Der knallharte Kronfavorit

Asyl-Hardliner Heinz Brand hat gute Chancen, am 9. Dezember Bundesrat zu werden. Als Bündner Regierungsrat hingegen wollte ihn das Volk nicht.

Heinz Brand versucht, mit Kompromissen das Maximum für die SVP herauszuholen. Foto: Ruben Wyttenbach (13 Photo)

Heinz Brand versucht, mit Kompromissen das Maximum für die SVP herauszuholen. Foto: Ruben Wyttenbach (13 Photo)

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Heinz Brand sitzt lieber in einer Regierung als in einem Parlament. Daraus macht der Bündner Nationalrat keinen Hehl. Als Exekutivpolitiker könne man grössere Projekte im Team realisieren, was ihm als Teamplayer vom Naturell her entspreche, sagt Brand. Und er sagt auch: «Man muss die Chancen jeweils nutzen, die sich einem bieten.»

Gegenwärtig bietet sich eine solche. Nach dem Rechtsrutsch im Parlament spricht einiges dafür, dass Eveline Widmer-Schlumpf am 9. Dezember nicht mehr zu den Bundesratswahlen antritt. Nach einem solchen Rutsch sei es «müssig, sich einer Wahl zu stellen – von der man notabene weiss, dass man sie verliert», sagte BDP-Präsident Martin Landolt im August in einem Interview mit der «Basler Zeitung».

Widmer-Schlumpf selbst hat sich noch nicht zu ihren Plänen geäussert. Verzichtet sie, ist der Weg frei für einen zweiten SVP-Bundesrat. Tritt sie nochmals an, kann sich ihr Herausforderer trotzdem Chancen ausrechnen. Noch hat die SVP nicht entschieden, wen sie ins Rennen schickt. Auch Heinz Brand will sich nicht zu den Bundesratswahlen äussern. «Das ist mit der Kantonalpartei so abgemacht», sagt er.

Der 60-Jährige gilt als einer der Kronfavoriten. Er gehört zu den wenigen SVP-Parlamentariern, die auf Parteilinie politisieren und gleichzeitig im Parlament als mehrheitsfähig gelten. Brand wird sowohl in der SVP als auch in anderen Parteien geschätzt. «Er hat alle Qualitäten, die man von einem potenziellen Bundesrat erwarten kann», sagt etwa CVP-Nationalrat Gerhard Pfister. Und Balthasar Glättli von den Grünen meint: «Wenn ich in der SVP wäre, stünde Heinz Brand bei mir ganz oben auf der Liste.»

«Brandgefährlicher» Gegner

Ersetzt er Widmer-Schlumpf, könnte Graubünden den Sitz im Bundesrat behalten. Das Vertrauen der Bündnerinnen und Bündner in Brands Regierungsqualitäten scheint sich allerdings in Grenzen zu halten. Zweimal kandidierte er für den Regierungsrat – zweimal ohne Erfolg. 2010 war Brand noch kantonaler Chefbeamter und wollte als solcher in die Regierung hochrücken, musste aber einem SP-Kandidaten den Vortritt lassen. Letztes Jahr unterlag er einem Konkurrenten aus der BDP.

Bei den Nationalratswahlen vom vergangenen Wochenende hingegen, die nach Proporz- statt nach Majorzregeln durchgeführt wurden, erzielte er das beste Resultat aller Kandidaten. Das Bündner Volk will also Brand, der lieber regiert als legiferiert, nicht in der Regierung, sondern im Nationalrat.

Dort ist Brand schon kurz nach seinem Eintritt 2011 steil gestartet. Statt wie andere erst einmal Erfahrungen zu sammeln, prägte er gleich von Beginn weg das wichtigste Thema der SVP: die Asylpolitik. Für Brand war dies kein Neuland, kümmerte er sich doch bereits als Chef des Bündner Amts für Polizeiwesen und Zivilrecht um die Migration – mehr als 24 Jahre lang.

