Die Bauern sind grüner als ihr Verband

Eine Mehrheit der Schweizer Landwirte begrüsst die neue, ökologischer ausgerichtete Agrarpolitik des Bundes. Das zeigt eine Umfrage.

Die Bauern zeigen sich offen für ökologische Reformen – Tierbestände abbauen wollen sie aber nicht. Foto: Peter Schneider (Keystone)

Die Bauern zeigen sich offen für ökologische Reformen – Tierbestände abbauen wollen sie aber nicht. Foto: Peter Schneider (Keystone)

Felix Maise@tagesanzeiger

Die Schweizer Landwirtschaft soll ökologischer werden, so das Ziel der vom Bund formulierten neuen Agrarpolitik für die Jahre 2014 bis 2017. Die Direktzahlungen, die mit jährlich rund 2,8 Milliarden Franken den grössten Teil der staatlichen Unterstützung für die Landwirtschaft ausmachen, wurden grund­legend überarbeitet. Wer auf Umwelt und Landschaft Rücksicht nimmt, soll zum Beispiel mehr profitieren, als wer möglichst viele Tiere in Intensivhaltung hält. Neu wird so eine sogenannte multifunktionale Landwirtschaft stärker gefördert, die nicht nur Lebensmittel produziert, sondern auch Landschaften pflegt, die Biodiversität erhält, Arbeitsstellen schafft und zur Belebung ländlicher Gegenden beiträgt.

Der Schweizer Bauernverband hat an diesem Kurswechsel wenig Freude, und auch die meisten Bauernvertreter im Parlament werden nicht müde, die Ablehnung der neuen Agrarpolitik durch die Landwirte zu beklagen.

Offener als vor zehn Jahren

Eine von der Fachzeitschrift «Schweizer Agrarforschung» gestern publizierte Umfrage zeigt jetzt, dass die Landwirte den neuen Zielen gegenüber offener sind als ihr Dachverband – und offener, als dies der Verband darstellt. Im März 2014 waren 1000 Fragebogen an Bauern in den Kantonen Aargau, Graubünden, Solothurn und Zürich verschickt worden. Die eingegangenen Antworten zeigen, dass die Bauern zwar grundsätzlich gegenüber allen ihnen auferlegten Reformen in der Agrarpolitik skeptisch sind. Aber insgesamt wird die Ausrichtung der Landwirtschaft auf ökologischere Produktionsformen heute von mehr Bauern begrüsst als noch bei der letzten repräsentativen Befragung vor zehn Jahren.

Landwirte aus der Bergzone beurteilen die Neuorientierung dabei positiver als ihre Berufskollegen im Tal. Gemäss der Umfrage sind die Landwirte heute mehrheitlich der Meinung, dass ökologische Massnahmen Natur und Landschaft tatsächlich aufwerten und auch dem Image der Landwirtschaft zugutekommen. Besonders stark war die Zustimmung gegenüber der Aussage, dass landwirtschaftliche Produktion und Naturschutz auf dem Betrieb gut miteinander vereinbar seien.

Anpassungswille unterschätzt

Die Umfrage der Zeitschrift für Agrarforschung untersuchte auch die Einstellung von Landwirtschaftsexperten aus Forschung, Verwaltung, landwirtschaftlichen Schulen, NGOs und Verbänden, Wirtschaft und Politik zur neuen Agrarpolitik. Dabei zeigt sich, dass diese die Reaktion der Landwirte auf den neuen Kurs pessimistischer einschätzen, als sie tatsächlich ausfällt. «Die Fachleute unterschätzen den Anpassungswillen und die Offenheit der Landwirte», schreiben die Studienautoren.

Differenzen gibt es auch bei der Einschätzung der Wirkung der neuen Agrarpolitik: Während die Experten ­unter anderem glauben, dass die Bauern aufgrund der Reformen künftig wie ­erhofft weniger Tiere halten werden, ­sagen die Bauern selber, dass sie ihre Tierbestände nicht abbauen wollen.

Grundsätzlich sind die Bauern umso zufriedener mit der neuen Agrarpolitik, je besser sie sich darüber informiert und je weniger stark sie sich selber von den Änderungen durch die neue Politik betroffen fühlen. Die Akzeptanz der Bauern für ökologische Reformen hänge im Übrigen nicht nur von monetären Anreizen, sondern wesentlich auch vom positiven Feedback der Öffentlichkeit auf die geleisteten Ökoleistungen ab, sagen die Autoren: Wer zum Geld zusätzlich Lob bekommt, ist offener für Neuerungen.

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