«Der Lehrplan 21 hat mehr Kritiker als Leser»

Unfundiert, faktenfrei: Der ehemalige Baselbieter Erziehungsdirektor Peter Schmid (SP) ärgert sich über die Diskussion zu den aktuellen Schulreformen.

Peter Schmid, Alt-Erziehungsdirektor im Kanton Baselland, bei einer Veranstaltung im Jahr 2012.

Peter Schmid, Alt-Erziehungsdirektor im Kanton Baselland, bei einer Veranstaltung im Jahr 2012.

(Bild: Keystone Walter Bieri)

14 Jahre lang war Peter Schmid in der Baselbieter Regierung, 14 Jahre lang stand er der Bildungsdirektion vor. In seiner Amtszeit (1989 bis 2003) hat der SP-Politiker all jene Schulreformen angestossen, die heute so stark unter Druck geraten sind. Das ärgert Schmid: Die Diskussion über die Reformen sei Symptom für den allgemein bedauernswerten Zustand des Kantons. 


Beinahe nirgendwo sind die Fronten in der Bildungspolitik so verhärtet wie im Baselbiet. Wie konnte es so weit kommen?


Zuerst möchte ich festhalten: Jeden Tag gehen Hunderte junge Baselbieterinnen und Baselbieter zur Schule, jeden Tag findet in diesem Kanton Schule statt. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass wir in den Baselbieter Schulen ein generelles Qualitätsproblem hätten. In meiner Zeit als Erziehungsdirektor haben wir die Evaluation unserer Schulen aufgebaut. Interessanterweise wird die aktuelle Diskussion aber nicht anhand von harten Fakten geführt. Stattdessen wird vor allem behauptet.



Warum ist das so?


Mich dünkt, das hat mit der gesamtpolitischen Situation zu tun, mit der allgemeinen Verhärtung der politischen Lage im Baselbiet. Nicht nur in der Bildungspolitik wird in diesem Kanton im Moment so lange behauptet, bis man die Fakten vergisst.



Die Kritik an den Reformen von heute ist auch eine Kritik an ihrer Regierungszeit – Sie haben die meisten Reformen überhaupt erst angestossen.


Ja, wir waren ein Pionierkanton der Bildungsharmonisierung. Unsere Standesinitiative stand am Anfang des Bildungsartikels, und Hans Zbinden, der als Nationalrat für den Artikel gekämpft hat, war mein Mitarbeiter. Wir dürfen mit berechtigtem Stolz sagen, dass wir damals die Harmonisierung der Bildungslandschaft auf den Weg gebracht haben. Damals, zwischen 1989 und 2003, war ich an unzähligen Veranstaltungen, habe mit Eltern und der interessierten Öffentlichkeit diskutiert. An diesen Diskussionen war der Wunsch nach einer Harmonisierung immer zu spüren. Gleiches gilt für die sogenannte Kompetenzorientierung, die ein ausdrücklicher Wunsch der Gesellschaft war, aus der Schule und der Arbeitswelt. Ausgehend von sehr guten Lernerfahrungen mit den beispielhaften Fallstudien der ETH haben wir darum diese Kompetenzorientierung im Lehrplan 21 festgehalten.



Aber genau diese Kompetenzorientierung wird heute im Baselbiet und anderswo am stärksten kritisiert.


Der Lehrplan 21 hat leider mehr Kritiker als Leser. Über diesen Lehrplan wird viel Blödsinn erzählt, den ich mir nicht erklären kann. Den Lehrplan muss man lesen wie die Bibel: kritisch! Aber vor allem muss man ihn lesen. Von den Kritikern wurde auch nicht wahrgenommen, dass der Lehrplan nach der breiten Vernehmlassung stark überarbeitet wurde. Aber mit dem will man sich nicht auseinandersetzen – stattdessen tut man empört und schürt Emotionen.



Und hier wieder die Frage: Warum ist das so?


