Der Scheich, der Schlepper, der Behinderte und der Nette

Vier Freunde aus dem Irak sollen von der Schweiz aus für den IS einen Terroranschlag geplant haben. Bald kommt es zum Prozess. Doch wie konkret waren die Anschlagspläne?

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Thomas Knellwolf@KneWolf

Scheich Abdulrahman aus Hergiswil im Kanton Nidwalden ahnt nicht, dass er beobachtet wird. Doch die Obser­vationsgruppe der Bundeskriminalpolizei ist ihm diskret gefolgt, als er im grauen Golf nach Kloten gefahren ist. Noch wissen die Beobachter nicht genau, mit wem sie es zu tun haben. Im Einsatzbericht ist von einem Mann die Rede, der seinen VW mit Aargauer Kennzeichen bei der BP-Tankstelle an der Flughafenstrasse geparkt habe. Der Unbekannte steigt nicht aus. Es ist schon nach 22 Uhr am Donnerstag, 20. März 2014. Bald beginnt der Tag, an dem die Bundesanwaltschaft, wie sie selber schreiben wird, «IS-Anschlagspläne in Europa vereitelt». Doch hat sie das wirklich?

Abdulrahman, der in einer Flüchtlingsunterkunft am Vierwaldstättersee lebt, will Wesam abholen, der eben aus Istanbul gelandet ist. Vor Jahren ist er in die Schweiz gekommen. Als Imam hat Abdulrahman in Winterthur, Zürich, Kriens und zuletzt in St. Gallen gepredigt. Weil der heute 34-Jährige islamische Theologie studierte, wird er Scheich genannt. Abdulrahman und Wesam, auf den er wartet, sind seit Jahren Freunde, neu sind die beiden Iraker verschwägert. Bald werden sie Angeklagte sein im grössten und rätselhaftesten Terrorfall der Schweiz seit Jahrzehnten.

Die Passagiere des Flugs aus der Türkei passieren die Passkontrolle, doch von Wesam keine Spur. Scheich Abdulrahmans Handy klingelt. Sein Schwager ist dran und flucht in irakischem Dialekt über einen Mohammed. Wegen dessen dreckiger Zigaretten sei er beim Zoll fast aufgeflogen. 144 Franken Busse habe er wegen zwei Stangen bezahlen müssen. Die Ermittler hören mit. Acht Telefonanschlüsse haben sie angezapft. Drei Arabisch-Übersetzer stehen im Einsatz. 180 SMS und Gespräche werden ausgewertet. Und das alles, weil der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) sechs Tage zuvor eine eindringliche Warnung bekommen hat: Der IS, so hatten US-Dienste gemeldet, plane in der Schweiz ein Attentat. Der «kleinere» Anschlag solle «erfolgreich und medienwirksam» sein. Ein Chefplaner namens Usamah Muhammad al-Bayati, der im Rollstuhl sitze, wolle demnächst einen Schlepper namens Wesam treffen, «um Details der geplanten Aktion zu besprechen». Usamah habe Wesam in die Türkei geschickt, um einen elektronischen Datenträger mit Anweisungen für eine Sprengstoffattacke in die Schweiz zu schaffen.

Aus Angst, den ersten ­IS-Anschlag in Europa nicht verhindern zu können, griffen die Ermittler womöglich zu früh ein.

«Operation Nautilus» läuft an ? verdeckte Ermittlungen mit Telefonüberwachung, Handyortung und Peilsendern an Autos, das volle Programm. Der angebliche Chefplaner ist schnell identifiziert: Offiziell heisst er Osamah M., wohnhaft in Beringen, einem kleinen Grenzort bei Schaffhausen, Iraker, gehbehindert, seit 2011 in der Schweiz, arbeitslos, Sozialhilfeempfänger, fleissiger Deutschkursbesucher. Auf Facebook nennt Osamah sich «der Behinderte».

Kaum ist sein Telefon angezapft, meldet sich Wesam. Das abgehörte Telefongespräch beginnt mit Vorwürfen des Mannes im Rollstuhl. Warum er ihn auf diesem Handy anrufe? Wesam kontert, niemand kenne diese Nummer. Sie bräuchten keine Angst zu haben.

Die Sache, die Gemeinschaft

Osamah mahnt Wesam trotzdem, nicht über Geheimes zu reden. Wesam sagt, sie hätten gar nichts vor. Doch mit der Sache, über die sie gestern gesprochen hätten, werde es schwierig. Dann reden sie über Schlepperdienste, für die Wesam noch nicht bezahlt worden ist, und schliesslich über weitere Pläne, dies allerdings verklausuliert. Osamah eröffnet Wesam, er habe mit «der Gemeinschaft dort» geredet. Sein Kontakt habe ihn gefragt, ob er ihm jemanden schicken werde oder ob sie einen «Flash» schicken sollten, auf dem alles steht. Osamah sagt, er habe geantwortet, er könne selber nicht kommen, da er eine Intervention der Polizei befürchte. Er werde aber einen Freund schicken, der den «Flash» abholt. Darin befinde sich alles, von der elektronischen Seite sowie von Seite anderer Kommunikationsmittel.

