«Die Frau ist keine Petrischale»

Die Theologin und Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle sagt, die Gesetzesvorlage zur Präimplantationsdiagnostik (PID) erlaube die Selektion menschlichen Lebens. Die Frage sei zudem, was überhaupt als Krankheit oder als Behinderung qualifiziert werde.

«Die PID ermöglicht eine neue Form von Wunschkind»: Ruth Baumann-Hölzle. Foto: Christoph Kaminski

«Die PID ermöglicht eine neue Form von Wunschkind»: Ruth Baumann-Hölzle. Foto: Christoph Kaminski

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Während der Schwangerschaft sind genetische Tests am Embryo heute erlaubt. Warum finden Sie es ethisch bedenklicher, aufgrund eines Gendefektes fünf Tage alte Embryonen zu verwerfen als einen elfwöchigen Embryo im Mutterleib?
Es handelt sich um zwei unterschiedliche Situationen. Während der Schwangerschaft steht der Frau ein Abwehrrecht zu: Sie kann entscheiden, ob sie das Kind austragen will. Der Schwangerschaftsabbruch wird rechtlich mit der Notlage der Frau begründet, auch bei der Pränataldiagnostik, und nicht mit der Lebensqualität des Kindes. Bei der Präimplantationsdiagnostik (PID) steht hingegen eine Palette von Embryonen ausserhalb des Körpers zur Auswahl. Es ist deshalb etwas anderes, ob sich eine Frau einer Schwangerschaft verweigert oder ob sie eine bestimmte Qualität des Nachwuchses einfordert. Die PID begründet ein Anspruchsrecht auf ein gesundes Kind, und es fehlt die leibliche Bezogenheit, wie es sie bei der Schwangerschaft gibt. Die Frau ist eben keine Petrischale, in der befruchtete Eizellen zu Embryonen heranwachsen.

90 Prozent der Eltern, die während der Schwangerschaft die Diagnose Trisomie 21 erhalten, entscheiden sich für eine Abtreibung. Ist dies nicht Ausdruck davon, dass Eltern bereits heute den Anspruch stellen, ein gesundes Kind zu bekommen?
Nur weil die Mehrheit etwas bereits macht, heisst das noch nicht, dass es moralisch vertretbar ist. Die Frage ist zudem, was überhaupt als Krankheit oder als Behinderung qualifiziert wird. Im Computerzeitalter ist es kein Problem mehr, nach ein paar Hundert genetischen Abweichungen zu suchen. Wonach suchen Mediziner und Paare mit der PID, und mit welcher Legitimation tun sie das?

Nach dieser Vielzahl von Eigenschaften kann auch bei den Pränataltests gesucht werden. Im Gegensatz zur PID gab es zu den Pränataltests keinen Gesetzgebungsprozess, in dem diskutiert wurde, welche Untersuchungen während der Schwangerschaft erlaubt sind.
Die Debatte über Pränataltests wird leider nur in Fachkreisen geführt und nicht in der breiten Öffentlichkeit. Aber wir müssen über die Pränataldiagnostik vertieft diskutieren, weil nach immer mehr genetischen Eigenschaften gesucht werden kann. Ist es zum Beispiel legitim, eine Schwangerschaft abzubrechen, weil der Embryo ein genetisches Risiko für Brustkrebs oder für Parkinson trägt?

Ausgangspunkt für die PID-Vorlage war, dass man es Eltern mit genetischer Vorbelastung für eine schwere, unheilbare Erbkrankheit ermöglichen will, die Embryonen zu testen. Ist das für Sie vertretbar?
In einer solchen Situation kann die PID moralisch vertretbar sein. Bei diesen Eltern handelt es sich um eine klar einzugrenzende Gruppe. Wenn aber beispielsweise gehörlose Eltern den Anspruch erheben, ein gehörloses Kind zu erhalten, ist das aus ethischen Gründen abzulehnen. Mit diesem Beispiel will ich aufzeigen, nach wie vielen Eigenschaften heute bereits gesucht werden kann.

