«Die Schweiz wird ein Schwarzmarktparadies»

Erstmals spricht mit Interwetten-Chef Werner Becher ein ausländischer Onlineanbieter zum Geldspielgesetz.

«Die Schweiz hat es bisher schlicht versäumt, Geldspiele im Internet zu regulieren»: Werner Becher, Chef von Interwetten. Foto: Urs Jaudas

«Die Schweiz hat es bisher schlicht versäumt, Geldspiele im Internet zu regulieren»: Werner Becher, Chef von Interwetten. Foto: Urs Jaudas

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Ihr Unternehmen Interwetten bietet in der Schweiz Onlinegeldspiele an, obwohl das verboten ist. Wie können Sie das rechtfertigen?
Das stimmt nicht. Wir sind vollständig konform mit den Schweizer Gesetzen. Dass die Befürworter des neuen Geldspielgesetzes das Gegenteil behaupten und uns als illegale Unternehmen darstellen, zeigt nur, dass sie keine guten Argumente haben.

Pardon: Sie haben keine Schweizer Bewilligung und bieten Onlinespiele an, was das Gesetz klar untersagt.
Trotzdem sind unsere Angebote legal. Das tönt absurd, aber es ist wahr. Die Schweiz hat es bisher schlicht versäumt, Geldspiele im Internet zu regulieren. Es gibt hier eine Gesetzeslücke. Das Gesetz verbietet es Unternehmen mit Sitz in der Schweiz, Onlinespiele anzubieten. Aber es sagt nichts über Anbieter im Ausland. Das ist nicht unsere Schuld. Wenn unser Angebot illegal wäre, hätten wir schon lange Ärger mit der Schweizer Justiz.

Das Bundesamt für Justiz erklärte kürzlich, Unternehmen wie das Ihre nützten die Tatsache aus, dass der Arm der Behörden nicht über die Schweiz hinausreiche.
Warum haben dann die Schweizer Behörden noch nie bei uns interveniert, obwohl wir seit 27 Jahren in der Schweiz aktiv sind? Wir haben nie auch nur den kleinsten Brief erhalten, in dem wir zum Rückzug aufgefordert wurden. Und warum dürfen wir mit dem Töfffahrer Tom Lüthi im Schweizer Fernsehen ganz offiziell – mit Erlaubnis der Schweizer Aufsichts­behörde – Werbung machen? Solange die Schweiz diesen Bereich nicht gesetzlich reguliert, ist unser Angebot legal.

Nimmt die Schweizer Bevölkerung am 10. Juni das neue Geldspielgesetz an, sind Sie aus dem Spiel: Nur die einheimischen Casinos sollen Onlinekonzessionen erhalten.
Das ist es, was wir nicht verstehen. Warum schliesst man alle erfahrenen Anbieter aus, auch wenn sich diese verpflichten würden, alle Regeln zu befolgen, alle Informationen zu liefern und alle Abgaben zu bezahlen? Damit wären auch die Einnahmen für AHV, Kultur und Sport doppelt so gross.

Video: Das sagt die Regierung zum Geldspielgesetz

Bundesrätin Simonetta Sommaruga eröffnete im März den Abstimmungskampf.

Zieht sich Interwetten aus der Schweiz zurück, falls das Geldspielgesetz angenommen wird?
Vermutlich hätten wir keine andere Wahl. Wir sind ein seriöses Unternehmen, Ärger mit der Justiz können wir uns nicht leisten. Sonst verlieren wir das Vertrauen der Kunden. Aber ich hoffe stark, dass das mittelalterliche Gesetz, über das die Schweizer abstimmen, keine Mehrheit findet. Es wäre verheerend.

Warum das?
Wenn das Gesetz so kommt, wird die Schweiz ein Schwarzmarktparadies. Als Erstes schliesst sie alle verantwortungsbewussten Anbieter aus. Die ziehen sich aus Reputationsgründen freiwillig zurück, dazu muss die Schweiz nicht einmal die geplanten Netzsperren einsetzen. Als Zweites lässt man die Schweizer Casinos im Internet auf die Leute los, obwohl die dort null Erfahrung und Know-how haben. Die Schweiz verbietet ihnen auch noch Partnerschaften mit erfahrenen internationalen Onlinecasinos. Meinen Sie, unsere Kunden, die ein Topangebot gewohnt sind, werden mit dem zufrieden sein, was ihnen die Schweizer Casinos ohne internationale Unterstützung bieten? Kaum. Also suchen sie Alternativen. So entsteht drittens ein gewaltiger Schwarzmarkt mit Anbietern, denen die Reputation egal ist. Dort setzt die Schweiz dann diese lächerlichen Netzsperren ein, die jedes Kind umgehen kann. Das wird nicht funktionieren. Zudem muss die Schweiz unbedingt beim Spielerschutz nachbessern.

