«Der Suizid bleibt immer eine in sich schlechte Handlung»

Die Begleitung von Sterbewilligen kann für die Schweizer Bischöfe nur heissen, sie vom Todeswunsch abzubringen. So will es ihre neue Orientierungshilfe.

Der begleitete Suizid ist für die Bischöfe schwere Sünde. Foto: Getty Images

Der begleitete Suizid ist für die Bischöfe schwere Sünde. Foto: Getty Images

Michael Meier@tagesanzeiger

Ein Seelsorger, der zu einem suizidwilligen Menschen gerufen wird, soll ihm bis zum Schluss «in Worten und Taten die Position der Kirche im Sinne des Evangeliums des Lebens» bekunden. Denn: «Der Suizid ist, objektiv gesehen, eine in sich schlechte Handlung; keine ernsthafte Absicht oder irgend eine Voraussetzung kann das Übel in etwas Gutes verwandeln, noch die Sünde legitimieren.» Dass der Suizid bezahlt, geplant und organisiert wird, mache das Übel nur noch schlimmer.

So heisst es in der von den Schweizer Bischöfen verabschiedeten «Orientierungshilfe zur seelsorgerlichen Begleitung von Menschen, die einen assistierten Suizid beabsichtigen». Das 27-seitige, bisher auf Französisch vorliegende Papier liegt ganz auf der traditionell-rigiden Linie der katholischen Morallehre. Präsentiert wurde es heute in Bern vom Mitverfasser François-Xavier Putallaz, Philosophieprofessor in Freiburg und bis vor kurzem Mitglied der bischöflichen Bioethik-Kommission.

Dass Menschen, die einen Suizid mithilfe einer Sterbehilfeorganisation planen, seelsorgerlich begleitet werden sollen, steht für die Bischöfe ausser Frage: Der Seelsorger, die Seelsorgerin solle den Suizidwunsch ernst nehmen und hoffen, dass dieser Wunsch veränderbar sei. «Er muss an diesem Sterbewunsch arbeiten, in der Hoffnung, dass er sich in einen Wunsch zu leben transformiert.»

Moralisch schlechte Handlung

Die Orientierungshilfe verlangt, dass der Seelsorger während des suizidalen Aktes physisch das Zimmer des Sterbenden verlassen muss. Seine Anwesenheit könne als Kooperation interpretiert werden. Das heisse aber nicht, dass der Seelsorger die leidende Person tatsächlich verlasse: Er solle vielmehr mit Gebeten Hoffnung bezeugen.

Mehr und mehr verlangen Suizidwillige die Sakramente wie Beichte, Krankensalbung oder Eucharistie. Jeder Seelsorger müsse sich bewusst sein, dass «Sakramente immer Sakramente des Lebens und für das Leben» seien. Trotzdem könnten diese innerhalb der Betreuung ihren Platz haben.

Der Suizidwillige müsse aber wissen, dass der assistierte Suizid eine moralisch schlechte Handlung im Widerspruch zur Kirche darstelle. Komme der Suizidwillige auf seinen Entschluss zurück, dürfe er die Sakramente empfangen. Halte er aber an seinem Sterbewunsch fest, müsse die Austeilung der Sakramente verschoben oder eventuell verwehrt werden. Das Sakrament erhalten könne nur, «wer willens ist, die Sünde nicht begehen zu wollen».

Suizid als Nachahmungstat

Die Verweigerung der Sakramente kann den Bischöfen zufolge eine Einladung sein, den Sterbewunsch zu überdenken. Sie dürfe nicht als Strafe verstanden werden, auch nicht als Anwendung einer rigiden Regel, sondern «als voller Sinn der Liebe Gottes für jedermann».

Suizidwünsche sind für die Bischöfe auch Ausdruck mangelnden medizinischen Wissens. Die Entwicklung der Palliativmedizin sei am besten geeignet, den Suizidwunsch zu unterdrücken.

Patienten glaubten, ihr Wunsch zu sterben sei ein individueller und freier Akt. Dabei handle es sich gar nicht um einen wirklichen Sterbewunsch, drücke vielmehr die Verwundbarkeit der leidenden Person aus. Die Person, die sich umbringe, schicke eine negative Botschaft an verletzliche, alte und behinderte Menschen. Der Suizid tangiere die Familie, Verwandte, Pflegende, ja die ganze Gesellschaft. Die Bischöfe warnen vor der Gefahr eines «mimetischen Suizids» im Sinne des Werther-Effekts, also vor dem Suizid als Nachahmungstat.

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