Entsprechend gut kennt sich der 60-Jährige hier aus – bis ins letzte Detail. Das mache ihn für die Linke zu einem «brandgefährlichen» Gegner, sagt der Grüne Glättli. Und CVP-Nationalrat Pfister, der wie Brand und Glättli in der Staatspolitischen Kommission sitzt, bestätigt: «Man muss gut vorbereitet sein, um ihm Paroli bieten zu können.» Während sein Parteikollege Hans Fehr eher durch harte Worte aufgefallen sei, stehe Heinz Brand für inhaltliche Kompetenz.

Der Bündner ist umgänglich und im Auftritt eher moderat. In der Sache hingegen, mahnt Glättli, verfolge Brand «dieselben knallharten Ziele wie seine Parteikollegen». Er versuche, mehrheitsfähige Kompromisse zu schmieden und so das Maximum für seine Partei herauszuholen. Dafür verzichte Brand auf Sprüche und aussichtslose Forderungen. In den letzten Monaten vor den Wahlen habe allerdings auch er aggressivere Töne gespuckt und mit seiner Forderung nach einem Asylmoratorium wohl parteiintern «markieren» wollen.

Brand will aber nicht nur als Migrationsfachmann wahrgenommen werden. Er setzt auch auf die Gesundheitspolitik. Anfang Jahr übernahm er das Präsidium des Krankenkassenverbands Santésuisse. Und wenn er am 9. Dezember nicht Bundesrat wird, möchte er neu auch in der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit mitwirken. Dort hinterlässt sein Parteikollege Toni Bortoluzzi eine grosse Lücke.

Als Kind jahrelang im Spital

In jungen Jahren litt Brand an einer schweren Nierenkrankheit. Immer wieder musste er sich im Kinderspital Zürich therapieren lassen. «Ich gehörte fast zum Spitalinventar», erinnert er sich. Insgesamt habe er gut vier Jahre seiner Kindheit dort verbracht.

Einschneidend war auch der Tod seines Vaters. Dieser starb an einer Lungen­erkrankung, als Heinz Brand neun Monate alt war. So musste der Junior früh Verantwortung übernehmen, während seine Mutter arbeitete. Auch er selbst leidet an Asthma, weshalb er nach seinem Jus-Studium in Zürich wieder nach Klosters zurückkehrte, wo die Luft besser ist. Dort kann der passionierte Sportler gleich vor der Haustür langlaufen, Ski fahren und mountainbiken. Zu Hause hört er gerne Reggae, U2 und Manu Chao. Ja, jenen Manu Chao, der das Schicksal von Flüchtlingen besingt.

Brand ist verheiratet und Vater einer erwachsenen Tochter. Seine Frau führt in Klosters eine Apotheke und stammt aus dem Misox. Das erklärt, weshalb der 60-Jährige nebst Französisch auch fliessend Italienisch spricht. Als Bundesratskandidat kann dies nicht schaden.

Geschätzt wird bei der SVP auch seine Aufbauarbeit als Präsident der Bündner Kantonalpartei nach deren Abspaltung von der BDP. Und seine Risikobereitschaft bei den vergangenen Nationalratswahlen. Die parallele Kandidatur mit Magdalena Martullo-Blocher hätte ihn seinen Sitz kosten können. Stattdessen gewann die SVP einen zweiten hinzu.

Zu Auseinandersetzungen mit der Parteispitze kam es hingegen, als Brand eine Asylinitiative lancierten wollte. Ihr zufolge hätten Flüchtlinge kein Asyl mehr erhalten, wenn sie über ein sicheres Drittland eingereist wären. Faktisch hätten also nur noch auf dem Luftweg eingereiste Asylbewerber ein reguläres Verfahren erhalten. Dies wäre laut Brand das attraktivere Volksbegehren gewesen als Christoph Blochers Selbstbestimmungsinitiative, die Landes- vor Völkerrecht stellen will. Doch die Parteispitze sah es anders.

Manch einer hält Brand auch vor, er ticke immer noch wie ein Beamter – mehr als Technokrat denn als Politiker. Entsprechend fehle es ihm an Ausstrahlung. Gerhard Pfister hingegen findet: «Er würde gegenüber den jetzigen sieben Bundesräten nicht abfallen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.10.2015, 23:05 Uhr

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