Aber das ist in der Schweiz ausgeschlossen. Die Gesetzesvorlage erlaubt die PID nur, um schwere, nicht therapierbare Krankheiten und Chromosomenanomalien zu vermeiden.
Die Kernfrage ist, nach welchen Kriterien die Embryonen künftig selektioniert werden. Das Parlament hat die Anwendung der PID für alle Paare erlaubt, die sich einer In-vitro-Fertilisation (IVF)unterziehen. Damit wird nach weit mehr Eigenschaften gesucht als nur nach schweren Erbkrankheiten. In der ursprünglichen Fassung des Bundesrates stand, PID sei erlaubt, damit keine schwere unheilbare Krankheit auf das Kind vererbt werde. Das Parlament hat unheilbar gestrichen, was die Ausweitung des Selektionsgedankens zeigt. Es muss sich nun nur noch um eine «schwere» Krankheit handeln. Das könnte auch eine bestimmte Form von Brustkrebs sein. Und bei den Chromosomenanomalien handelt es sich um ein breites Spektrum von Abweichungen, mit denen Menschen auch ein sehr gutes Leben führen können – etwa mit dem Turner-Syndrom.

Behindertenorganisationen stellen einen grossen Teil der Gegnerschaft. Bewirkt die PID eine Diskriminierung von Menschen mit einer Behinderung?
Es wird zumindest ein starkes negatives Zeichen ausgesandt. In einer Gesellschaft, in der die Selektion so breit angewendet wird, ist es schwierig, die Solidarität mit behinderten Menschen zu erhalten – vor allem, wenn diese zunehmend als vermeidbar wahrgenommen werden.

Es leben heute mehr Menschen mit Downsyndrom in unserer Gesellschaft als vor einigen Jahrzehnten. Zeigt das nicht, dass behinderte Menschen von der Gesellschaft akzeptiert werden?
Der Grund für diese Zunahme liegt im Umstand, dass heute viel mehr Frauen über 35 schwanger werden, mit einer erhöhten Rate an Kindern mit Downsyndrom. Doch an der Abbruchquote hat sich nichts geändert. Man weiss, dass über 90 Prozent der Schwangerschaften abgebrochen werden, wenn Trisomie 21 festgestellt wird.

In der Schweiz können Paare, die auf natürlichem Weg schwanger werden, IVF und damit auch die PID nicht beanspruchen. Es handelt sich also um eine kleine Minderheit.
Es ist eine Frage der Definition, wann eine Unfruchtbarkeit vorliegt. Die Ärzte können die Zeit, während der ein Paar vergeblich versucht haben muss, eine Schwangerschaft herbeizuführen, auch verkürzen. Und um zum Wunschkind zu gelangen, nehmen die Leute viel in Kauf. Die PID ermöglicht eine neue Form von Wunschkind. Wir drücken mit der Auswahl von Embryonen künftigen Generationen unser Werteprofil einer immer höheren Leistungsfähigkeit auf – sofern diese Selektion überhaupt funktioniert.

Aber es kann kein Designbaby erzeugt werden, bei dem die Augenfarbe oder der IQ ausgewählt wurde.
Wenn immer das Beispiel mit den blauen Augen angeführt wird, banalisieren wir die Debatte. Wir können heute schon sehr viel mehr genetische Untersuchungen vornehmen, als der Öffentlichkeit bewusst ist. Das Gesetz wird diesen neuen, immensen Herausforderungen nicht gerecht. Auch fehlt die offene Aufklärung über Chancen und Risiken der IVF. Kardiologen stellen bei durch IVF gezeugten Kindern ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko und ein erhöhtes Diabetesrisiko fest. Wer trägt die Verantwortung für diese Schädigungen? Ich finde es sehr bedenklich, dass diese Risiken von den Fortpflanzungsmedizinern kaum thematisiert werden. Die Öffentlichkeit muss ja die Folgen von Gefässkrankheiten finanzieren. Lange Zeit meinte man, dass jener Embryo der gesündeste sei, der sich am besten im Reagenzglas entwickelt. Dabei konnte sich dieser einfach am besten der Nährlösung anpassen, was zu grösseren Schädigungen beim geborenen Kind führt.

Dann müssten wir viel eher über Risiken und Nebenwirkungen der Befruchtung im Reagenzglas diskutieren statt über die PID?
Über beides, über die Fortpflanzungsmedizin als solche. Mit dem neuen Gesetz gibt es auch weitere offene Fragen – etwa ob Samen von verstorbenen Spendern nun doch verwendet werden dürfen oder was mit den genetischen Informationen passiert, die bei der PID gewonnen werden. Müssen diese Daten gegenüber den Versicherern offengelegt werden? Das geltende Gesetz über genetische Untersuchungen am Menschen sieht vor, dass genetische Informationen gegenüber Privatversicherungen offengelegt werden müssen. Heisst das nun, dass man für ein Kind keine Zusatzversicherung mehr abschliessen kann, wenn es Krankheitsrisiken trägt?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.05.2016, 22:43 Uhr

Ruth Baumann-Hölzle: Theologin und Ethikerin

Ruth Baumann-Hölzle ist Leiterin des Instituts Dialog Ethik, das sich mit Fragen nach dem bestmöglichen Handeln im Gesundheits- und Sozialwesen beschäftigt. Bau­mann-Hölzle ist Theologin und war von 2001 bis 2013 Mitglied der Nationalen Ethikkommission im Bereich Humanmedizin. (br)

Krankenkasse: Wegen PID keine Versicherung?

