«Ich habe das Leid der Prostituierten nicht bagatellisiert»

Er will aus dem Kirchenbund eine Bundeskirche machen. Doch nun gerät Gottfried Locher in Bedrängnis. Der höchste Reformierte der Schweiz erklärt sich im Interview.

«Die neue Kirche wird von unten nach oben gegliedert»: Gottfried Locher zur reformierten DNA seiner Kirche. Foto: Keystone

«Die neue Kirche wird von unten nach oben gegliedert»: Gottfried Locher zur reformierten DNA seiner Kirche. Foto: Keystone

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Sie wollen am Sonntag als Kirchenbundpräsident wiedergewählt werden. Sind Sie nervös?
Nein, aber müde – und ganz zufrieden. Die Verfassungsrevision ist bestens unterwegs. Nun stehen die Wahlen an. Ich bin froh, dass sich bald klärt, ob all die gute Arbeit, die wir im Team geleistet haben, so weitergeführt werden kann.

Kritische Medienberichte über Sie haben sich in letzter Zeit gehäuft. Ende Mai trat mit Rita Famos eine Gegenkandidatin auf. Was ist da los?
Über die Motivation, die dahintersteht, will ich nicht spekulieren. Lieber möchte ich aufzeigen, wofür ich stehe: für eine reformierte Kirche, die sich auf die Zukunft ausrichtet, die Menschen zusammenbringt und die in unserer Gesellschaft Orientierung geben kann.


Bilder: Papst Franziskus besucht die Schweiz


Pfarrerinnen wie Sibylle Forrer, bekannt aus dem «Wort zum Sonntag», kritisieren Sie heftig für einen Satz aus dem Jahr 2014: «Befriedigte Männer sind friedlichere Männer.»
Die Kritiker machen es sich zu einfach. Wer das ganze Kapitel liest, sieht eindeutig, dass ich das Elend der Prostitution klar benannt und das Leid der Prostituierten sicher nicht bagatellisiert habe. Es ist falsch, wenn man einzelne Sätze isoliert und entstellt. Und es ist wohl kein Zufall, dass das ausgerechnet vor dieser Wahl wieder versucht wird.

Aber viele Leute reagierten negativ.
Ich habe versucht, möglichst genau die Realität zu beschreiben, wie ich sie sehe. Es scheint mir wichtig zu sein, sich auch jenen Realitäten zu stellen, die hässlich sind. Da gelangt man zwangsläufig an Limiten, wo es schwierig wird.

Spüren Sie zu wenig, wie solche Aussagen bei Frauen ankommen?
Mitnichten. Allein meine Familie besteht mehrheitlich aus Frauen. Verschiedene andere haben explizit zugestimmt, auch eine prominente Kirchenpräsidentin. Die Vorstellung, dass es eine einzige «Frauenmeinung» gebe, ist ebenso falsch wie jene, dass es nur eine einzige Männersicht gibt. Wichtig ist doch der Diskurs.

Ist es ein Frauen-Männer-Problem? Frauen wollten den höchsten Reformierten stürzen, titelte die NZZ jüngst.
Nein. Die Stimmen, die sich öffentlich gemeldet haben, vertreten keineswegs alle Frauen. Meiner Meinung nach geht es vielmehr um die Frage, was im Mittelpunkt dieser Kirche stehen soll. Und da kann ich nur sagen, was das für mich ist.

Und das wäre?
Es ist die Besinnung auf das Evangelium, und zwar so, dass es bleibt, was es für uns aufgeklärte Menschen ist: eine Provokation. Die Kirche muss sich der Zeit anpassen und sich so geben, dass sie verstanden wird. Aber bei ihrem Kern, bei dem, was die Kirche zur Kirche macht, kann sie keine Abstriche machen. Der Kern ist der christliche Glaube. Und dazu gehören Dinge, die mit der Vernunft nicht erfassbar sind. Zum Beispiel die Auferstehung. Zum Beispiel das ewige Leben. Und ganz sicher: Gott.

Schon vor zehn Jahren hiess es, Sie wollten den Reformierten einen Bischof verpassen. In der neuen Verfassung gibt es nun diese geistliche Leitung.
Eine geistliche Leitung, wie sie mir vorschwebt, hat nichts mit der Macht eines römisch-katholischen Bischofs zu tun.

«Wichtig ist, dass 26 Kirchen beschlossen haben, miteinander eine Kirche zu werden.»

