«Die Kritik an meinem Flüchtlings-Artikel war hämisch und beissend»

Hannes Koch schrieb eine Geschichte über Flüchtling Karim bei sich zu Hause. Heftig, die Reaktionen – besonders in der Schweiz.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ihr Artikel über einen Flüchtling, den Sie bei sich zu Hause aufgenommen haben, löste unzählige Reaktionen aus. Damit mussten Sie rechnen, nicht?
Ja, dass es kontroverse Reaktionen geben würde, war mir klar. Aber die schiere Menge hat mich erstaunt. Weniger bei der «taz», wo der Text zuerst erschien, als bei Ihnen im «Tages-Anzeiger». Ich hatte über tausend Reaktionen via soziale Medien, und das sind nur die, die ich überschauen kann.

In Deutschland scheinen die Kommentare freundlicher ausgefallen zu sein.
Ich habe nicht alles komplett überprüft. Doch ich habe den Eindruck, die Reaktionen auf meinen Text seien in Deutschland ausgewogener. Die Hälfte konnte meine Position nachvollziehen, die andere hat sie zum Teil scharf kritisiert. In Deutschland entstand eine echte Debatte. Man hat sich gefragt, ob ich den Flüchtling richtig behandelt habe, ob ich mit meinen Kindern ähnlich umgehen würde, ob ich eine psychologische Ausbildung habe, ob ich einfach naiv gewesen sei. Es gab in Deutschland auch Kritik von ganz links, wo mir eine rassistische Haltung vorgeworfen wurde: Ich hätte dem Flüchtling noch viel mehr helfen sollen.

Und wie waren die Reaktionen in der Schweiz?
Da war 80, 90 Prozent der Kritik hämisch und beissend und böse. Tenor: Es ist gut, hat dieser Linke jetzt begriffen, dass es ein grosser Fehler ist, Flüchtlingen überhaupt zu helfen. Die Reaktionen waren egoistisch und nationalistisch: Das habe man davon, wenn man die Flüchtlinge überhaupt ins Land lasse.

Was sagt Ihnen das über die Schweiz?
Die öffentliche Meinung in der Schweiz scheint mir deutlich weiter rechts als in Deutschland. Was mir auch plausibel scheint. Die Schweizer Ausprägung unserer AfD heisst SVP und sitzt mit zwei Leuten in der Regierung.

«Wir machten uns keine Gedanken, was diese Aufnahme tatsächlich bedeuten könnte.»

Ist das nicht etwas verkürzt?
Ich bin nicht ein ausgeprägter Schweiz-Kenner, aber jene Leute, mit denen ich über die Schweiz rede, widersprechen mir in diesem Punkt zumindest nicht.

Muss man mit solchen Kommentaren rechnen, wenn man eine so ehrliche Geschichte über einen Flüchtling schreibt?
Ja, natürlich. Doch ich wollte es trotzdem machen. Weil ich eine ehrliche Debatte zum Thema wollte: Was heisst es, einen Flüchtling aufzunehmen? Wie hilft man richtig?

Wie wehren Sie sich nun gegen die Vereinnahmung von rechts?
Ich schreibe den Leuten, ich mache ihnen meine Haltung klar, ich liefere Argumente, ich sage ihnen, dass sie mich missverstehen. Dabei bin ich nicht so naiv und glaube an eine Wirkung. Es geht mir einzig darum, diesen Leuten klarzumachen, dass ich nicht mit ihnen einverstanden bin und ich nicht zu ihnen gehöre.

Sie selber schreiben ja: «Viele haben jetzt einen Syrer». War es in Ihrem Milieu damals, böse gesprochen, einfach auch Mode, einen Flüchtling aufzunehmen?
Politische Stimmungen wechseln, haben mal Konjunktur und mal nicht. Natürlich hat die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel bestimmte Schichten in der Bevölkerung angesprochen.

Was hätten Sie im Fall von Karim besser machen können?
Wir hätten eine Probezeit mit unserem Gast vereinbaren sollen. Vier Monate, um zu schauen, ob das mit uns passt. Und erst danach hätten wir definitiv entscheiden sollen. Wir gingen blauäugig in die Sache und machten uns keine Gedanken, was diese Aufnahme tatsächlich bedeuten könnte. Er stand halt einfach in der Tür. In diesem Sommer kamen Zehntausende Syrer nach Berlin – da musste man etwas machen.

Wie ging es mit Karim weiter? Haben Sie noch Kontakt?
Ja, sporadisch. Er sagt, es gehe ihm nicht gut. Er sagt, er würde auf der Strasse leben. Doch das glaube ich ihm nicht. Er wird bei Freunden sein. Klar ist, die Lage wird zunehmend schwierig für ihn.

Weil er sich nicht in die neue Situation fügen will?
Ja. Er hat ein Talent, ihm angebotene Hilfe auszuschlagen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.09.2017, 11:51 Uhr

Hannes Koch

Der Autor (55) lebt in Berlin-Kreuzberg. Er arbeitet unter anderem als Wirtschaftskorrespondent für die deutsche Tageszeitung «taz». Als seine Tochter 2016 einen syrischen Flüchtling mitbrachte, konnte er nicht Nein sagen.

Artikel zum Thema

Flüchtling im Haus

Elf Monate wohnt ein junger Flüchtling aus Syrien bei uns. Wir sind erschöpft. Er will nicht ausziehen. Protokoll einer Hilfsaktion, die an der Realität scheiterte. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Wettbewerb

Gewinnen Sie einen Flug nach Singapur

Seit Anfang August fliegt Singapore Airlines auch ab Zürich mit einem neu ausgestatteten Airbus A380. Gewinnen Sie zwei Flugtickets.

Kommentare

Blogs

Der Poller Wir hätten gerne noch mehr Pop-up Büssli
Blog: Never Mind the Markets Was ist los in den USA?
Mamablog Wie binär denken unsere Kinder?

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Die Welt in Bildern

Haar um Haar: Was aussieht wie die Nahaufnahme eines Blütenstandes sind tatsächlich Rasierpinsel aus Dachshaar. Sie stehen bei einem Pinselhersteller im bayerischen Bechhofen. (25. September 2018)
(Bild: Daniel Karmann/dpa) Mehr...