«Gott ist barmherzig», sagt Wesam. Und Osamah mahnt ihn, mit der Kommunikation aufzupassen. Wesam erwidert, er sei bei «seinen Arbeiten» immer überaus vorsichtig. Damit meint Wesam kaum die Tätigkeit bei einem Grossverteiler, die er nach einer Schulterverletzung aufgegeben hat. Und er, der seit rund zehn Jahren in der Schweiz, meist von der Sozialhilfe, lebt, meint auch kaum seine Gelegenheitsjobs. Vermutlich meint er die Schlepperdienste, die er für Flüchtlinge aus dem Irak und Syrien leistet. Der Menschenschmuggel wird nach zwei Jahren Ermittlungen der einzige unbestrittene Vorwurf sein. In diesem Punkt legt Wesam bereits unmittelbar nach seiner Verhaftung ein Geständnis ab. Die Verstösse gegen das Ausländergesetz machen denn auch einen gewichtigen Teil der 69 Seiten der Anklageschrift aus, welche die Bundesanwaltschaft eineinhalb Jahre später beim Bundesstrafgericht in Bellinzona einreichen wird.

«Der Nette» auf dem Balkon

Am 18. März 2014 hat sich Wesam in Baden von seiner Gattin verabschiedet, die im neunten Monat schwanger ist. Er reist für zwei Nächte nach Mersin an der türkischen Mittelmeerküste und trifft einen Mann, der sich Abou Ahmad nennt. Sie gehen in ein Fotogeschäft und machen Bilder, die sie auf einen Stick laden.

In Beringen bei Schaffhausen beobachtet die Observationseinheit der Bundeskriminalpolizei, dass sich bei Osamah ein Unbekannter aufhält. Mehrmals tritt er kurz vor die Tür, zusammen mit seinem Gastgeber sitzt er auf dem Balkon. Das Signalement: männlich, etwa 30-jährig, 160 bis 180 cm gross, schlank, kurze dunkle Haare, dunkles Oberteil, helle Hose. Mohammed heisst er, das erfahren die Ermittler durch abgehörte Telefonate. Angesprochen wird er aber mit Tayeb. Das bedeutet «der Nette».

Mohammed alias Tayeb ist illegal im Land. Vor fünf Monaten erst, im Oktober 2013, hatte ihn Wesam, sein Freund und Schlepper, mit seinem Auto aus Mailand in die Schweiz geschleust. Doch zuvor hatte es Probleme gegeben: Im Römer Flughafen Fiumicino hatte der Nette bereits Fingerabdrücke abgeben müssen. Damit hatte er nach Schengen-Abkommen Anrecht auf ein Asylverfahren in Italien, aber nicht in der Schweiz.

Bei Wesam in Baden versuchte der Nette, seine Fingerkuppen zu verbrennen, um die Abdrücke zu manipulieren. Doch die Täuschung klappte nicht. Die Eurodac-Datenbank erkannte, dass Mohammed bereits in Italien ein Asylgesuch eingereicht hatte. Doch dorthin möchte er nicht zurück. Die Leute schliefen dort auf der Strasse, hat er im Empfangszentrum Kreuzlingen zu Protokoll gegeben, er sei ein kranker Mann. Deshalb ist der Nette im Dezember 2013 untergetaucht, zuerst bei Wesam, jetzt hält er sich bei Osamah versteckt.

Und dort besucht ihn Wesam am 21. März 2014, nur Stunden nach der Rückkehr aus der Türkei. In Beringen, vor Osamahs Tür, umarmt der Schlepper den Netten, den er in der Nacht zuvor am Flughafen noch verflucht hatte. Sie kennen sich seit der Kindheit im irakischen Kirkuk, sie haben viel Leid geteilt.

Wann eingreifen?

Seit Tagen schon liegt die Observationseinheit der Bundeskriminalpolizei auf der Lauer. Doch ihr bleibt verborgen, was sich nun im zweiten Stock jener Wohnung abspielt, die das Schaffhauser Sozialamt Osamah zu Verfügung gestellt hat. Finden letzte Vorbereitungen für einen Anschlag statt? Muss man sofort eingreifen, um Schlimmstes zu verhindern? Oder kann man noch weiter beobachten? Bundesanwalt Michael Lauber trägt die Verantwortung. Es ist eine der schwierigsten Entscheidungen in seiner ersten Amtszeit.

Als es dämmert, verlässt das Trio die Wohnung und steigt in den Lift. Es ist kurz nach 19 Uhr. Der Nette trägt einen schwarzen Rucksack, einen dunklen Koffer und einen oder zwei Plastiksäcke. Ganz genau sehen es die Fahnder nicht.