Inwiefern nicht?
Echte geistliche Leitung konzentriert keine Macht auf sich. Mir geht es nicht um Zentralismus und Hierarchie. Wer geistlich leitet, sollte wenig entscheiden dürfen, sonst ist er oder sie nicht mehr glaubwürdig. Geistliche Leitung soll ermutigen, ermahnen und ermöglichen. Nicht befehlen oder herrschen.

Zentral an der neuen Verfassung ist, dass eine evangelisch-reformierte Kirche Schweiz entsteht. Was genau wird anders sein als heute?
Wichtig ist, dass 26 Kirchen beschlossen haben, miteinander eine Kirche zu werden. Ebenso wichtig: Die Kirche funktioniert von unten nach oben, von der Gemeinde bis zur Schweizer Synode, gutschweizerisch und gutreformiert.


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Eine Herausforderung für die Polizei: Papst Franziskus wird am 21. Juni in der Genfer Palexpo vor rund 40'000 Gläubigen eine Messe zelebrieren. (Video: Tamedia/SDA)


Verstehen Sie die Angst jener, die befürchten, es könnte alles zu zentralistisch und hierarchisch werden, und das sei nicht mehr mit der reformierten DNA vereinbar?
Diese Angst ist gesund, Eigenverantwortung ist typisch reformiert. Darum wird auch die neue Kirche strikt subsidiär gegliedert, von unten nach oben. Das ist reformierte DNA.

Die Reformierten seien in einer abgrundtiefen Krise, sagten Sie einmal. Wie kann eine schweizerische Kirche dieser Krise besser begegnen als der bisherige Kirchenbund?
Gemeinsam können wir die Synergien besser nutzen. Der Austausch zwischen den Kantonalkirchen wird besser. Alle können ihre Stärken einbringen und von den Erfahrungen der andern profitieren. Zusammen können wir Neues entwickeln, von der Flüchtlingsbetreuung bis hin zu kirchlichen Ausbildungen. So ist eine moderne Kirche aufzustellen.

Passiert das denn nicht schon jetzt?
Unsere Kirchen sagen klar, sie möchten mehr. Sie möchten, dass das Gemeinsame spürbarer wird, auf allen Ebenen.

Abgesehen von den Strukturen: Um welche Inhalte soll es in der reformierten Kirche künftig gehen?
Es reicht nicht, eine moderne Struktur zu haben. Wir müssen eine Sprache finden, die in der modernen Zeit verstanden wird. Bald haben wir eine neue Verfassung, und die wollen wir mit Leben füllen. Wir wollen eine Kirche, in der sich viele Menschen zu Hause fühlen können und die auch für die Distanzierten attraktiv wird. Wir wollen nicht tatenlos zuschauen, wie jedes Jahr Tausende der Kirche den Rücken kehren. Wir möchten, dass unsere Wertegemeinschaft wieder wächst.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.06.2018, 22:53 Uhr

Gottfried Locher

SEK-Präsident

Der 52-jährige Gottfried Locher ist seit 2011 Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK), des Zusammenschlusses aller evangelisch-reformierten Kirchen der Schweiz. Damit ist der promovierte Theologe gewissermassen der höchste Protestant im Land. Locher war Pfarrer der Schweizer Kirche in London, später Synodalrat im Kanton Bern. Er ist verheiratet und Vater dreier Kinder. Er wohnt in Bern.

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Neue Verfassung, neue Kirche

Bisher sind die reformierten Kirchen der Schweiz im Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund (SEK) lose zusammengefasst. Die Abgeordnetenversammlung ist das Parlament des SEK; sie besteht aus 70 stimmberechtigten Vertretern der Mitgliedskirchen. Das Exekutivorgan des SEK ist der siebenköpfige Rat. Präsidiert wird er seit 2011 von Gottfried Locher. Mit der Verfassungsänderung, die ab diesem Sonntag in Schaffhausen beraten wird, sollen die Mitgliedskirchen neu zu einer evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) zusammengefasst werden.

Das oberste Organ ist das Kirchenparlament (Synode). Der siebenköpfige Rat bildet die Exekutive. Neu vorgesehen ist das Amt einer Präsidentin oder eines Präsidenten der EKS. Diese Person repräsentiert die Kirche in der Öffentlichkeit und ist – zusammen mit dem Rat und der Synode – um die geistliche Leitung der Kirche besorgt. Sie hat eine Doppelfunktion inne: Sie ist gleichzeitig Mitglied des Rates und führt dessen Vorsitz. In Kraft treten würde die neue Verfassung bereits Anfang 2019. (db)

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