Die Angst vor brasilianischen Rindern

Schweizer Bauern befürchten einen Preiszerfall wegen eines Freihandelsdeals mit Südamerika. Ohne Grund, sagt eine Studie.

Diese Tiere sehen eigentlich freundlich aus: Brasilianische Rinderfarm.

Diese Tiere sehen eigentlich freundlich aus: Brasilianische Rinderfarm. Bild: Bloomberg

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«7000 Rinder – Kinder, Kinder, Kinder!» Der Schlager von Peter Hinnen bringt ziemlich präzis zum Ausdruck, wovor sich die hiesigen Bauern beim Stichwort Mercosur fürchten: Eine Marktöffnung für Rindfleisch aus dem südamerikanischen Wirtschaftsraum (Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay) könnte ein massives Ungleichgewicht schaffen. Dort die riesigen Weidefarmen mit ihren günstigen Produktionsbedingungen, hier die eher kleinen Betriebe mit ihren kostenintensiven Strukturen. Unter anderem wegen des Widerstands aus der Landwirtschaft stocken die Verhandlungen der Efta, der auch die Schweiz angehört, mit dem Mercosur.

Jetzt zeigt eine neue Studie, dass die oben beschriebenen Ängste übertrieben sind. Ein Preiszerfall ist nicht zu befürchten, auch wenn der Schweizer Markt für die Einfuhr von Rindfleisch im Rahmen eines Mercosur-Abkommens gezielt geöffnet wird.

«Es gibt Spielraum, um Konzessionen ohne signifikante Einbussen für die Inlandproduktion zu gestalten», heisst es in der heute veröffentlichten Studie, die auf den besonders sensiblen Fleischsektor fokussiert. Verfasst wurde sie von Jacques Chavaz, dem Präsidenten der öffnungsfreundlichen Interessengemeinschaft Agrarstandort Schweiz (Igas) und früheren stellvertretenden Direktor des Bundesamtes für Landwirtschaft. Auftraggeber der Untersuchung ist der Migros-Genossenschafts-Bund.

Südamerikanisches Rindfleisch nicht günstiger

Basierend auf den parallel laufenden Verhandlungen zwischen der EU und dem Mercosur, geht die Studie davon aus, dass die Schweiz den südamerikanischen Staaten Zollreduktionen auf 2000 bis 3000 Tonnen Rindfleisch pro Jahr gewähren muss, um einen Freihandelsdeal zu erhalten. Ein Nullzoll-Kontingent in dieser Grössenordnung sei für die Schweizer Fleischproduktion «problemlos» verkraftbar, heisst es in der Studie.

Auch Umwelt- und Tierschützer sehen das Freihandelsabkommen kritisch.

Aus mehreren Gründen: Erstens ist die in die Schweiz importierte Menge Rindfleisch bereits heute deutlich höher als das erwartete Kontingent für den Mercosur-Raum. Zweitens ist Rindfleisch aus Südamerika, das hiesigen Qualitätsansprüchen genügt, entgegen der landläufigen Meinung auf dem Weltmarkt gar nicht substanziell günstiger als vergleichbare europäische Ware. Drittens könnte ein Mercosur-Abkommen auch zu Preissenkungen bei den Futtermitteln beitragen. Damit würde die Fleischproduktion im Inland günstiger.

Abschluss soll noch dieses Jahr kommen

Vorbehalte gegen zusätzliche Fleischimporte aus dem Mercosur gibt es aber nicht nur vonseiten der Bauern. Auch Umwelt- und Tierschützer stehen einem Freihandelsabkommen kritisch gegenüber. Hier räumt die Studie ein, dass namentlich beim Tierwohl ein Gefälle bestehe. Die laufenden Verhandlungen zwischen der EU und dem Mercosur dürften aber bei der Nachhaltigkeit Fortschritte bringen. Die Studie empfiehlt daher, den Abschluss der Verhandlungen zwischen der EU und dem Mercosur abzuwarten und dann dieselben Nachhaltigkeitsverpflichtungen für den Efta-Mercosur-Deal zu übernehmen.

Insbesondere die Schweizer Industrie drängt seit längerem auf den Abschluss eines Freihandelsabkommens mit dem Mercosur-Raum, der fünftgrössten Volkswirtschaft der Welt. Obwohl über die Verhandlungen kaum Informationen nach aussen dringen, ist klar, dass es keinen Deal gibt, wenn die Efta-Staaten ihre Agrarmärkte nicht für spezifische Produkte aus dem Mercosur öffnen.

Auch die Europäische Union verhandelt mit dem Mercosur über ein Freihandelsabkommen. Ursprünglich sollte der Deal Anfang 2018 besiegelt werden. Äusserungen von hochrangigen Beamten deuten nun darauf hin, dass ein Abschluss wenigstens noch in diesem Jahr angestrebt wird. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.09.2018, 18:54 Uhr

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