Das grosse Weibeln für Sion 2026

In der Schweiz warten grosse Hindernisse auf die Olympiakandidatur. In Pyeongchang kommen die Schweizer Pläne hingegen bestens an.

Winken für Sion 2026: Auch Bundesrat Alain Berset (links vom Maskottchen; rechts: Nicolas Bideau) hilft mit. Foto: PD

Winken für Sion 2026: Auch Bundesrat Alain Berset (links vom Maskottchen; rechts: Nicolas Bideau) hilft mit. Foto: PD

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SP-Ständerat Hans Stöckli schreitet in Pyeongchang auf SVP-Nationalrat Jürg Stahl zu und streckt ihm die Hand hin, doch Stahl macht die Faust. «Wegen des Norovirus», sagt er. Also faustet Stöckli ihm zu. «Fist Bump» heisst das, ein Sportlergruss. Stöckli, der Vizepräsident von Sion 2026, grüsst seinen Präsidenten, Stahl. Dieser trinkt Rivella aus der Dose, trägt Skihose und Skijacke, er sieht aus wie ein Skifahrer in den Flumserbergen. Stöckli hat eine Zipfelmütze auf dem Kopf und eine Krawatte um den Hals.

Plötzlich wird es laut, Fürst Albert von Monaco ist im Anmarsch, gekleidet in Rollkragenpullover und Falzhosen, ein IOK-Mitglied mit Einfluss. Stahl wird nervös, grummelt: «Was mache ich jetzt mit der Dose?» Er begrüsst den Fürsten mit der rechten Hand, in der linken die Rivella-Dose. Kein Sportlergruss diesmal, Händeschütteln. Dann folgt Stöckli: «Bonjour. Je suis le vice-président.»

Die Schweizer Olympiadelegation ist nach Südkorea gereist, um in der olympischen Welt erste Fussabdrücke zu hinterlassen. Der Winterthurer Stahl ist da, der Bieler Stöckli, aber auch Regierungsrat Frédéric Favre (FDP) aus dem Wallis. Sie besuchen Wettkämpfe, treffen IOK-Mitglieder, erkunden das House of Switzerland. Sie wollen im Ausland für Sion 2026 weibeln, obwohl sie wissen, dass zu Hause die grösste Baustelle liegt. Eine repräsentative Tamedia-Umfrage zeigt: Das Projekt hat es schwer, bis auf die unter 35-Jährigen lehnen es alle Altersschichten ab. Niemand will ausserdem, dass der Bund eine Milliarde Franken an das Projekt zahlt.

Eine Schweiz wie im Prospekt

Fürst Albert, Stahl und Stöckli betreten beim House of Switzerland ein Chalet – das temporäre Heim der Olympiakan­didatur. 20 Quadratmeter gross, mehr Werbefläche hat das IOK nicht erlaubt. Es ist eng, Kameraleute stürmen herein, «Glanz & Gloria» ist da, auch die «Schweizer Illustrierte». Drin schauen die drei Herren den Schweizer Bewerbungsfilm, es gibt Petite Arvine, Bündnerfleisch und Silberzwiebeln. Stöckli stellt dem Fürsten die Kandidatur vor: «sehr bescheiden», «konform mit den neuen Regeln des IOK». Er meint: kein Gigantismus. Klein, aber fein.

Albert lächelt verlegen, als fühle er sich etwas unwohl mit diesen hemdsärmeligen Männern aus den Bergen. Einmal im Jahr richtet Albert eine internationale Spendengala aus, Stöckli und Stahl organisieren eidgenössische Turnfeste. Vor dem Chalet spielen zwei Alphornbläser, es schwingt ein Fahnenschwinger, Käsegeruch liegt in der Luft. Eine Schweiz wie im Ferienprospekt.

100’000 Menschen sollen während der Spiele hierhin kommen. Nicolas Bideau von Präsenz Schweiz ist hier der Chef, seit kurzem sitzt er auch im Vorstand von Sion 2026. Der Romand ist ein Mann der grossen Worte, er spricht von einer einzigartigen Plattform, um die Kampagne international zu lancieren: «Die Welt sieht eine der stärksten Kandidaturen in der Geschichte.»

Hans Stöckli war 20 Jahre lang Stadtpräsident von Biel. Seit 2011 sitzt er für den Kanton Bern im Ständerat. Stöckli ist Vizepräsident von Sion 2026. Foto: Peter Schneider (Keystone)

Im 20-Quadratmeter-Chalet stehen nun ein Fürst und ein Ständerat. Der ehemalige olympische Bobfahrer Albert sei ungemein wichtig, sagt der ehemalige Vierte-Liga-Handballer Stöckli. Der Monegasse ist Präsident des IOK-Nachhaltigkeitskomitees. Nachhaltige Spiele stehen neuerdings beim IOK ganz oben auf der Prioritätenliste. Damit wollen Stöckli und seine Kollegen punkten.

Der SP-Politiker ist in die Olympiasache hineingerutscht. Als ehemaliger Stadtpräsident von Biel hat er auf Wunsch von Swiss-Olympic-Chef Stahl das Eidgenössische Turnfest in Biel 2013 organisiert, ein Teil des Gewinns landete im Olympiaprojekt. Irgendwann packte auch Stöckli der olympische Geist. Nun gehört er mit Jürg Stahl zu den treibenden Kräften. «Ein Powerduo», sagt er. Stöckli hat Erfahrung mit unmöglichen Missionen, bereits die Expo.02 hat er aus einer misslichen Lage befreit.

