Bei Kandersteg schlummern Tausende Fliegerbomben im Berg

Felsstürze und Trümmerhagel? Die Bewohner reagieren ungläubig, als Guy Parmelin über die Gefahren der 3500 Tonnen Munition informiert.

«Unsere Experten rechnen im Explosionsfall mit einer Massenreaktion»: Guy Parmelin nimmt im betroffenen Dorf Mitholz Stellung vor den Medien.

«Unsere Experten rechnen im Explosionsfall mit einer Massenreaktion»: Guy Parmelin nimmt im betroffenen Dorf Mitholz Stellung vor den Medien. Bild: Keystone

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Wenn sich ein Bundesrat nach Mitholz verirrt, in diesen kleinen Weiler zwischen Frutigen und Kandersteg, ist das meist kein gutes Zeichen. Im Oktober 2011 etwa machte Doris Leuthard hier halt: Zuvor war die Kander zu einem Fluss angeschwollen und über die Ufer getreten. Ein Teil des Wassers donnerte durch einen Strassentunnel und traf am unteren Ende mit voller Wucht auf die kleinen Holzhäuser von Mitholz. Am Tunnelausgang lagen metergrosse Stücke von herausgespültem Strassenbelag übereinander, wie Apérohäppchen aus Blätterteig.

Gestern Morgen kündigt sich in Mitholz wieder ein Bundesrat an. Das Flugblatt steckt in den Briefkästen der rund 200 Dorfbewohner: eine dringende Einladung zu einer Informationsveranstaltung, noch gleichentags in der örtlichen Turnhalle. Der Grund: «neue Erkenntnisse zum örtlichen Munitionslager».

Mehr erfahren die Mitholzer nicht. Der Bundesrat hat höchste Geheimhaltung verordnet.

Video: Bundesrat nimmt Stellung

«Keine dringlichen Massnahmen für die Bevölkerung»: Guy Parmelin im Interview mit DerBund.ch/Newsnet. (28. Juni 2018) Video: Tamedia/Martin Bürki

Die Vorsicht ist nachvollziehbar. Flankiert vom Berner Regierungspräsidenten Christoph Neuhaus und dem hiesigen Gemeindepräsidenten, überbringt Verteidigungsminister Guy Parmelin den rund 50 anwesenden Mitholzern am Abend eine beunruhigende Botschaft: Im alten Munitionslager der Armee, das während des Zweiten Weltkriegs neben den Häusern von Mitholz in den Alpenfels gehauen wurde, befinden sich noch rund 3500 Tonnen Munition. Die Bomben und Geschosse könnten jederzeit in die Luft gehen, etwa durch Felsstürze oder Selbstzündungen. Der Bund hat die Gefahr für die Bevölkerung 70 Jahre lang massiv unterschätzt. Das hat eine neue Risikoanalyse ergeben. «Der Bundesrat will abklären, wie das Risiko reduziert werden kann», sagt Guy Parmelin. «Ich will das Problem lösen.»

Eine Karte zeigt die Todeszonen

Man muss sich den Mitholzer Munitionsberg bildlich vorstellen: 3500 Tonnen, das entspricht etwa der Fracht von 350 Eisenbahnwagen. Oder dem Gewicht von zehn Jumbojets. Alleine der Sprengstoff, der noch im Berg schlummert, soll mehrere Hundert Tonnen wiegen. Alarmiert sind die Experten nicht nur wegen der Menge, sondern auch wegen der Art der Munition: Tausende 50-Kilogramm-Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg dürften sich noch im Stollen befinden. Wo genau, ist unklar. Angenommen wird, dass die Grossmunition dicht nebeneinanderliegt. Deshalb sei im Explosionsfall «eine Massenreaktion anzunehmen», so die Experten.

Helfer durchsuchen am 20. Dezember 1947 ein von den Explosionen zerstörtes Haus. Foto: Walter Studer (Photopress, Keystone)

Will heissen: Zwar bannt der Berg gewisse Gefahren, indem er kleinere Detonationen absorbiert. Aber eine Gross­explosion könnte unabsehbare Ereignisse auslösen. Felsstürze oder Trümmerhagel. Druckwellen und Feuerbälle. Granaten und Bomben könnten aufs Dorf geschleudert werden.

In der Turnhalle von Mitholz bricht ein leises Getuschel aus. Grund ist die Karte, die auf der Turnhallenwand eingeblendet und vom Experten erläutert wird: Es ist eine Karte von Mitholz. Rote Linien ziehen sich durch das Dorf. «Sie sehen hier die Letalitäten», sagt der Experte. Eine Linie trägt den Wert 30. Das heisst: Bei einer bestimmten Explosion im Munitionslager wären 30 Prozent der Leute, die sich in diesem Perimeter befinden, tot. Eine Handvoll Häuser liegen in diesem Gebiet.

