Die Linke feiert ihre bitterste Niederlage

Der Landesstreik im November 1918 veränderte die Schweiz für immer – und nicht nur so, wie das die Linke wollte. Trotzdem versucht sie jetzt, das 100-Jahr-Jubiläum politisch zu nutzen.

Soldaten gegen Arbeiter: Auf dem Zürcher Paradeplatz brachte sich die Armee im November 1918 gegen Demonstranten in Stellung. Foto: Stadtarchiv, Zürich

Soldaten gegen Arbeiter: Auf dem Zürcher Paradeplatz brachte sich die Armee im November 1918 gegen Demonstranten in Stellung. Foto: Stadtarchiv, Zürich

Alan Cassidy@A_Cassidy

Vor dem Bundeshaus in Bern standen Soldaten mit Maschinengewehren, auf dem Paradeplatz in Zürich sass die Kavallerie auf ihren Pferden, die Gewehre schussbereit – Szenen aus dem Herbst 1918, einer Zeit, in der die Schweiz gespalten war wie nie mehr seither. Geht es nach der SP und den Gewerkschaften, werden wir bald öfter darüber sprechen. Nachdem es in den vergangenen Jahren die Rechten gewesen sind, die mit den Jubiläen von Marignano und Morgarten eine Geschichtsdebatte angestossen haben, ist es jetzt die Linke, die sich daranmacht, ein historisches Datum zu feiern und politisch zu nutzen.

Aus dem Streik zieht die Linke Lehren für heute: Es brauche angesichts des Aufstiegs der Rechten neue Kompromisse.

100 Jahre ist es bald her, dass der Bundesrat bewaffnete Truppen in Schweizer Städten aufmarschieren liess, weil er einen Staatsstreich fürchtete. Die Arbeiterschaft reagierte mit einem landesweiten Generalstreik, den sie aus Angst vor einem Bürgerkrieg nach wenigen Tagen abbrach – ohne dass ihre Forderungen erfüllt worden wären. Es war zunächst eine bittere Niederlage, ein Marignano der Linken quasi: «Es ist zum Heulen! Niemals ist schmählicher ein Streik zusammengebrochen», klagte der Zürcher SP-Politiker Ernst Nobs.

Was die Linken erreichten

Für die Linke war der Abbruch des Landesstreiks eine Kapitulation. Und doch wurde sie zum Wendepunkt, an den sie sich heute gerne erinnert – weil sich aus der Niederlage doch noch Gutes ableiten liess. Schon wenige Monate nach dem Ende des Streiks wurden der 8-Stunden-Tag und das Proporzwahlrecht, zwei zentrale Forderungen der Streikenden, eingeführt. Zu gross war der Druck der Strasse geworden, zu offensichtlich die sozialen und politischen Missstände: die Armut nach vier Jahren Krieg und Inflation, die groteske Übervertretung des Freisinns im alten Wahlsystem. Gleichzeitig war es auch das letzte Mal, dass der Bundesrat im grossen Stil Soldaten gegen streikende Arbeiter aufmarschieren liess – im frühen Bundesstaat noch gängige Praxis.

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Eine Historikertagung nächsten Monat in Bern steht nun am Anfang eines Jahres, das der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) und die SP ganz in das Zeichen des Landesstreiks stellen wollen. Geplant sind weitere Tagungen, Ausstellungen, Informationskampagnen, ein Freilichttheater und ein grosser Gedenkanlass in Olten. Es wird dabei viel um Selbstvergewisserung gehen: Man will die Geschichte der Arbeiterbewegung zelebrieren und die sozialpolitischen Reformen, die auf den Landesstreik folgten.

Aber natürlich ziehen die Gewerkschaften daraus Lehren für heute. «Die Ereignisse von damals zeigen zwei Dinge», sagt Dore Heim, Projektverantwortliche beim SGB. «Es braucht den kollektiven Kampf, um mehr Rechte und bessere Arbeitsbedingungen durchzusetzen. Und dieser kollektive Kampf lohnt sich.» Ein Problem sei bei all dem, das räumt auch die Gewerkschafterin ein, dass heute viele Schweizer gar nicht mehr wüssten, was der Landesstreik überhaupt war. «Aus dem kollektiven Gedächtnis der Bevölkerung ist das völlig verschwunden», sagt Heim. «Dabei war der Landesstreik die Geburtsstunde der modernen Schweiz.»


Die Chronologie der Ereignisse finden Sie am Ende des Artikels.


