Der SVP-Nationalrat und seine 80 Kinder

Thomas Matter ist gegen staatliche Entwicklungshilfe – finanziert aber privat ein Kinderheim in Honduras.

«Staatliche Entwicklungshilfe heisst heute, dass die Hälfte in der Administration oder Korruption versickert»: SVP-Nationalrat Thomas Matter.

«Staatliche Entwicklungshilfe heisst heute, dass die Hälfte in der Administration oder Korruption versickert»: SVP-Nationalrat Thomas Matter.

(Bild: Keystone)

Andreas Valda@ValdaSui

Die Szene gegen Ende des Films geht unter die Haut (zum Film). Die Heimkinder stehen in Reih und Glied, vom kleinsten bis zum grössten. Sie warten, um Essen zu fassen. Sie sind es gewohnt, zu gehorchen. Ein kleines Mädchen mit Zöpfen und Latzhose, wahrscheinlich die Jüngste, wird zu einem Tresen geschickt. Dort schöpft jemand frittierte Poulet­schenkel, Teigwaren und Selleriesalat auf einen Kartonteller. Ein Festmahl, wie es nicht alle Tage vorkommt. Doch das Mädchen zeigt keine Freude und wirkt überfordert. Was muss ich tun? Wohin muss ich gehen? Der gefilmte Moment ist für die Kleine kein Alltag.

Das Mädchen ist eines von achtzig Kindern des Heims El Refugio in Honduras. Einem armen Land in Zentralamerika mit neun Millionen Einwohnern. Viele der Kinder hatten auf der Strasse gelebt. Sie wurden von ihren Eltern verlassen oder flüchteten, weil sie geschlagen oder sexuell missbraucht wurden. Sie kamen unterernährt und verwahrlost an. «Heute haben wir Glück gehabt», erklärt Heimleiter Christof Wittwer im Film die Szene mit dem Mädchen. Eine Frau hat das Essen gesponsert. Der Moment sei für die Kinder speziell, «weil sie zum Buffet gehen und selber entscheiden konnten, was und wie viel sie essen mochten».

Produziert hat den Film, der gestern einem geladenen Publikum am Rande des Zürcher Filmfestivals gezeigt wurde, Thomas Matter, Zürcher Banker mit Baselbieter Herkunft und SVP-Nationalrat. Das Entwicklungshilfebudget der Schweiz hätte Matter am liebsten gekürzt. Das zeigt sein Stimmverhalten im Parlament. «Staatliche Entwicklungshilfe heisst heute, dass die Hälfte in der Administration oder Korruption versickert», sagt Matter, doch privat stehe er dahinter: Er und seine Frau Marion finanzieren zu einem Viertel die Kosten des Kinderheims und einer zugehörigen Schule. Den übrigen Aufwand bezahlen Sponsoren und Paten, die meisten aus der Schweiz.

Marion Matter führt die Stiftung ehrenamtlich. Sie ist die Protagonistin des Films. Vermögend, gut gekleidet, die Frau eines Investmentbankers, die sich auf Honduras einlässt: für 200 bis 300 Arbeitsstunden und einen Besuch pro Jahr im Heim. Das Heim lanciert und die Stiftung gegründet hatte Thomas Matters Mutter Regula im Jahr 1993. Sie kannte Honduras nicht, bis sie über einen Artikel in der Zeitung auf einen Schweizer stiess, der in einem Slum eine Suppenküche betrieb, Christof Wittwer, der heutige Heimleiter. Sie bot ihm Unterstützung an und sammelte Geld unter Bekannten. Ein Verein entstand, die spätere Stiftung El Refugio. 1997 kaufte Wittwer im Auftrag des Vereins ein drei Fussballfelder grosses Stück Land, baute das heutige Heim. Vor fünf Jahren übergab Regula Matter die Stiftung ihrer Schwiegertochter.

Gezeigt wird nur Harmonie

An einer Stelle lackiert Marion Matter einem Mädchen die Fingernägel. Es entsteht Intimität. Was sie am meisten berühre, sagt Matter, sei, dass die Kinder «Liebe und Zuneigung» bekämen. Das mache sie glücklich. Der Film folgt über weite Strecken dem Genre eines Dokumentarfilms. Doch gegen Ende häufen sich die Lobpreisungen von Schülern und Beteiligten, sogenannter Testimonials. Sie richten sich an heutige und zukünftige Sponsoren. Man sieht nur Harmonie.

Die Darstellung schwieriger Momente fehlt im Film. Was, wenn es unter den Kindern heftigen Streit gibt? Wie werden Kinder abgewiesen, weil es keinen Platz mehr hat? Was, wenn sie mit 18 das Heim verlassen müssen? Die gezeigten Beispiele der unterstützten jungen Erwachsenen, die an der Universität studieren oder bei Nestlé Honduras arbeiten, sind eindrücklich, aber wohl eher die Ausnahme.

Thomas Matter, der das Heim erst einmal besucht hat, sagt, keine Kinder würden abgewiesen, die lokale Behörde entscheide über die Zuweisung. Sie könnten in der Regel bleiben, bis sie die Schule abgeschlossen und wenn möglich eine Arbeit gefunden hätten, «auch über das Alter von 18 hinaus». «Die meisten schlagen sich offenbar einigermassen recht oder sogar gut durchs Leben. Anderen ist es leider schlimm ergangen – Armut, Sucht oder früher Tod», sagt Matter. Die honduranische Normalität werde durch El Refugio nicht ausser Kraft gesetzt. «Ich denke aber, die Kinder erhalten einen guten Start und bessere Voraussetzungen, um später ein einigermassen selbstständiges, den Umständen entsprechend zufriedenes Leben zu führen.»

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