Jahren Politik, ist gleichzusetzen mit Brunners Drang nach Freiheit und dem Führen eines selbstbestimmten Lebens auf dem Hof und im eigenen Wirtshaus.

Beni Gafner ist Autor des soeben im Werdverlag erschienen Buches «Toni Brunner» und Bundeshausredaktor bei Tamedia.

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