Die Bundesanwaltschaft wählt die sichere Variante, was ihr auch Kritik einträgt. Das Anschlagsrisiko scheint zu gross. Die Sondereinheit Sika der Schaffhauser Polizei schlägt zu. Der Behinderte, der Nette und der Schlepper werden verhaftet. In Osamah und Wesam werden insgesamt 17 SIM-Karten sichergestellt und zahlreiche Speichermedien.

In Wesams amerikanischem Auto, einem grauen Dodge Caliber, liegen ein Formular mit einer Blutanalyse und eine Wohnsitzbestätigung, beide für Mohammed, beide aus der Türkei, beide gefälscht. In der schwarzen Lederjacke des Schleppers aus dem Aargau entdecken die Fahnder einen weissen USB-Stick, 8 Gigabyte, Marke Disk2Go. Aber darauf sind keine Anleitung zum Bombenbau gespeichert und auch keine Anweisung für ein Attentat. Ein solches Beweisstück wird verzweifelt gesucht – und nie gefunden. Auch im Gepäck, das Mohammed, der Nette, bei sich trägt, finden sich nur Alltags­gegenstände, kein Sprengstoff, keine Zündschnur, nichts.

Die drei Verhafteten werden nach Bern verfrachtet. Kurz nach Mitternacht beginnen Kriminalpolizisten des Bundes mit den ersten Verhören. Das meiste, was sie zu hören bekommen, ist gelogen. Osamah behauptet, er heisse nicht Al Bayati. Auf den Handys der beiden anderen Festgenommenen ist aber seine Nummer unter diesem Namen gespeichert. Und auf Osamahs Toshiba-Laptop findet sich ein witzig gemeintes Filmchen vor Luzerner Hintergrund. Osamah sagt zum Spass, er sei offizieller Sprecher der Stadt Luzern und er heisse Osamah Al Bayati.

Auch Mohammed, der Nette, lügt über zwei Stunden lang, was das Zeug hält. Zuerst behauptet er, er habe sich bei einem Mann namens «Sami» aufgehalten. Dann gibt er zu, dass er sich bei Osamah versteckte. Im Irak sei er von al-Qaida verschleppt worden, und dann nochmals von einer Kurdentruppe, weil sein Vater in Kirkuk «Sippenführer» gewesen sei, wenn auch «mit etwas tieferem Rang». Vier Jahre lang, so sagt der Nette aus, sei er in Gefangenschaft von Terroristen gewesen. Dann habe ihn das Rote Kreuz befreit. Terroristen hätten seinen Vater und einen Bruder getötet. Leute wie er seien nach Syrien geflüchtet und dann in die Schweiz, weil sie in Frieden und Sicherheit leben wollten.

Es ist nach vier Uhr in der Früh, als Wesams Verhör beginnt. Weshalb er ständig die Telefonnummer wechsle, wollen Befrager wissen. Er habe Angst um seine Familie im Irak, antwortet der 29-Jährige. Angehörige würden überwacht, weil sie und er pro Saddam gewesen seien. Die Verhöre in der Nacht auf Samstag haben die Terrorspezialisten von der Bundeskriminalpolizei durchgeführt. Am folgenden Nachmittag greift Juliette Noto, Staatsanwältin des Bundes, in den Fall ein. 2001 hat die heute 46-Jährige aus dem Generalstab des Verteidigungsdepartments in die Bundesanwaltschaft gewechselt. Lange Zeit hat sie fast im Alleingang die – noch wenigen – Terrorverfahren bewältigt und sich einen Namen als engagierte und energische Ermittlerin gemacht.

Doch Osamah, der in der Nacht die Aussage weitgehend verweigert hat, ist auch gegenüber ihr nicht viel gesprächiger. Noto will etwa wissen, was mit dem «Flash» gemeint, von dem er sprach. Der Mann im Rollstuhl gibt jene Antwort, die er im Strafverfahren noch oft geben wird: Weiss ich nicht. Und dann fragt er zurück: Meinen sie ein Kondom? Wesam hingegen gibt von Beginn weg zu, was jeder Arabischsprachige weiss: «Flash» bedeutet Datenträger.

Unter Hochdruck suchen Bundesanwaltschaft und Bundeskriminalpolizei seither Beweise, unterstützt von Spezialisten der US-Bundespolizei FBI, um Terrorpläne zu beweisen, eineinhalb Jahre lang. Einzelne Indizien scheinen den Anschlagsverdacht zu erhärten, andere sprechen gegen die These, dass eine Schaffhauser Zelle den ersten IS-Anschlag im Westen durchführen wollte. Aus Angst, zu spät zu sein, hatten die Schweizer Sicherheitsbehörden womöglich zu früh eingegriffen.

DerBund.ch/Newsnet

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