Schweizer Politiker sind erstaunt über Trumps sanften Auftritt

Der US-Präsident machte am WEF Werbung für sich und die USA. Die Reaktionen der Schweizer Parlamentarier sind zwiespältig.

Zwischen Bewunderung und Buhrufen: US-Präsident Trump spricht vor Wirtschaftsführern und Staatschefs mit WEF-Gründer Klaus Schwab. Foto: Denis Balibouse (Reuters)

Zwischen Bewunderung und Buhrufen: US-Präsident Trump spricht vor Wirtschaftsführern und Staatschefs mit WEF-Gründer Klaus Schwab. Foto: Denis Balibouse (Reuters)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Weiss, Blau, Rot: Die Farben der Uniformen hätten nicht besser passen können. Als hätte das Freiburger Blasorchester Landwehr gewusst, dass es eines Tages für den US-Präsidenten spielen würde. Oder als wären die Musiker nur wegen ihrer Uniform ausgewählt worden. Nun stehen sie also auf der Bühne, im Kongresszentrum in Davos, neben ihnen der mächtigste Mann der Welt, US-Präsident Donald Trump. Und derjenige, der ihn in die Schweiz geholt hat: WEF-Gründer Klaus Schwab.

Die Musiker spielen den Coburger Marsch. Ein Stück, das sich Klaus Schwab speziell für diesen Anlass gewünscht habe, erzählt der Präsident des Orchesters später. Dem Erfinder des WEF scheint sehr daran gelegen, dass Trump sich in Davos wohlfühlt. Als der Marsch verklungen ist, begrüsst Schwab seinen Gast, heisst ihn in salbungsvollsten Worten willkommen – und rechtfertigt sich gleichzeitig für ihn. Der Führungsstil des US-Präsidenten werde oft «falsch verstanden und parteiisch interpretiert». Ein Raunen geht durch den Saal. Mehr aber auch nicht.

Zwei Stunden früher. Der US-Präsident dominiert in Davos auch am zweiten Tag alles. Das Kongresszentrum wird vorbereitet, die Treppen abgesperrt. Der Andrang vor dem Konferenzsaal, in dem Donald Trump seine Rede halten wird, ist riesig. Hunderte WEF-Teilnehmer warten davor, um einen Sitzplatz zu ergattern. Nicht alle Wartenden finden Platz im Saal. Drinnen müssen einige stehen, anfänglich zum Beispiel der 71-jährige Nobelpreisträger Robert Shiller.

Video: Trump am WEF

Trumps zweiter Tag am WEF im Überblick: Ein Treffen mit Berset, die Abschlussrede am WEF und die Abreise in die USA. (26. Januar 2018)

Dann folgt der Auftritt Trumps. Er ist ein langer Werbespot für sich selbst und seine USA. «Amerika hat die Stagnation überwunden, die Wirtschaft wächst», verkündet er. Das Land sei «stark und wohlhabend», es sei «open for business». Amerika gehe es so gut wie nie. Die Finanzmärkte boomten, in seiner Amtszeit seien 2,4 Millionen Jobs entstanden. Und seine Regierung habe viele unnötige Vorschriften abgeschafft.

Allerdings: Auch unter seinem Vorgänger Barack Obama war die Arbeitslosigkeit zurückgegangen. Im letzten Jahr von Obamas Amtszeit sogar stärker als im ersten Trump-Jahr. Und die US-Aktienindizes erreichen zwar neue Höchststände. Die Börsen in anderen Ländern wie Argentinien, Nigeria oder der Türkei haben zuletzt aber noch deutlich stärker zugelegt. Die Weltwirtschaft boomt.

Trotzdem findet Trump: Nie habe es «eine bessere Zeit gegeben, um in den USA zu arbeiten, zu bauen, zu investieren und zu wachsen». Er wünsche sich eine Zukunft, in der es Wohlstand für alle gebe und in der Kinder ohne Gewalt, Armut und Angst aufwachsen könnten. Und dafür brauche es Partner. «America first, aber nicht Amerika allein.»

Video: Trumps Botschaften

«Ökonomisch ist das blödsinnig, das geht nicht auf Trump zurück – oder nur zu einem kleinen Teil»: Markus Diem Meier über die Rede des US-Präsidenten vor der versammelten Wirtschaftselite in Davos. (Video: Nicolas Fäs)

Seine Kritik am internationalen Handelssystem wiederholt Trump dennoch. «Wir können nicht zulassen, dass einige unfaire Praktiken anwenden.» Welche Staaten sich nicht an die Regeln halten, sagt Trump nicht. Aus seinem Umfeld heisst es, seine Entscheide machten deutlich, wen er meine. Vor wenigen Tagen führten die USA Strafzölle für den Import von Solarpanels und Waschmaschinen ein, vor allem Hersteller aus China und Südkorea sind betroffen. Die USA könnten also künftig öfter zu solchen Massnahmen greifen.

«Ich mache die Schweiz reich»

Gleichzeitig versucht Trump, sich versöhnlich zu zeigen. Eine Rückkehr zum Transpazifischen Handelsabkommen (TTP) schliesst er nicht aus. Die USA würden über Freihandelsabkommen mit vielen Ländern nachdenken, «vielleicht auch als Gruppe». Doch der Deal müsse gut für die USA sein. Ebenfalls einen Neustart habe die US-Einwanderungspolitik nötig. Einwanderer in die USA müssten danach ausgesucht werden, ob sie die Wirtschaft weiterbringen würden. Nur dann sollen sie in die USA gelassen werden. – Der amerikanische Traum könnte damit für viele unerreichbar werden.

