Die Aussteuerung ist unwürdig

Wer 30 Jahre gearbeitet hat, darf nicht gleichgestellt werden mit jemandem, der nie erwerbstätig war.

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Über 55-Jährige sind in der Schweiz nicht häufiger arbeitslos als Jüngere. Das spricht für das Verantwortungsbewusstsein vieler Arbeitgeber, die ihre älteren Mitarbeitenden zu schätzen wissen. Wenn diese aber ihren Job verlieren, haben sie schlechte Karten auf dem Arbeitsmarkt. Die Arbeitgeber begründen dies mit den hohen Lohnkosten, insbesondere den Pensionskassenbeiträgen.

Das ist nur die halbe Wahrheit. Allen Beteuerungen zum Trotz sind wenige bereit, Leute einzustellen, die das Jobprofil nicht ganz erfüllen. Wer mit 55 die Arbeit verliert, hat einen harten Weg vor sich, obwohl die Arbeitgeber nicht müde werden zu behaupten, die Älteren seien wegen der demografischen Entwicklung gefragt. Mehr als die Hälfte der über 55-Jährigen braucht länger als ein Jahr, um wieder Arbeit zu finden. Für sie ist diese Erfahrung traumatisch, weil sie sich mit jeder Absage dem sozialen Absturz nähern. Wer nach zwei Jahren Bezug von Arbeitslosengeld keinen Job hat, wird ausgesteuert. Über Jahrzehnte erspartes Vermögen, mit dem sich jemand den schönen Lebensabend sichern wollte, wird innert weniger Jahre für den Lebensunterhalt verbraucht. Wohneigentum muss verkauft werden, womöglich im Tausch gegen eine teure Mietwohnung. Diese bitteren Erfahrungen machen jedes Jahr Tausende.

Berechtigte Forderung

Die Forderung der Sozialhilfekonferenz, über 55-Jährige nicht mehr auszusteuern, sondern auf dem Niveau der Ergänzungsleistungen (EL) weiterzuversichern, ist berechtigt und vernünftig. Denn auch die Absicherung auf EL-Niveau zwingt zu erheblichen Einschränkungen. Deshalb bliebe so der Anreiz, weiter eine Stelle zu suchen. Gleichzeitig wären die Betroffenen, anders als heute, bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) weiterhin angemeldet. Die RAV ihrerseits müssten endlich gezwungen werden, ältere Arbeitslose spezifisch zu betreuen, statt nur zu verwalten.

Finden diese trotzdem keine Stelle, soll ihnen der Absturz aufs absolute Minimum der Sozialhilfe erspart bleiben. Wer 30 Jahre gearbeitet hat, darf nicht gleichgestellt werden mit jemandem, der nie erwerbstätig war oder bessere Chancen auf einen Job hat.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.02.2018, 22:17 Uhr

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