Eine rechte SRG ist ebenso unrealistisch wie eine linke Polizei

SRG-Journalisten seien links, schreibt die «SonntagsZeitung» – was das bedeutet.

Journalisten sind in der Regel keine strammen Linken: Blick in einen SRF-Regieraum. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Journalisten sind in der Regel keine strammen Linken: Blick in einen SRF-Regieraum. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

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«Fast drei Viertel aller SRG-Journalisten sind links», titelte die «SonntagsZeitung» und bezog sich dabei auf eine Studie, in der sich Medienschaffende auf einer Links-rechts-Skala selber eingeordnet hatten.

Einmal davon abgesehen, dass es sich bei diesen «fast drei Vierteln» um grosszügig aufgerundete 68 Prozent handelt, ist die wirklich spannende Erkenntnis der Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) eine andere: Die politische Orientierung von Journalistinnen und Journalisten der öffentlich-rechtlichen Medien unterscheidet sich nur wenig von jener der privaten Verlagshäuser. Auf einer Skala zwischen null (links) und zehn (rechts) positionieren sich die Öffentlichen im Schnitt bei 3,8 und die Privaten bei vier. Beide sind somit deutlich näher bei der politischen Mitte, die bei fünf liegt, als am linken Pol. Diese Werte sind dabei durchaus linker als bei der Bevölkerung insgesamt. Bei den letzten Wahlen positionierten sich die Stimmberechtigten im Durchschnitt bei 5,4.

Eine gemässigte Mitte-links-Orientierung ist typisch für Menschen, die im Journalismus tätig sind – unabhängig davon, ob ihr Arbeitgeber SRG oder Tamedia heisst. Wie sollte es auch anders sein? Personen mit rechtskonservativem Profil sind bei höheren Bildungsabschlüssen generell untervertreten. Jene, die sich rechts der Mitte positionieren, schlagen zudem oft lieber eine typische Karrierelaufbahn etwa in der Finanzbranche ein, als sich der vergleichsweise brotlosen Kunst des Texteschreibens zu widmen. Es gibt kaum eine Berufsgruppe, die in politischer Hinsicht der Bevölkerung als Ganzes entspricht. Linke Banker sind wohl fast so rar wie linke Metzger.

Keine Gesinnungsquoten – zum Glück

Das politische Profil der SRG ist im Vergleich dazu natürlich brisanter, handelt es sich hier doch um ein mit öffentlichen Geldern mitfinanziertes Unternehmen. Öffentlich finanziert sind jedoch auch die Polizei, die Armee und der quasi öffentlich-rechtliche Bauernstand, und in diesen drei Bereichen sind typischerweise Positionen rechts der Mitte übervertreten. Dennoch kommt es hier niemandem in den Sinn, ideologische Quoten zu fordern. Zum Glück, denn Gesinnungsquoten führen nur dazu, dass statt derjenigen, die ihren Beruf gerne und gut machen, jene mit dem richtigen Parteibuch zum Zug kommen. Gute, rechtsorientierte Journalisten zu finden, ist nicht einfach. Dies wissen gerade auch die überwiegend bürgerlichen Verleger der Schweiz, die gerne mehr davon hätten und, wie die ZHAW-Studie zeigt, dennoch nicht finden.

Dessen ungeachtet steht das politische Profil der Medien zu Recht unter besonderer Beobachtung. Hier geht es schliesslich ganz unmittelbar um politische Wertungen, und es ist naiv zu denken, die politische Ausrichtung hätte keine Auswirkungen auf die Berichterstattung. Interessanterweise ist Medienkonsum für Grüne und Sozialdemokraten gleichwohl sehr häufig ein Frust. «Journis» sind in der Regel keine strammen Linken, und sie haben ein ganz anderes Anreizsystem als Interessenvertreter wie Gewerkschafter oder Unternehmer.

Ungleiche Spiesse sorgen bei den Interessenvertretern dafür, dass mehr als drei Viertel aller Kampagnengelder in der schweizerischen Politik gegen linke Anliegen ausgegeben werden. Eine solche Bilanz – mit umgekehrten Vorzeichen – gibt es bei den Journalisten nicht, denn diese sind immer auch auf die gute Geschichte und die Einschaltquote aus. Bauchthemen vom Terrorismus bis zur Migration erhalten reichlich Platz, selbst wenn davon vor allem die Rechte profitiert.

Der beständige Angriff auf «die linken Medien» führt letztlich bloss zu einer generellen Vertrauenskrise und zum Rückzug in ideologische Filterblasen.

Auch das Anprangern der «linken» SRG ist eine Story, die Emotionen weckt und sich wohl gut verkaufen lässt. Eine Illusion wäre allerdings, dass davon die privaten Medien profitierten. Wie die Befragung zeigt, ist eine gemässigte Mitte-links-Orientierung ein Merkmal vieler, auch im Privatsektor tätiger, Journalisten.

Wie die Erfahrungen in den USA zeigen, führt der beständige Angriff auf «The Liberal Media» – «die linken Medien» – letztlich bloss zu einer generellen Vertrauenskrise und zum Rückzug in ideologische Filterblasen. Eine rechte SRG ist zwar ebenso unrealistisch wie eine linke Polizei, dennoch können wir von beiden Institutionen durchaus heute schon eine vernünftige Professionalität erwarten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.11.2017, 19:16 Uhr

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