Das Powerduo hat in Südkorea viel zu tun. Gespräch reiht sich an Gespräch. Sie sind auch zu einer IOK-Sitzung eingeladen. Thema: Nachhaltigkeit. 25 Leute sitzen im Raum, unter ihnen sind auch die Konkurrenten aus Calgary, Stockholm und Sapporo. Die Stockholmer Kandidatur lässt sich mit der Schweizer vergleichen: Klein und fein will sie sein. Calgary und Sapporo wollen die Infrastruktur von ihren Spielen 1988 und 1972 modernisieren. Alle haben aber das gleiche Problem: das Geld. Die öffentliche Hand will nicht zahlen.

Stöckli fragt in die Runde, wie ernst es dem IOK mit der Agenda 2020 und ihren Nachhaltigkeitszielen sei. Was er in Südkorea sieht, gefällt ihm nicht sonderlich. Das Vermächtnis von Pyeongchang wird Beton sein. Das Olympiastadion wird viermal gebraucht – und dann abgerissen. Kosten: 70 Millionen Euro. Was mit der Skisprungschanze geschieht? Unklar. Und mit der Bobbahn? Ungewiss. Ähnlich die Spiele in Peking in vier Jahren: Eine Nation will der Welt zeigen, wie toll sie Häuser bauen kann. «Unser Vermächtnis wird anders», sagt Stöckli. «Klug, nachhaltig, bezahlbar, authentisch», steht auf dem Werbeblättchen. Es wird viel bestehende Infrastruktur genutzt, auch in den benachbarten Kantonen Bern oder Freiburg.

Eingeladen von Fürst Albert

Stöckli und Stahl haben sich vorbereitet. Das Sion-Sekretariat hat den Aussendienstlern eine Mappe mit Infos zu den IOK-Mitgliedern mitgegeben. Foto, Alter, Hobbys, olympische Vorlieben, alles drauf. Doch die Schweizer müssen vorsichtig sein, das IOK hat Regeln aufgestellt: Gespräche ja, Lobbying nein. Es ist verboten, IOK-Mitglieder ins Chalet einzuladen, die Funktionäre müssen selbst anfragen. Fürst Albert hat das gemacht. Sein Besuch gibt den Schweizern Aufmerksamkeit. Der Fürst hat die Schweizer nach den Spielen eingeladen, ihm ihre Ideen zu präsentieren.

Mit ihrem Nachhaltigkeitskonzept gewinnen Stahl und Stöckli vielleicht IOK-Stimmen – Sion 2026 hat laut IOK-Insidern sehr gute Chancen auf eine Wahl –, zu Hause aber schlägt ihnen Ablehnung entgegen. Mit Olympia würde ein gesellschaftliches Übel in die Schweiz kommen, heisst es. Ein dopingverseuchter und skandalumwitterter Verband. Ein Verband auch, an dessen Kopf eine Marionette Russlands sitze. So lautet die Meinung der Olympiagegner.

Jürg Stahl ist seit 1999 SVP-Nationalrat für den Kanton Zürich. Letztes Jahr leitete er den Nationalrat als Präsident. Stahl ist Präsident von Sion 2026. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

In Pyeongchang will Stöckli Gegen­argumente sammeln. An der Eröffnungsfeier zittert er vor Kälte und Stolz: «Wir waren eine der grössten Delegationen, unsere Sportler tragen unser Land in die Welt hinaus. Nun wollen wir die Welt in die Schweiz einladen.» Dann räuspert sich Stöckli und sagt mit leiser Stimme: «Es braucht noch viel Überzeugungsarbeit, gerade gegenüber meinen Genossinnen und Genossen.»

Stöckli vergleicht die Kandidatur mit einem Hirsch, der vor Jägern fliehen muss. Um in seinem Bild zu bleiben: Die Flinten lauern momentan überall. In drei Kantonen könnte es Abstimmungen geben, die wichtigste findet im Wallis am 10. Juni statt. Auch das nationale Parlament hält den Lauf drauf, am 12. Dezember käme es zur Abstimmung wegen der Bundesbeteiligung von einer Milliarde Franken. Die Opposition ist gross, von links wie von rechts.

Noch ärger würde es, wenn das Parlament eine Volksabstimmung beschliesst. Das verlangt eine Motion von Stöcklis SP-Parteikollegin Silva Semadeni. Ende März wird darüber verhandelt. «Bei einem Ja wäre der Hirsch gefangen», sagt Stöckli. Denn die Abstimmung könnte frühestens im Juni 2019 abgehalten werden. Die Finanzierung aber muss bis Januar 2019 stehen.

Pioniere für schonende Spiele

Stahl und Stöckli stehen immer noch mit dem Fürsten in der Hütte, als sie Unterstützung vom Bundespräsidenten bekommen, Alain Berset hat den slowakischen Staatschef im Schlepptau. Berset sagt: «Sion 2026 ist keine Kandidatur des Bundes.» Doch auch der Bundesrat will die Spiele. Am Morgen hat Berset den südkoreanischen Präsidenten getroffen, der hat ihm erzählt, dass die Schweiz 1948 die ersten Nachkriegsspiele ausgerichtet habe. Nun könnte das Land mit seiner schlanken Kandidatur Olympia erneut prägen, ja verändern. Berset findet das verlockend, Stöckli spannend.

Nach über 20 Stunden Flug und 3 Tagen in Südkorea, einer grossen IOK-Sitzung und vielen kleinen Gesprächen, einem Biathlon- und Skisprungwettkampf ist Stöckli jetzt wieder daheim in Biel. Im Gepäck: Dutzende Visitenkarten. Eine Einladung eines Fürsten. Die Gewissheit, zu den besten Kandidaturen zu gehören – und ein geschenkter Olympiapin. Zu Hause wartet Arbeit.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.02.2018, 19:21 Uhr

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