Schweizer Fiskus vertreibt deutsche Kleinbetriebe

Bodenleger Krasniqi stemmt pro Auftrag neu Tausende Euro an Steuern. Die meisten seiner Kollegen bleiben der Schweiz nun fern.

Muhamet Krasniqi versteht nicht, weshalb ihm die Schweiz das Geschäften erschwert. Foto: Dominique Meienberg

Muhamet Krasniqi versteht nicht, weshalb ihm die Schweiz das Geschäften erschwert. Foto: Dominique Meienberg

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Muhamet Krasniqi hadert mit der Schweiz. Der Deutsche mit kosovarischen Wurzeln ist Teilhaber des Unternehmens Bodenbeläge am See, das in Immenstaad am Bodensee zwölf Angestellte beschäftigt. Kürzlich riefen Stammkunden an, in deren Haus in Deutschland er schon öfters gearbeitet hatte. Das Paar bat ihn, in der Zweitwohnung in der Schweiz einen Boden zu verlegen. Als Angestellter hatte Krasniqi gelegentlich in der Schweiz gearbeitet, als Unternehmer noch nie. Dass es nicht ganz einfach ist, war ihm klar. «Seit einiger Zeit motzen viele Kollegen, wie kompliziert die Schweiz ist.»

Krasniqi erkundigte sich bei Beratern. Was sie ihm sagten, schockierte ihn: Ab dem ersten Franken Umsatz in der Schweiz muss er dort neuerdings Mehrwertsteuer bezahlen. Die Steuer ist nicht das Problem, sondern die ganze Abwicklung. Alles inklusive muss er ab dem ersten Auftrag mit Kosten von mehreren Tausend Euro rechnen. «Das ist schon extrem.» Doch Kras­niqi nimmt es auf sich.

Eine Flut von Anfragen

Das tun nicht alle. Die Schweiz hat Anfang 2018 die Regeln verschärft: Vorher mussten ausländische Firmen nur Mehrwertsteuer bezahlen, wenn sie hierzulande über 100'000 Franken Umsatz machten. Neu sind sie steuerpflichtig, wenn sie insgesamt – also auch im Heimatland – solche Umsätze erzielen. Somit fällt fast jeder Kleinbetrieb unter die Steuerpflicht.

Die Folge: «Viele, vor allem kleine Betriebe verzichten darauf, weitere Aufträge in der Schweiz auszuführen», sagt Brigitte Pertschy von der Handwerkskammer Freiburg. Anfang Jahr habe es eine wahre Flut von Anfragen gegeben. Das bestätigt Lothar Hempel, der Unter­nehmen in der Region Konstanz berät. Für Firmen, die vorher sporadisch in der Schweiz tätig waren, sei der Aufwand nun definitiv zu gross.


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Die Firmen brauchen einen sogenannten Fiskalvertreter in der Schweiz, der in der Regel auch die vierteljährliche Abrechnung mit der Eidgenössischen Steuerverwaltung (ESTV) übernimmt. Das kann ein Treu­händer sein oder die Handelskammer Deutschland-Schweiz in Zürich. Die Dienste des Steuerberaters kosten laut der Wirtschafts­kammer Konstanz mindestens 1200 bis 1500 Euro im Jahr, je nach Umsatz auch mehr.

Zudem verlangt die ESTV von den Unternehmen eine Kaution für den Fall, dass diese die Steuer später nicht bezahlen. Die Höhe hängt vom Umsatz ab, der ­Mindestbetrag liegt jedoch bei 2000 Franken, auch für Firmen, die einen einmaligen Auftrag in der Schweiz haben.

Keine Schweizer Spezialität

«Die Schweiz ist ein sehr attraktiver Markt, aber so lohnt sich das Arbeiten dort für die meisten Kleinbetriebe nicht mehr», bilanziert Brigitte Pertschy von der Handelskammer Freiburg. Die Kosten der Mehrwertsteuer ­kommen zum übrigen Mehraufwand hinzu, den Aufträge in der Schweiz nach sich ziehen. Hier wirken sich die flankierenden Massnahmen aus, mit denen die Schweiz ihre Arbeitsbedingungen durchsetzen will. Diese sind zurzeit das wichtigste und schwierigste Thema in den Verhandlungen über ein Rahmen­abkommen mit der EU, die von der Schweiz Konzessionen beim Lohnschutz verlangt.

Ist denn auch das neue Schweizer Steuerregime restriktiver als das der EU-Länder? «Im Grossen und Ganzen nicht», sagt Markus Fuchs, Mehrwertsteuerexperte beim Beratungsbüro Swissvat. In Deutschland und den meisten EU-Staaten seien ausländische Firmen schon ab dem ersten Euro Umsatz steuerpflichtig. Allerdings sind die Schweizer Regeln in einem Punkt strenger: Wenn eine Schweizer Firma eine Leistung für ein anderes Unternehmen in der EU ­erbringt, muss sie sich vor Ort oftmals nicht selber registrieren, sondern kann die Steuer auf das Unternehmen abwälzen. Solche Regelungen kennen viele EU-Staaten, darunter Deutschland. Die Schweiz habe eine vergleichbare Regelung, die aber nur bei wenigen Leistungen gelte.

«Trotz allem empfangen wir Schweizer Kunden jederzeit mit offenen ­Armen und ohne Schikane.»Muhamet Krasniqi

Auch der Konstanzer Berater Hempel sagt, es sei nachvollziehbar, dass die Schweiz ausländische Firmen steuerlich gleichbehandeln wolle. «Aber wir fragen uns, ob das so kompliziert und teuer sein muss.» Er und seine Kollegin Pertschy vermissen eine Ausnahmeregelung für Klein­betriebe, die gelegentlich in der Schweiz tätig sind. Eine solche ist laut der Steuerverwaltung aber kein Thema. Der Sinn der Reform sei gerade die Abschaffung einer Untergrenze gewesen, da diese inländische Unter­nehmen benachteiligt habe.

Muhamet Krasniqi, der Bodenleger, will dennoch weiter in der Schweiz arbeiten. Auch wenn er nicht verstehe, warum die Schweiz kleinen Firmen das Leben schwermache. Und: «Trotz allem empfangen wir Schweizer Kunden jederzeit mit offenen ­Armen und ohne Schikane.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.08.2018, 08:38 Uhr

Mehr Stellen, mehr Steuern

Für den Bund soll sich die Verschärfung bei der Mehrwertsteuer für ausländische Unternehmen auszahlen. Er verspricht sich davon Mehreinnahmen von rund 40 Millionen Franken im Jahr. Gleichzeitig musste die Eid­genössische Steuerverwaltung aber 30 neue Stellen schaffen, um die Daten der vielen Firmen zu verarbeiten, die neu steuer­pflichtig sind. Sie betont jedoch auf Nachfrage, man habe diese Stellen intern kompensiert, insbesondere durch Effizienzgewinne dank der erneuerten Informatik.

Seit Anfang Jahr ist die Zahl der registrierten ausländischen Firmen bereits um rund 2300 Unternehmen respektive 25 Prozent gestiegen. Die Steuerverwaltung betont, das sei eine erste Momentaufnahme, eine definitive Bilanz sei erst in vier bis fünf Jahren möglich. (fab)

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