«Die Behörden müssen wenn nötig hart durchgreifen»

Die Präsidentin der Fachstelle Zwangsheirat verlangt, dass die Justiz einschreitet, wenn Familien Heiratsunwillige in den Suizid treiben.

«Oft verzweifeln Mädchen, wenn sie merken, dass sie als minderwertige Menschen behandelt werden»: Anu Sivaganesan, Präsidentin der Fachstelle Zwangsheirat.

«Oft verzweifeln Mädchen, wenn sie merken, dass sie als minderwertige Menschen behandelt werden»: Anu Sivaganesan, Präsidentin der Fachstelle Zwangsheirat.

(Bild: PD)

Martin Stoll@freiedokumente

Sind von Zwangsheirat Betroffene besonders anfällig auf psychische Erkrankungen?
Studien gehen davon aus. Junge Migrantinnen sind mit extrem unterschiedlichen Welten und einer«Multi-Moral» konfrontiert. In der Schule werden sie mit Plüsch-Vaginas aufgeklärt, und es besteht ein gesellschaftlicher Druck, Sexualität zu erfahren. Zu Hause aber leben sie in einer Welt, in der Jungfräulichkeit das oberste Gebot ist. Die jungen Frauen ­leben in einer grossen Zerrissenheit. Das führt oft schon in jungen Jahren zu psychischen Störungen. Uns haben Fälle alarmiert, in denen sogar acht- oder zehnjährige Mädchen einen Suizidversuch begangen haben.

Wieso wird Suizid bei den betroffenen Frauen ein Thema?
Die Fremdkontrolle der weiblichen Sexualität führt oft zu Problemen. Eine Migrantin, die ihre Jungfräulichkeit verloren hat, steht in einem konservativen Kontext rasch am Abgrund. Sie sieht keinen Ausweg. Suizid ist für sie eine Exit-Strategie, auch um der Familie Schande zu ersparen. Dann gibt es junge Frauen, welche das Patriarchat nicht ertragen. Eine 22-jährige Frau leidet unter dem Diktat des 14-jährigen Bruders. Sie wird depressiv, weil sie von ihm körperliche Strafen erdulden muss. Oft verzweifeln Mädchen, wenn sie merken, dass sie als minderwertige Menschen behandelt werden und keine Chance haben, ihren eigenen Lebensplan zu verwirklichen, so wie dies ihre Kolleginnen tun können.

Sie berichten, dass Heiratsunwillige in den Suizid getrieben werden. Kommt das oft vor?
Leider nehmen solche Meldungen zu. Die Täterschaft versucht, so einer Strafverfolgung zu entgehen, welcher sie bei einem Ehrenmord ausgesetzt wären. Hier müssen die Behörden unbedingt sensibilisieren, hinschauen und wenn nötig hart durchgreifen. Denn laut dem geltenden Strafrecht ist auch die Verleitung zum Suizid strafbar.

«Frauen, die genügend stark sind, wollen die ihnen zustehende Freiheit.»

Gibt es Ethnien, die vom Thema stärker betroffen sind?
Es gibt Kulturen, in denen im Streit harte Worte rasch über die Lippen gehen: «Warum lebst du noch, du bist eine Schande für unsere Familie», heisst es dann rasch mal auch von einer Mutter, vor allem in kurdischen, tamilischen, albanischen und afghanischen Familien.

Was raten Sie Betroffenen?
Wir versuchen, ihnen klar zu machen, dass sie nicht von der Familie abhängig sind, dass sie selbst wertvolle Ressourcen besitzen. Mit ihren Perspektiven und ihrer Bildung haben sie mehr Möglichkeiten als ihre Eltern. Frauen, die genügend stark sind, wollen die ihnen zustehende Freiheit. Die Fachstelle Zwangsheirat unterstützt sie dabei.

DerBund.ch/Newsnet

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