Der Unmut der Frauen

Die Bürgerlichen glauben, es sei heute selbstverständlich, dass die Frauen gleich lang arbeiten wie die Männer. Diese Fehleinschätzung könnte die Reform zu Fall bringen.

Ob alt oder jung, die Gleichstellung von Frauen am Arbeitsplatz bleibt mangelhaft. Foto: iStock

Ob alt oder jung, die Gleichstellung von Frauen am Arbeitsplatz bleibt mangelhaft. Foto: iStock

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Es gab eine Zeit, da arbeiteten Frau und Mann, bis sie 65 waren. Das war, nachdem die AHV 1948 eingeführt worden war. In den 50er- und 60er-Jahren aber zeigten sich die Männer im Bundesparlament – und es waren damals nur Männer – grosszügig: Sie senkten das Rentenalter der Frauen schrittweise auf 62 Jahre. Geld war genug vorhanden, und so konnte man es sich leisten, die Frauen früher in den Ruhestand zu schicken – weil ihre Körperkräfte im Alter schneller nachliessen, wurde argumentiert.

Das stimmte damals nicht und heute ebenso wenig: Die Frauen dürfen erwarten, dass sie 85 Jahre alt werden, die Männer nur 81 Jahre.

So scheint es längst überfällig, diese grosszügige Geste aus guten Zeiten zurückzunehmen und das Rentenalter der Frauen jenem der Männer anzupassen. Bundesrat Alain Berset (SP) wird erst in den kommenden Wochen die Eckwerte der geplanten AHV-Reform präsentieren, aber schon jetzt ist bekannt: Er setzt wie in der gescheiterten Altersvorsorge 2020 erneut auf das Frauenrentenalter 65. Die erste Säule, die AHV, muss möglichst rasch refinanziert werden, und dazu sollen die Frauen ihren Beitrag leisten. Um 1,3 Milliarden würden sie die AHV so entlasten.

Heute gibt es nichts mehr, was man den Frauen im Tausch gegen ein zusätzliches Jahr Arbeit anbieten könnte.

Die Frauen lassen durchaus mit sich reden, länger zu arbeiten. Das haben sie bereits 1995 getan, als sie einer Erhöhung des Rentenalters um gleich zwei auf 64 Jahre zugestimmt haben. Aber damals hat man ihnen einen guten Deal unterbreitet: Zwei Jahre länger arbeiten, dafür erhalten Eltern Erziehungsgutschriften auf ihrem AHV-Konto, und dank dem Splitting verfügen Frauen heute über eine AHV-Rente, bei der sie nicht mehr von ihrem Ehemann abhängig sind.

Das waren aber keine Geschenke, es war eine längst fällige Gleichstellung. Das Paket stimmte für die Frauen: Die 10. AHV-Revision wurde mit einem satten Ja-Anteil von 60,7 Prozent angenommen.

Heute gibt es innerhalb der AHV nichts Vergleichbares mehr, was man den Frauen im Tausch gegen ein zusätzliches Jahr Arbeit anbieten könnte; zwar sind sie in der Altersvorsorge nach wie vor benachteiligt, aber weniger in der ersten Säule als in der zweiten.

Gar nichts anbieten?

Es gibt in der AHV auch kaum ein Angebot, das eine Mehrheit fände. Die AHV-Rente nur für Bedürftige erhöhen? Würde weder den Linken noch den Frauen genügen. Höhere Renten für alle? War in den Augen der Bürgerlichen schon beim letzten Anlauf des Teufels. Die AHV-Renten einer Übergangsgeneration von Tieflöhnern anheben? Könnte die Unterstützung von linken und bürgerlichen Politikern finden. Das alleine genügte aber vielen nicht.

Im Grunde, so finden insbesondere Parlamentarier von FDP und SVP, muss man den Frauen gar nichts dafür bieten, dass sie länger arbeiten. Es sei selbstverständlich, dass sie gleich lang berufstätig seien wie Männer. Sonst würden am Ende diese übervorteilt.

Wer kann den Frauen erklären, weshalb eine Gleichstellung beim Rentenalter vordringlich ist, bei den Löhnen oder Karrierechancen hingegen nicht?

Sie könnten keinen grösseren Fehler begehen, als bei der AHV-Reform ausgerechnet mit der Gleichstellung zu argumentieren. Seit 1981 ist in der Bundesverfassung verankert, dass die Geschlechter gleichgestellt sind, aber auch im Jahr 2018 ist dies im Inland noch längst nicht Realität.

Es braucht einen guten Deal

Und im Vergleich mit dem industrialisierten Ausland hinkt die Schweiz weit hinterher: Der geschlechtsspezifische Lohnunterschied von 12,5 Prozent ist überdurchschnittlich hoch, der Frauenanteil in Verwaltungsräten beschämend tief; einzig die Türkei, Japan und Südkorea vermögen die Schweiz gemäss «Economist» noch zu unterbieten. Wer aber kann den Frauen erklären, weshalb eine Gleichstellung beim Rentenalter wichtig, ja vordringlich ist, bei den Löhnen oder Karrierechancen hingegen nicht?

Wenn es keine Erklärung dafür gibt, braucht es einen Deal – ein gutes Angebot für die Frauen wie bei der letzten erfolgreichen AHV-Revision vor nunmehr 23 Jahren. Dafür müssen sich aber – wie damals auch – alle zusammenraufen, die nicht an den politischen Rändern politisieren. Sonst geht das Parlament das Risiko ein, dass die Frauen aus Verdrossenheit über die anhaltende Benachteiligung bei der AHV-Reform ein Zeichen setzen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.02.2018, 19:08 Uhr

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