Zur Schweiz verliert Trump kein Wort. Das war am Mittag anders, als er mit Bundespräsident Alain Berset auftrat. Berset sprach eineinhalb Minuten, Trump zweineinhalb. Er habe «gewaltigen Respekt» für die Schweiz, sie sei ein grossartiger Ort – der er übrigens geholfen habe, noch reicher zu werden, sagte Trump: Die US-Börse, in der die Schweizer stark investiert hätten, sei wegen ihm um fast 50 Prozent gestiegen.

In der Schweiz sind die Reaktionen auf Trumps Auftritt zwiespältig. Sein vehementer Einsatz für Amerika sollte dem Bundesrat ein Vorbild sein, sagt SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi. Er solle gegenüber der EU genauso vehement die Interessen der Schweiz vertreten. Susanne Leutenegger Oberholzer (SP), Präsidentin der nationalrätlichen Wirtschaftskommission, ist beeindruckt und beunruhigt zugleich. Trump habe die 30 Stunden in Davos effizient und strategisch genutzt, um die Interessen der USA zu vertreten. Wirtschaftsführer und Staatschefs seien gleichsam vor ihm erstarrt, sagte Leutenegger: «Es war eine Invasion der Amerikaner.» Die Schweiz müsse gewarnt sein vor den Folgen der US-Wirtschaftspolitik, etwa vor den Folgen des abgewerteten Dollar.

Amerika sei «open for business» und so stark wie noch nie.

FDP-Nationalrätin Christa Markwalder zeigt sich wenig überrascht von Trumps Auftritt. Dieser habe vor allem seine eigenen Leistungen in den Mittelpunkt gestellt. Positiv wertet Markwalder, dass Trump Freihandelsabkommen zumindest eine Chance gebe. Schwierig für die Schweiz sei jedoch, dass Trump stark auf bilaterale statt auf multilaterale Abkommen setze.

Auch im Ausland wurde Trumps Rede ausführlich kommentiert. Davos sei eine «Siegerrunde für Trump» gewesen, betonte CNN-Korrespondent John Defterios. Er habe die anwesenden Wirtschaftsführer adressiert und weder UNO noch WTO attackiert. In fast allen Reaktionen wird der moderate Ton des Präsidenten erwähnt. Die Rede sei «gut vorbereitet» gewesen und Trump habe sich an die Vorlage gehalten, sagte John Chipman, Direktor des Internationalen Instituts für Strategische Studien. Die «New York Times» hebt Trumps Satz hervor, dass «America First» nicht «Amerika im Alleingang» bedeute. Laut «Financial Times» versucht Trump damit, den Vorwurf des Protektionismus zu neutralisieren. Die Tageszeitung «USA Today» verweist auf Buhrufe im Publikum, als Trump im Gespräch mit Klaus Schwab «Fake-News-Medien» attackierte.

«Heisse Luft»

In der deutschen Presse wird der Trump-Auftritt kritisch bewertet. ZDF-Korrespondent Reinhard Schlieker sprach von einer «Werberede des Handlungsreisenden Trump», von der man aber nur schwer sagen könne, ob sie «reine Reklame oder nachhaltig» sei. Präsident Obamas Ex-Wirtschaftsberater Gene Sperling bezeichnete Trumps Worte als «heisse Luft». Ein Präsident, der ständig andere Länder beleidige, könne nicht mit einer 15-minütigen Teleprompter-Rede die Zuhörer von seiner Kooperationsbereitschaft überzeugen. Daniel Yergin von der Denkfabrik IHS Markit beschrieb Trump als «Marketingchef» und «Topverkäufer» für die US-Wirtschaft. Der «Geschäftsmann Trump» habe um Investitionen geworben.

Dass Trump sich derart als Geschäftsmann inszenieren konnte, verdankt er auch Klaus Schwab. Der rollt ihm im Gespräch nach der Rede nochmals verbal den roten Teppich aus. «Welche Erfahrung aus Ihrer Vergangenheit nützt Ihnen jetzt in der Präsidentschaft am meisten?», fragt er. «Ich war immer ein guter Geschäftsmann», sagt Trump. «Und ich war immer sehr erfolgreich im Geldverdienen.» Und darüber reden, wie erfolgreich und reich er ist, das kann er auch nicht schlecht.

Mitarbeit: arm/HJM/br (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.01.2018, 22:11 Uhr

Artikel zum Thema

Das war Trumps Besuch am WEF

Die Air Force One mit dem US-Präsidenten ist schon wieder auf dem Weg in die USA. Alles zu Donald Trumps zweitem Tag am WEF in Davos. Mehr...

Bizarrer Besuch des US-Präsidenten

Kommentar Politik, Medien und Wirtschaft werfen sich vor Donald Trump in den Schnee. Mehr...

Das bringt Trumps Besuch am WEF in Davos

Video Wer profitiert von der Visite des US-Präsidenten in der Schweiz? 6 Fragen, 6 Antworten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Paid Post

Langlaufträume in Österreichs Winterwunderland

Seefeld und Achensee verbinden Natur, Sport und Kulinarik. Zwei Profis verraten Ihnen ihre Geheimtipps.

Kommentare

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Die Welt in Bildern

Ungewisse Zukunft: Ein Indischer Fischer wartet in einem Gefängnis in Karachi, Pakistan auf seine Bestrafung. Er wurde gemeinsam mit elf weiteren Männern von der Marine aufgegriffen, als sie versehentlich in pakistanischem Hoheitsgebiet unterwegs waren. Indien und Pakistan nehmen regelmässig Fischer des jeweils anderen Landes fest, da die Territorien im Meer nicht klar abgegrenzt sind. (18. November 2018)
(Bild: SHAHZAIB AKBER) Mehr...