Die neuen Velorowdys

Auch private Veloverleiher können den Stadtverkehr besser machen. Die Alleinherrschaft darf man ihnen aber nicht überlassen.

Warum diese Aufregung? Die Leihvelos von O-Bike machen aus weltoffenen Velofreunden protektionistische Zweiradgegner. Foto: Samuel Schalch

Warum diese Aufregung? Die Leihvelos von O-Bike machen aus weltoffenen Velofreunden protektionistische Zweiradgegner. Foto: Samuel Schalch

Beat Metzler@tagesanzeiger

Jubeln müssten sie, die Zürcher. Seit zehn Jahren versucht ihre Regierung, einen eigenen Velo­verleih aufzubauen. Nur zäh kommt er voran.

Anfang Juli hat ein Unternehmen aus Singapur Hunderte von Mietvelos über der Stadt ausgestreut, sodass es einem erging wie nach einer durchschneiten Nacht: Man öffnete die Augen, und die Welt sah ganz anders aus. Auf den Zürcher Trottoirs standen plötzlich diese grau-gelben Mietvelos von O-Bike.

Toll, oder? Ein Privater schnipst herbei, woran der Staat seit Ewigkeiten herumknorzt.

Doch Jubel hörte man selten. Im Gegenteil. Bald schimpften viele Zürcherinnen und Zürcher über die «gelbe Plage», beklagten die «Invasion der asiatischen Billigvelos» und die Verstopfung «unserer Veloständer».

Eine seltsame Reaktion. Der Sprachgebrauch der meist linksgrünen Kritiker erinnert an den Überfremdungsdiskurs rechter Parteien. Was ist da los? Entblösst sich am Beispiel O-Bike die protektionistische Neigung weltoffener Städter? Erlebt Zürich gerade ein Trump’sches Moment?

Eher nicht. Dass die O-Bikes so stark provozieren, hat einen anderen Grund: Sie verkörpern ein zentrales Unbehagen an der Gegenwart.

Wer mehr hat, gewinnt

Das Vorgehen von O-Bike steht in der «disruptiven» Tradition von Unternehmen wie Amazon, Uber oder Airbnb. Deren Strategie besteht darin, einen Markt umzupflügen und dann alleine neu zu bestellen. Das Errichten eines Fast-Monopols gelingt auch dadurch, dass die Internetunter­nehmen Vorschriften umgehen, welche für lokal verankerte Konkurrenten gelten. Am Ende dieses Verdrängungskampfes verdienen einige wenige ganz viel. Kleinere Firmen – Buchhandlungen, Taxizentralen, Hotels – gehen oft zugrunde.

So konkret wie O-Bike – materialisiert in gelb-grauem Blech direkt vor der Haustür – hat noch niemand vorgeführt, wie ein disruptives Milliardengeschäft funktionieren kann. Man flutet den Markt, bis der Konkurrenz die Luft wegbleibt.

Innovativ lässt sich dieser Ansatz nicht nennen. «Free-floating-Systeme», also das Veloverleihen ohne feste Stationen, gibt es seit mehreren Jahren. Die Anbieter, die aus China und den USA kommen, arbeiten alle nach dem gleichen Prinzip. Gewinnen lässt sich ein solcher Konkurrenzkampf vor allem mit Masse. In einigen chinesischen Städten hat dies dazu geführt, dass Tausende der billig hergestellten Mieträder Plätze und Trottoirs verstellen.

So werden die Strassen der Städte zu Schlachtfeldern privater Investoren. Und so wird das Velo, dieses perfekte Verkehrsmittel, um Städte von Stau und Luftverschmutzung zu befreien, selber zum Platz- und Umweltproblem.

Dazu kommt: O-Bike und seine Mitstreiter fegen mit der Heftigkeit eines Schneesturms über die Städte hinweg. Sie haben die Behörden oft nur kurz informiert, bevor sie ihre Velos verteilten. Logisch, dass das nicht so gut ankommt. Der öffentliche Raum ist die erweiterte Stube der Städter. Bevor man jemandem etwas in die Stube stellt, fragt man zumindest nach.

Wie wenig sich O-Bike über Zürich informiert hat, sieht man daran, dass die Firma bisher nur Eingänger anbietet. Einen der vielen Zürcher Hügel stampft damit nur ein Radprofi hoch.

Mit ihren eigenen Mietsystemen versuchen Städte, mehr Menschen aufs Velo zu holen. Deshalb geben die Kommunen Millionen dafür aus. Es ist eine Investition in die Lebensqualität, in sauberere Luft und ruhigere Strassen.

Experten zweifeln, ob private Anbieter diesen Auftrag gleich gut erfüllen können. In den USA zeigte sich, dass sie vor allem in den lukrativen, zentralen Gegenden tätig sind. Eine gleich­mässige Verteilung der Velos in der ganzen Stadt garantieren sie nicht. Velovermietungen entfalten ihre Umsteigewirkung zudem vor allem dann, wenn man sie eng mit dem öffentlichen Verkehr abstimmt. Auch daran hapert es bei privaten Free-floating-Systemen.

Städte sehen sich also konfrontiert mit einem Geschäftsmodell, das den öffentlichen Raum für private Geschäfte beansprucht; mit einem Geschäftsmodell, das die eigenen Veloverleih-­Bemühungen unterspült und keine präzise Verkehrssteuerung bieten kann.

Gross ist daher die Versuchung, die bunten Velos aus dem öffentlich Raum zu verbannen. Das geht. Basel hat O-Bike eine Absage erteilt.

Andere Städte hingegen, darunter auch Zürich, warten erst mal ab. Zum politischen Kernprogramm vieler Stadtregierungen gehört es, den Veloverkehr zu fördern. Daher haben sie berechtigte Hemmungen, die Mietvelos zu verbieten. Vielleicht werden dank O-Bike und Co. tatsächlich mehr Menschen in die Pedale treten. Derzeit kann das niemand wirklich sagen.

Ortskenntnisse gehören dazu

Bei aller Toleranz sollten Städte aber sicherstellen, dass die privaten Anbieter ihre disruptive Wucht nicht voll entfalten können; sicherstellen, dass die öffentlichen Anbieter überleben. Nur mit diesen können die Städte ihre umweltpolitischen Vorstellungen gezielt umsetzen.

Derzeit kämpfen öffentliche Verleiher mit einem riesigen Rückstand. Sie unterstehen strengen Auflagen, die Privaten geschäften fast frei von Regeln. Das lässt sich ausgleichen, indem die Städte unter anderem Miete für den öffentlichen Raum einziehen. Gerecht wäre es: Alle, die auf Zürichs Strassen Geld verdienen wollen – ob Gartencafés, Marronistände oder Prostituierte –, müssen dafür zahlen. Warum sollen Veloverleiher von dieser Pflicht verschont bleiben?

Diese Abgabe würde auch die Motivation der Anbieter erhöhen, ihre Velos präzis dosiert aufzustellen und sie nicht wochenlang ungebraucht herumstehen zu lassen. Ein solcher Masseneinsatz käme schlicht zu teuer.

Die Zürcher schätzen ihren perfekten öffentlichen Verkehr. Mietvelos sollten Trams und Busse in ähnlicher Perfektion ergänzen. Diese Aufgabe kann man nicht Investoren überlassen, die sich nur mässig um lokale Begebenheiten kümmern; Investoren, die nicht wissen, dass es in Zürich manchmal bergauf geht.

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