Es ist sehr schwierig, einen Grund zu nennen. Die Debatte hat sich von den Fakten entkoppelt. Vielleicht hat es damit zu tun, dass für den inhaltlichen Umbau in den Schulen immer weniger Mittel zur Verfügung stehen. Jeder Veränderungsprozess beansprucht Ressourcen und damit Finanzen. Und die fehlen.



Die neue Baselbieter Bildungsdirektorin Monica Gschwind möchte sparen, lehnt die aktuellen Reformen ab und setzt auf einen an der Praxis orientierten Lehrerberuf. Was halten Sie davon?


Ich kenne Frau Gschwind nicht persönlich, darum will ich mich nicht über sie äussern. Was ich mir grundsätzlich von der Baselbieter Regierung wünsche, wären offensive und faktenbasierte Informationen. Gerade wenn es um die Harmos-Abstimmung geht. Egal, wie die Abstimmung über den Austritt aus Harmos im Baselbiet ausgeht: Harmos ist bereits eingeführt! Das Baselbiet kann nur darüber abstimmen, ob es sich ausserhalb des Bildungskonkordates im autonomen Nachvollzug übt oder ob es richtig mitmacht. Die Idee, dass der Kanton eigene Schulen konzipiert, die dann ganz für sich alleine stehen, ist realitätsfremd. Das muss man der Bevölkerung sagen.



War das denn zu Ihrer Zeit so viel besser?


Das kann man sicher nicht so allgemein sagen. Aber: Meine Mitarbeiter und ich konnten tatsächlich einiges umsetzen. Und das galt auch für andere Bereiche in der Baselbieter Regierung von damals. Wir waren führend in der Umweltschutzgesetzgebung, wir hatten mit Andreas Koellreuter einen national bedeutenden Sicherheitsdirektor, die SRG fand mit Hans Fünfschilling einen guten Präsidenten mit Sinn für den Service public. Elsbeth Schneider war Präsidentin der Baudirektorenkonferenz. Die politischen Mehrheitsverhältnisse waren ähnlich wie heute, aber die Stimmung war eine andere. Es herrschte eine konstruktivere Stimmung.



Und woran liegt das?


Ich weiss es nicht. Das Tagesgeschäft ist hektischer geworden, aufgeregter. Die Ruhe für einen grossen Wurf fehlt. Und es gab während meiner Zeit als Landrat und später als Regierungsrat immer einige Persönlichkeiten, die überdurchschnittlich waren. Die für das Ganze dachten. Diesen Geist vermisse ich heute. Und das hat Konsequenzen auf die Politik: Ausser Strassen zu bauen, scheint das Baselbiet heute nichts mehr zu wollen.



Jetzt übertreiben Sie. So viel besser kann es damals nicht gewesen sein.


Wir müssen nicht so tun, als wären wir alle Genies gewesen wären. Natürlich gab es auch Fehleinschätzungen und Unterlassungen. Aber wir bemühten uns um eine verständliche Zukunftsvorstellung für unsern Kanton. Um eine Idee für diesen Kanton. Was sind gegenwärtig die Nachrichten aus Baselland? Die Schuldenbremse soll, kurz bevor sie Wirkung erzielen müsste, wieder zurückgenommen werden, die freie Spitalwahl unter Einbezug der nahen baselstädtischen Kliniken soll eingeschränkt werden; die noch junge volle Mitträgerschaft der Universität beider Basel steht bereits wieder zur Debatte.



Das tönt jetzt sehr düster.


Ja, es tönt sogar pathetisch. Aber es stimmt: Ich bin in grosser Sorge. Und ich habe eine Bitte an die Baselbieter Regierung: Regiert jetzt endlich. Ich möchte nicht mehr jeden zweiten Tag in der Zeitung lesen, was im Baselbiet alles nicht möglich ist. Das führt zu einer verheerenden Ausstrahlung. Welche Unternehmung will sich denn in einer Gegend niederlassen, in der alles so schwierig scheint, in der es keine Idee mehr gibt, der es an Gestaltungsehrgeiz mangelt? Ich habe grossen Respekt vor den vorhandenen Problemen: Aber man sollte sie nun endlich anpacken. 



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