Die Reichen-Versteher

Den reichsten 10 Prozent gehören mehr als 70 Prozent des Gesamtvermögens. Aber den Schweizern ist es egal, dass in ihrem Land grosse Ungleichheit herrscht.

Gute Aussichten für Gutbetuchte: Besucherinnen des Pferderennens in St. Moritz. Foto: Arno Balzarini (Keystone)

Gute Aussichten für Gutbetuchte: Besucherinnen des Pferderennens in St. Moritz. Foto: Arno Balzarini (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Jahr für Jahr legt die Credit Suisse sozialpolitischen Sprengstoff aus. Im neuen «Global Wealth Report», den die Grossbank jeweils Anfang Oktober veröffentlicht, steht: Die Schweiz gehört zu den entwickelten Ländern, in denen das Geld am ungleichsten verteilt ist. Den reichsten 10 Prozent gehören 71,6 Prozent des Schweizer Vermögens.Im Gegensatz zu anderen wohlhabenden Staaten hat sich die Ungleichheit im letzten Jahrhundert kaum verringert.

Wie jedes Jahr geht der Sprengstoff nicht hoch. Denn die hiesige Ungleichheit lässt sich leicht als Luxusproblem entschärfen. Sie stammt auch daher, dass das Land als beliebter Rückzugsort für Superreiche dient. Seit dem Jahr 2000 ist die Zahl der Bewohner, die mehr als 50 Millionen besitzen, von 1000 auf 3800 gestiegen. 1,7 Prozent der weltweit reichsten 1 Prozent leben hier – obwohl die Schweizer nur 0,1 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen. Im Vergleich zu solchen Superreichen wirkt selbst arm, wer 200'000 Franken im Jahr verdient. Das ist Ungleichheit auf 5-Stern-Niveau.

Hier gilt: Was den Reichen nützt, nützt allen.

Doch so einfach wird man das Thema nicht los. Auch wenn man den Anteil der Superreichen wegrechnet, wird die Schweiz nicht zum Vorbild in Sachen Gleichheit. Europäisch gesehen liegt sie dann im Mittelfeld. Viele vergleichbare Länder haben laut dem CS-Bericht eine deutlich grössere Mittelklasse.

Kaum ein Thema bringt mehr Studien hervor als die Verteilungsfrage. Die Auswertungen führen oft zu Resultaten, die den Auftraggebern passen. Ein Bericht der Gewerkschaften behauptet, dass die Löhne der Armen und Reichen immer stärker auseinanderklaffen. Der Arbeitgeberverband hat das Gegenteil ermittelt: Zwischen 2008 und 2012 habe sich die Ungleichheit verringert.

Mehr als ein Importproblem

Die Soziologen Christian Suter und Ursina Kuhn haben kürzlich acht solche Verteilungs­studien miteinander abgeglichen. Ihr Schluss: Die Unterschiede zwischen den Löhnen werden grösser. Von 1994 bis 2012 stiegen die obersten 10 Prozent der Saläre um 41 Prozent, die tiefen und mittleren Einkommen mussten sich mit 18 Prozent begnügen. Bei den niedrigsten Löhnen gehe es seit 2006 kaum mehr aufwärts, schreiben Kuhn und Suter. Steuern, Renten und andere staatliche Transferleistungen glichen einen Teil dieser Differenz wieder aus – aber bei weitem nicht die ganze.

Die Schweizer Ungleichheit ist also mehr als eine bedeutungslose Beule, die pauschalbesteuerte Superreiche in die Statistik drücken. Sie verstärkt sich durch das Lohnsystem.

Die Schweiz begünstigt Reiche dabei, noch reicher zu werden.

Dazu kommt: Die Schweiz begünstigt Reiche dabei, noch reicher zu werden. Im Gegensatz zu den meisten Nachbarländern zieht der Staat hier keine Kapitalgewinnsteuer ein. Wer mit Aktien Geld verdient, darf den ganzen Gewinn behalten. Laut dem Credit-Suisse-Report haben die Reichsten der Welt ihr Vermögen in den letzten Jahren vor allem dank den boomenden Börsen vermehren können. Den weniger Reichen fehlen Geld und Wissen, um im gleichen Ausmass auf Wertpapiere zu wetten. Sie müssen arbeiten. Und Steuern abliefern auf ihren Lohn.

Selbst der bürgerlich dominierte Bundesrat hält das für ungerecht. Doch im Frühling musste er die Kapitalgewinnsteuer aus dem geplanten Steuerreformpaket streichen. 22 Kantone und alle Parteien wehrten sich dagegen – ausser Grüne und SP. Ein Referendum der Linken würde es wohl schwer haben. Bereits 2001 stimmten die Schweizer über eine Kapitalgewinnsteuer ab. Zwei Drittel sagten Nein.

Die Stimmung hat sich nicht verändert. Linke Umverteilungsvorlagen (1:12, Mindestlohn, Erbschaftssteuer) scheiterten in den letzten Jahren ähnlich deutlich. Die Schweiz ist ein Land der Reichen-Versteher. Hier gilt: Was den Reichen nützt, nützt allen. Und: Niemand wird reicher, wenn die Reichen ärmer werden.

 Der Franken verstärkt das Gefühl, ständig reicher zu werden.

Dabei sorgen sich längst nicht nur Linke über die weltweit wachsende Ungleichheit. Diese schade Volkswirtschaften, sagen renommierte Ökonomen und selbst der Internationale Währungsfonds. Ärmere Menschen geben einen grösseren Teil ihres Einkommens für Konsumgüter aus als Reiche. Die Konzentration des Geldes bei wenigen bewirkt folglich eine schrumpfende Nachfrage. Ausserdem: Wenn sich Menschen unterbezahlt fühlen, sinkt ihre Motivation, sie arbeiten schludriger. Auch darunter leiden Unternehmen.

Die Schweiz spürt wenig von solchen Folgen. Seit der Jahrtausendwende geht es mit der Wirtschaft nach oben. Dabei scheint es die wenigsten Angestellten zu stören, dass die Spitzensaläre mehr als doppelt so stark anstiegen wie der eigene Lohn. Dazu verstärkt der hohe Frankenkurs das Gefühl der Schweizer, dass sie ständig reicher werden.

So wird die CS auch in den nächsten Jahren Sprengstoff ausliefern. Und niemand zündet ihn. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.10.2015, 18:19 Uhr

Artikel zum Thema

«Die Mittelklasse wird ausgehöhlt»

Interview Wirtschaftsprofessor Erik Brynjolfsson von der US-Eliteuniversität MIT glaubt, dass die technologische Entwicklung Millionen von Jobs zerstört. Mehr...

Ungleichheit schadet der Wirtschaft

Der Unterschied zwischen Arm und Reich sei nicht nur ungerecht, sondern hemme das Wirtschaftswachstum, sagt die OECD. Sie liefert den Zahlenbeweis. Mehr...

Ist Ungleichheit eine Frage der Wahrnehmung?

Blog: Never Mind the Markets Zu grosse Unterschiede zwischen den Menschen schaden der Demokratie. Nur: Die gefühlte Diskrepanz entspricht nicht der wirklichen. Zum Blog

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Riesig hohe Surfwellen: Vor der portugisischen Küste befindet sich im Meer der Nazare Canyon eine über 230 Kilometer lange Schlucht mit einer Tiefe von bis zu 5000 Metern, deshalb entstehen hier die beliebten Wellen.
(Bild: Rafael Marchante) Mehr...