Bilder: Das ehemalige Munitionslager in Mitholz

Die Leute von Mitholz rutschen auf den Stühlen hin und her. Räuspern sich. Schauen sich um. Sind die Nachbarn auch hier? Wer wohnt in welcher Letalitätszone? Wer hat Glück? Wer nicht?

Paula Rauber hat sich ganz hinten im Saal hingesetzt. Sie ist eine feingliedrige Dame mit schüchternem Blick. Und sie ist eine der letzten Personen, die aus erster Hand erzählen können, warum diese 3500 Tonnen Munition überhaupt in diesem Berg stecken. Es ist das dunkelste Kapitel in der Geschichte von Mitholz. «Viele Leute reden nicht gerne dar­über», sagt Gemeindepräsident Roman Lanz. «Das Thema wird hier fast totgeschwiegen. Heute Abend wecken wir einen Bären.»

Das Thema? Am späten Abend des 19. Dezember 1947 explodiert das Munitionslager des Bundes in Mitholz, in dem zu jener Zeit rund 7000 Tonnen Patronen, Geschosse und Bomben lagern. Die Detonationen sind so gewaltig, dass Messgeräte im fernen Zürich ein Erdbeben registrieren. Stichflammen von über 100 Meter Höhe schiessen in den Himmel über Mitholz. Ein Felsblock von 35 Tonnen Gewicht wird 150 Meter durchs Tal geschleudert. Neun Bewohner von Mitholz sterben, Dutzende werden schwer verletzt. Es ist ein Inferno.

Das Feuer jener Nacht

Paula Rauber erwachte in jener Nacht um 23.30 Uhr und sah Feuer auf den Bahngeleisen. Brennende Stromleitungen. Am Himmel hat es geleuchtet und geblitzt. «Dann plötzlich gab es einen grossen Chlapf», erzählt sie. «Das war das Haus des Bahnhofvorstands. Der Vater und der Sohn sind gestorben. Nur die Frau überlebte, aber sehr schwer verletzt, sie war eingeklemmt.» Paula Rauber war damals mit ihrer Grossmutter und ihren drei Brüdern zu Hause, der jüngste erst gerade jährig. Sie drängte darauf, das Haus sofort zu verlassen. Doch die Grossmutter weigerte sich, bis irgendwann ein paar Retter erschienen. «Wir rannten auf der Hauptstrasse Richtung Kandergrund. Ich, die Grossmutter, meine drei Brüder. Irgendwann hat uns ein Armeejeep aufgeladen, der uns in Sicherheit brachte.»

Video: Erinnerungen an die Nacht der Explosion

«Ich bin in den Hosen meines Bruders davongerannt»: Auch Regina Trachsel erinnert sich an die folgenschwere Nacht. Video: SDA

Die Katastrophe hat einen Teil des Stollens verschüttet. Deshalb befindet sich jene Munition, welche die Armee in den Folgejahren nicht bergen und in den nahen Gewässern versenken konnte, immer noch hier. Eingeklemmt zwischen Felsen und begraben im Schutt­kegel vor dem Stollen. 70 Jahre lang war es ruhig. Nie gab es eine Explosion, nicht der geringste Zwischenfall ist bekannt. Und jetzt soll alles plötzlich anders sein? Todesgefahr in Mitholz?

In der Turnhalle sind die Referate inzwischen beendet. Die Besucher wissen jetzt, dass ihr Dorf nicht evakuiert wird, aber dass die Armee die von ihr noch genutzten Räume im alten Stollen sofort aufgibt. Sie haben auch erfahren, dass die Gefahr in Mitholz nicht gewachsen ist, aber die Risiken heute wegen wissenschaftlicher Erkenntnisse und einer höheren Sensibilität anders beurteilt werden. Und sie wurden informiert, dass der Bund eine Arbeitsgruppe eingesetzt, eine Informationsplattform im Internet aufgeschaltet und eine 24-Stunden-Telefon-Hotline zu Mitholz eingerichtet hat.

Karte vergrössern

Aber Fragen haben sie an diesem Abend nicht, die Mitholzer. Oder zumindest nicht solche, die ein Bundesrat oder ein Regierungspräsident beantworten könnte. Erst als die Veranstaltung beendet ist, kommt Leben in die Turnhalle.

Als die Ersten bereits den Heimweg antreten, steht Paula Rauber immer noch zwischen den Stühlen und sieht sich um. «Ich habe eigentlich nie Angst gehabt», sagt sie, trotz jenem Abend im Jahr 1947. Aber dass da noch so viel Munition im Berg drin sei, so viel!, nein, das habe sie nicht gewusst.

Ob sie besorgt ist? Ob ihr das Angst macht? «Ich weiss es gerade nicht», sagt Paula Rauber. «Ich weiss es einfach nicht.» Dann schweigt sie. Ihr Blick geht aus dem Fenster der Turnhalle. Geradewegs auf die Felswand, unter der die Bomben aus ihrer Kindheit liegen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.06.2018, 23:12 Uhr

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