Ruth Baumann-Hölzle befürchtet Nachteile für PID-Kinder. Zwei Experten widersprechen.

«Wer definiert, was eine schwere Krankheit und was eine wirksame Therapie ist?», fragt Ruth Baumann-Hölzle. Aus ihrer Sicht lassen die gesetzlichen Regeln zur Präimplantationsdiagnostik (PID) vieles offen. Das Gesetz erlaubt die PID, wenn im Erbgut der Embryonen die Anlage für eine «schwere Krankheit» gesucht wird, für die «keine wirksame und zweckmässige Therapie» zur Verfügung steht und die wahrscheinlich vor dem 50. Lebensjahr ausbricht.

Unter diese Definition kann nach Ansicht Baumanns auch schon Brustkrebs oder Parkinson fallen. Die Ethikerin glaubt deshalb, dass die Ärzte die Embryonen mit PID auf Hunderte von Eigenschaften prüfen werden. Die Eltern brächten somit ein Kind zur Welt, von dem bereits genetische Veranlagungen für bestimmte Krankheiten bekannt seien. Dies sei für das Kind ein enormer Nachteil, warnt Baumann-Hölzle. Sie verweist auf das Gesetz über genetische Untersuchungen beim Menschen. Dieses sieht vor, dass beim Abschluss von privaten Krankenversicherungen und Lebensversicherungen ab 400 000 Franken bereits bekannte genetische Informationen offengelegt werden müssen, wenn die Versicherungen dies verlangen. Damit bestehe die Gefahr, dass das Kind keine Zusatzversicherung oder im Erwachsenenalter keine Lebensversicherung erhalte, sagt Baumann.

Grundsätzlich sei ein solcher Fall möglich, sagt Matthias Bürgin vom Bundesamt für Gesundheit. Dazu müsste sich jedoch ein Paar dafür entscheiden, ein Embryo einzupflanzen, obschon mit PID eine genetische Veranlagung für eine schwere Krankheit festgestellt worden sei. Dieses Szenario hält Bruno Imthurn, Fortpflanzungsmediziner am Universitätsspital Zürich, für unwahrscheinlich: «Es ist kaum vorstellbar, dass ein Paar die belastende und sehr teure – von den Kassen nicht bezahlte – PID auf sich nehmen würde, wenn es beabsichtigte, einen von der Krankheit betroffenen Embryo übertragen zu lassen.»

«Nur gezielte Suche erlaubt»

Dass mit der PID nach Hunderten von genetischen Eigenschaften gesucht werde, halten Bürgin und Imthurn für ausgeschlossen. Der Einsatz der PID zur Suche nach genetischen Eigenschaften, die keine schwere Krankheit auslösten, sei verboten, sagt Bürgin. Mit PID dürfe beispielsweise nicht nach einer genetischen Veranlagung für Depressionen gesucht werden. Imthurn vom Universitätsspital Zürich weist die Darstellung von Baumann-Hölzle zurück. «Bei der PID kann man nicht wahllos nach irgendetwas suchen, sondern nur gezielt und vorbestimmt nach schweren Krankheiten», sagt Imthurn. Er verweist auf die gesetzlichen Definitionen. Zudem müsse das Paar schriftlich erklären, dass es die schwere Krankheit beim Kind für nicht zumutbar erachte.

Die Gefahr, dass ein Gentest bei einem Kind zu Einschränkungen beim Abschluss einer Versicherung führe, sei bei Pränataltests grösser als bei der PID, sagt Bürgin. Für diese Tests gelten laut Gesetz weniger einschränkende Regeln. Sie sind erlaubt, wenn nach Eigenschaften gesucht wird, die die Gesundheit des Kindes beeinträchtigen können. Auf Nachfrage erklären allerdings die drei grössten Schweizer Krankenversicherer CSS, Helsana und Groupe Mutuel, dass sie zum Abschluss von Zusatzversicherungen keine Gentestresultate von pränatalen Untersuchungen einfordern.


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