Kompromiss oder Krieg

Auch SP-Nationalrat Cédric Wermuth zieht, natürlich, Parallelen zu heute. Da ist «die gewisse Härte», mit der die Linke auf ihren Forderungen bestehen müsse, um damit durchzudringen. Und da ist der Aufruf an den historischen Gegner: Hätten sich Bürgerliche und Arbeiterschaft nicht im Kompromiss gefunden, wäre der Bundesstaat von 1848 nicht friedlich weiterentwickelt worden – sondern im Bürgerkrieg untergegangen. «Heute stehen wir zwar zum Glück nicht mehr vor dem Bürgerkrieg», sagt Wermuth, «aber Liberale und Sozialdemokraten müssen angesichts des Aufstiegs der Rechtspopulisten wieder einen neuen Kompromiss finden.»

Auch für die Bauern ist der Landesstreik sinnstiftend: Sie sahen sich als Bollwerk gegen den Bolschewismus.

Dass die Linke derart offensiv über den Landesstreik sprechen will, ist historisch gesehen neu. Bis in die 1970er-Jahre dominierte in der Schweiz eine andere Erzählung der damaligen Ereignisse – eine durch die Bürgerlichen vorgegebene. Demnach war der Landesstreik eine durch ausländische Agenten gesteuerte Verschwörung, um auch in der Schweiz die kommunistische Revolution durchzuführen, mit den Schweizer Sozialisten und Arbeitern als willigen Helfern. Immer wieder herangezogen wurde dazu die Proklamation, die die Geschäftsleitung der SP im Herbst 1918 zum Jahrestag der Russischen Revolution verbreiten liess. «Schon rötet die nahe Revolution den Himmel über Zentraleuropa», hiess es dort. «Der erlösende Brand wird das ganze morsche, blutdurchtränkte Gebäude der kapitalistischen Welt erfassen.»

Das waren martialische Töne, und sie waren es auch, die den Zürcher Regierungsrat dazu bewogen, beim Bundesrat um Truppen zu ersuchen. Doch Belege dafür, dass massgebliche Kräfte der Linken ernsthaft einen Putsch anstrebten, fanden sich weder damals noch später, wie der Historiker Willi Gautschi 1968 in seinem Standardwerk zum Landesstreik nachwies. Trotzdem blieb die Verschwörungsthese lange wirkmächtig, und zwar so sehr, dass sich auch die Arbeiterbewegung lieber nicht zu stark mit dem Streik auseinandersetzte.

Beginn des ewigen Bürgerblocks

Heute ist das Verhältnis der Linken zum Landesstreik ein durchweg positives. Dabei liesse sich auch aus linker Sicht die Frage aufwerfen, wie das Ereignis das Land denn tatsächlich veränderte. Auch wenn sich schon bald nach Streikabbruch einige Forderungen der Linken erfüllten: Der Bürgerblock, der das Land danach für Jahrzehnte regieren sollte, war eine direkte Reaktion auf den Landesstreik. Die Angst vor dem drohenden Umsturz vereinte das Bürgertum – und sie drängte im dominierenden Freisinn jene Kräfte an den Rand, die offen waren für soziale Fragen. Es waren diese Kräfte, die vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs für erste Reformen besorgt gewesen waren, darunter die Einführung einer obligatorischen Unfallversicherung 1912. Doch als der Krieg erst ausgebrochen war, blieben weitere Reformversuche lange chancenlos.

Teil dieses Bürgerblocks wurden nach dem Landesstreik auch die Bauern. Für sie und ihren politischen Arm, die SVP bzw. ihre Vorgängerpartei BGB, war der Landesstreik mindestens so sinnstiftend wie für die Linke. Es waren Soldaten aus ländlichen Gebieten, die der Bundesrat in Zürich gegen die Arbeiterschaft aufmarschieren liess. Die Bauernsöhne galten als politisch zuverlässig, von ihnen nahm die Armeeführung an, dass sie sich niemals auf die Seite der Revolution schlagen würden. Das Bollwerk gegen den Bolschewismus: So sahen sich danach auch die Bauern selbst.

Eine Schweiz wie Schweden?

Wer verstehen wolle, warum die Schweiz bis heute ein konservatives Land sei, müsse deshalb die Geschichte des Landesstreiks kennen, sagt der Historiker Hans Ulrich Jost. Er liest die Ereignisse von 1918 weniger als grossen Kompromiss, sondern als Weichenstellung. «Hätten sich Arbeiter und Bauern zusammengeschlossen, wie es damals in nordischen Staaten wie Schweden geschah, wäre die Schweiz eine andere geworden.» Stattdessen sei der «Traum von einer sozialen Schweiz» vom Militär zerschlagen worden: «Und bis Forderungen wie die Gleichberechtigung der Frauen und die AHV umgesetzt wurden, dauerte es noch Jahrzehnte», sagt Jost.

Den alten, geeinten Bürgerblock gibt es spätestens seit dem Aufstieg der SVP zur grössten Partei nicht mehr. Doch in der Minderheit ist die Linke in der Schweiz immer geblieben. Auch daran wird das 100-Jahr-Jubiläum des Landesstreiks erinnern. Vielleicht trösten die Feierlichkeiten zumindest ein bisschen darüber hinweg.

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