«Das Gesetz überträgt die alten Regeln aus der Welt der Beton-Casinos auf das Internet und blendet die Entwicklung der letzten 20 Jahre aus».

Beim Spielerschutz?
Ja. Die Vorgaben dazu sind im aktuellen Gesetz peinlich niedrig. Ich staune, dass die Spielerschutzverbände nicht protestieren. Das Gesetz überträgt die alten Regeln aus der Welt der Beton-Casinos einfach so auf das Internet und blendet die Entwicklung der letzten 20 Jahre aus. Damit verpasst die Schweiz sämtliche Möglichkeiten, die Big Data für den Spielerschutz im Internet bietet. Andere Länder kennen ausgefeilte Konzepte und schreiben uns vor, wann wir wie proaktiv intervenieren müssen. In der Schweiz: Fehlanzeige.

Jetzt übertreiben Sie aber.
Nein. In allen Ländern, in denen wir lizenziert sind, müssen wir deutlich strengere Vorschriften einhalten, als sie in der Schweiz geplant sind. Dieselben Probleme sehe ich bei den Themen Jugendschutz, Geldwäscheprävention, Datenschutz, Internetkriminalität und Hackerangriffe.

Hand aufs Herz: Ihr Ziel ist, das Gesetz zu verhindern, damit Sie weiterhin steuerfrei in der Schweiz geschäften können.
Falsch. Erstens versteuern wir die Schweizer Erträge heute notgedrungen an unserem Hauptsitz in Malta, weil die Schweiz leider keine Lizenzen vergibt. Zweitens empfehlen wir der Schweiz ja gerade, ein Gesetz zu machen – aber ein kluges. Eines, das sich an europäischen Best Practices wie Dänemark oder Schweden orientiert. Klare Regeln sind wichtig, der Geldspielmarkt ist kein normaler Markt, die Risiken sind gross. Wir sind dankbar für jedes Land, das klare Regeln einführt. Wir streben nach Rechtssicherheit und Planbarkeit. Wenn die Schweiz das Gesetz überarbeitet und ein liberaleres, zeitgemässes System einführt, werden wir uns noch so gern um eine Lizenz bemühen. Die Schweiz ist für uns wichtig.

Die Schweizer Casinos rechnen im Internet mit Abgabesätzen von 40 bis 50 Prozent. Würden Sie so hohe Steuern akzeptieren?
Das sind zwar hohe Ansätze, aber wir können damit leben. In Österreich zum Beispiel liefern wir 40 Prozent ab. Die Schweiz wäre für uns so oder so interessant, weil wir hier mit einer Lizenz investieren und stärker wachsen könnten. Wir sind auch bereit, hier einen Sitz zu eröffnen, viele hoch bezahlte IT-Arbeitsplätze zu schaffen und den Behörden volle Transparenz zu garantieren. Das machen wir in allen Ländern, in denen wir lizenziert sind. Die Behörden oder beauftragte Büros wie PWC oder KPMG haben Einsicht in jede einzelne Transaktion.

In einigen Jahren vergibt die Schweiz die Konzessionen für Spielbanken neu. Sie können sich bewerben, ein «normales» Casino übernehmen und so auch online tätig sein. Eine Option?
Nein. Das trauen wir uns nicht zu. Wenn wir ein Beton-Casino führen würden, würde das genauso schiefgehen, wie es schiefgehen wird, wenn jedes Schweizer Dorfcasino jetzt plötzlich so tut, als wüsste es, wie man ein verantwortungsvolles Internetcasino betreibt.

Laut dem «SonntagsBlick» setzt sich in Österreich der nationale Verband der Spielanbieter, zu dem auch Interwetten gehört, für Netzsperren ein. In der Schweiz lehnen Sie diese ab. Wie geht das auf?
Das war eine – wohl politisch motivierte – Ente. Die Sache ist ganz banal: Unser Verband hatte eine externe Studie in Auftrag gegeben, die als eine von vielen Möglichkeiten Netzsperren erwähnte. Mehr ist da nicht. Der Verband lehnt selbstredend Netzsperren als undemokratisch und wirkungslos klar ab.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.05.2018, 06:24 Uhr

Interwetten

Seit Jahrzehnten in der Schweiz

Der Österreicher Werner Becher ist operativer Chef der Interwetten Group, eines der grössten Anbieter von Onlinewetten. Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben 1,6 Millionen Kunden in 220 Ländern. Es wurde 1990 gegründet und ist seit 1997 im Internet aktiv – von Beginn an auch in der Schweiz. Der Gewinn liege hierzulande im zweistelligen Millionenbereich. Genaue Zahlen nennt Interwetten nicht. Das Unternehmen hat die Unterschriftensammlung für das Referendum gegen das Geldspielgesetz mitfinanziert, bezahlt aber nach eigenen Angaben und laut dem Nein-Komitee nichts an den Abstimmungskampf.(fab)

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